Fan-Rückkehr: Warum viele Spiele nicht ausverkauft sind

Man hätte meinen können: Nach monatelanger Abstinenz strömen die Fans nur so in die Stadien, sobald das wieder möglich ist. Doch so war es bisher nicht: Von den rund 110.000 Tickets, die an den ersten vier Spieltagen insgesamt angeboten worden sind, wurden nur knapp 89.000 abgerufen. Lediglich 14 von 31 Partien, wo Zuschauer kommen durften, waren ausverkauft. Allein in Kaiserslautern blieben beim Derby 1.500 Plätze frei. liga3-online.de nennt die Gründe dafür.

Grund 1: Kurzfristigkeit

Ob und wie viele Zuschauer ein Verein zu seinem nächsten Heimspiel zulassen darf, hängt in Zeiten von Corona stark von der 7-Tage-Inzidenz ab. Liegt dieser Wert unter der Grenze von 35, so steht einer Teil-Zulassung von Fans grundsätzlich erst einmal nichts im Wege. Die Entscheidung darüber liegt allerdings bei der zuständigen Gesundheitsbehörde, die auch die örtliche Infektionsdynamik und das jeweilige Hygienekonzept des Vereins zu ihrer Entscheidungsfindung hinzuzieht. Das alles passiert relativ zeitnah vor dem Spieltag, damit der endgültige Beschluss auch auf möglichst aktuellen Zahlen beruht. Zum Leidwesen der Fans.

Für viele kommt der späte Start des Ticket-Vorverkaufs zu kurzfristig, sie haben ihr Wochenende womöglich schon anderweitig verplant, ohne dabei von einer Entscheidung des Gesundheitsamtes abhängig sein zu wollen. Zudem herrscht unter den Anhängern eine große Unsicherheit darüber, wie viel das gekaufte Ticket am Ende überhaupt wert ist. Dynamo Dresden hatte für das Derby gegen Magdeburg bereits 10.000 Tickets abgesetzt, letztlich waren aber doch nur 999 Fans zugelassen. Und in München freuten sich die Anhänger von Türkgücü auf ihre Premiere im Olympiastadion gegen Wehen Wiesbaden, bevor die Behörden kurzfristig doch noch ihre Zuschauer-Zulassung aufhoben und ein Geisterspiel ausriefen. Gleiches galt auch für das Heimspiel des TSV 1860 München gegen Lübeck. Anders als bei Türkgücü hatten die Löwen aber sowieso keine Tickets im freien Verkauf angeboten und wollten lediglich Dauerkartenbesitzer für das Spiel zulassen.   

Grund 2: Art der Ticket-Vergabe

Um den Überblick über die Zuschauer zu behalten und lange Schlangen an den Spieltagen vor den Kassenhäuschen zu vermeiden, gibt es die Eintrittskarten derzeit nur online und im Vorverkauf zu erwerben. Die Tickets sind dabei allerdings personalisiert und in mehreren Fällen mit diversen PLZ-Sperren belegt. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Fans nur aus der Region und vor allem nicht aus Gebieten mit einem erhöhten Infektionsaufkommen anreisen. Vor dem Heimspiel des 1. FC Kaiserslautern gegen Waldhof Mannheim beklagten viele Fans in den sozialen Netzwerken zudem eine komplizierte Kartenbuchung, einige kamen etwa bei der Ticket-Hotline nicht durch. Wohl ein Grund, warum am Spieltag 1.500 Plätze freiblieben. Hinzukommt: Je kleinteiliger die Buchungen, desto mehr Plätze bleiben als Platzhalter frei. Eine optimale Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Kapazität kann am besten erreicht werden, wenn möglichst große Gruppen zusammenliegende Plätze buchen.

Grund 3: Ticket-Preise

Um die Einhaltung der Hygienevorschriften und einen ausreichenden Abstand zwischen den einzelnen Fans zu gewährleisten, werden in den meisten Stadien lediglich Sitzplätze angeboten, während die Stehplatz-Tribünen verwaist bleiben. Die Karten für die Sitzplätze sind dabei allerdings teurer als die für die Stehplätze. Gerade für jüngere Fans und solche mit einem geringeren Einkommen ist das unattraktiv, zumal das besondere Stadionerlebnis (siehe Punkt fünf) für viele auf den Sitzplätzen fehlt. 

Grund 4: Klinischer Stadion-Besuch

Dass die meisten Tickets nur für die Sitzplätze angeboten werden, ist lediglich eine von mehreren Hygienemaßnahmen, die auf die Fans derzeit bei einem Stadion-Besuch zukommen. Während der Begegnung muss beispielsweise die Abstandsregel eingehalten werden und in manchen Stadien ist während des gesamten Aufenthalts das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes verpflichtend. Zudem gibt es ein ligaweites Alkoholverbot. Dass des Weiteren die Laufwege der Zuschauer in den Stadien vorgegeben sind und überall verteilt Spender mit Desinfektionsmitteln herumstehen, verleiht dem Stadion-Besuch endgültig einen klinischen Touch. Manch ein Fan bleibt bei diesen Voraussetzungen lieber zu Hause. 

Grund 5: Erlebnis fehlt

Zumal das Stadionerlebnis unter diesen Bedingungen fehlt. Und das beginnt für viele bereits mit der Anreise. Hat man sich sonst noch mit Freunden oder dem Fanklub vorher in größerer Gruppe getroffen und ist dann gemeinsam in Richtung Stadion losgezogen, sind solche Aktionen aufgrund der Corona-Bestimmungen untersagt. Auch im Stadion ist die Abstandsregelung einzuhalten, es gibt keinen Ausschank von alkoholischen Getränken und die Stehplatztribünen sind nur beschränkt oder gar nicht offen. Das sorgt natürlich generell schon für weniger Stimmung im Stadion. 

Hinzu kommt aber noch, dass viele Fangruppierungen wie beispielsweise in Dresden, Halle, Uerdingen und Kaiserslautern die aktive und organisierte Unterstützung im Stadion offiziell eingestellt haben oder den Spielen teilweise gänzlich fernbleiben, solange es die Corona-Einschränkungen gibt. Gezwungenermaßen fernbleiben müssen zudem die Fans der Gästemannschaften, sie sind bis auf Weiteres zu keinem Auswärtsspiel ihrer Mannschaft zugelassen. Zwar wussten einzelne Fans diese Beschränkung in den vergangenen Wochen schon zu umgehen, für die richtige Stimmung im Stadion reichte das aber auch nicht.   

Grund 6: Angst vor Corona

Und dann wäre da natürlich noch die tatsächliche Angst vor Corona, die manche Zuschauer womöglich vor einem Stadion-Besuch zurückschrecken lässt. Mit den sinkenden Temperaturen sind in der letzten Zeit auch die Corona-Fallzahlen wieder in die Höhe geschnellt. Alleine in den vergangenen sieben Tagen wurden dem Robert-Koch-Institut deutschlandweit 22.834 neue Fälle gemeldet – Tendenz weiter steigend. Wöchentlich werden derzeit rund eine Million Tests durchgeführt. Mögen die Hygienekonzepte in den Stadien noch so ausgereift sein, stellt sich für viele Besucher doch die Frage, ob es in so einer unsicheren Zeit denn unbedingt nötig ist, das erhöhte Risiko einer Infektion unter mehreren tausend Stadiongästen auf sich zu nehmen. Gerade Menschen aus Risikogruppen dürften sich aus Furcht vor einer Ansteckung daher derzeit gegen einen Stadion-Besuch entscheiden. Vor allem, da durch "Magenta Sport" auch alle Spiele live übertragen werden.   

Fazit

Insgesamt wird wohl ein Zusammenspiel aller aufgezählten Punkte dafür verantwortlich sein, dass die Stadien trotz der stark eingeschränkten Kapazitäten nicht vollständig ausgelastet sind. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Corona-Krise zu Beginn der kalten Jahreszeiten ist zu befürchten, dass es dabei auch zunächst bleiben wird. Auch Geisterspiele werden wohl wieder vermehrt zur Tagesordnung gehören, selbst ganze Spielausfälle wie zuletzt in Duisburg drohen noch häufiger vorzukommen. Bis wieder ein normaler Spielbetrieb mit vollen Stadien möglich ist, dürfte es noch einige Monate dauern.

Warum verzichtet ihr auf einen Stadion-Besuch? (mehrere Antworten möglich)

Ergebnisse zeigen

Loading ... Loading ...

   
  • Block 9

    Ich habe "Ich verzichte nicht auf den Stadion-Besuch" angeklickt, weil ich in der aktuellen Lage meinen Verein vor allem finanziell durch den Ticket-Erwerb unterstützen möchte. Aber ich finde besonders den Punkt "Erlebnis fehlt" gravierend. Mit früheren Stadion-Besuchen ist das derzeit überhaupt nicht vergleichbar. Das gewohnte Stadionerlebnis fehlt definitiv. Man kann echt Allen nur wünschen, dass dieses Scheiss Corona bald vorbei ist und wir unser normales Leben (nicht nur beim Fussball) zurück bekommen.

  • ironimus

    Es kommt natürlich auch noch die Unsicherheit hinzu, dass sich die Regularien manchmal von einem auf den anderen Tag ändern. In München hatte der TSV 1860 für das Spiel gegen Lübeck zunächst eine mündliche Zusage für 3.000 Zuschauer. 2 Tage später wurde schriftlich eine Reduzierung auf 1.500 verordnet. Auch diese Genehmigung wurde widerrufen und dann eine vollständige Sperre auf 0 für das GWS verfügt. Aber nur 8 km entfernt vom GWS durfte SpV Unterhaching im Sportpark vor ca. 1.500 Zuschauern (10%) spielen. Der Unterschied ergab sich aus den unterschiedlichen Begrenzungen für München Stadt (GWS) und den Landkreis München (Sportpark). Das soll jetzt keine Kritik sein. Ich wäre auch nicht gerne dafür zuständig. Aber dieser Vorgang zeigt beispielhaft, wie schnell sich Verordnungen ändern und auf kurze Entfernungen unterschiedlich ausgelegt werden können. Das schreckt manchen Fan davon ab, sich online um Karten zu kümmern, die er dann u.U. gar nicht nutzen kann. Es kommt halt vieles zusammen und so ist es verständlich, dass selbst die stark reduzierten Kartenkontigente nicht ausverkauft sind.

  • Pingback: Warum laufen der 3. Liga die Zuschauer davon? • sechzger.de • News rund um den TSV 1860 München()

Back to top button