Zwischen Tragik und Aufbruch: MSV darf jetzt nicht stehen bleiben
Das "Wunder von der Wedau" hat einen Zwischenstopp eingelegt. Fast zwei Jahre lang erlebte der MSV Duisburg durchaus Höhen und Tiefen, die letzten Endes in Erfolg mündeten. Auch Platz 4 ist im Nachgang der Saison als positives Ergebnis zu bewerten, wenngleich der Finger für den verpassten Aufstieg in die Wunde gelegt werden wird. Es gibt offensichtliche Ansatzpunkte. Ein Kommentar.
Typisch MSV: Ja oder nein?
Seien wir mal ehrlich: Platz 4 für den Aufsteiger aus Duisburg hätte jeder MSV-Fan vor dieser Spielzeit unterschrieben. Das letzte Drittliga-Jahr, in dem der Meidericher Spielverein einigermaßen etwas zu feiern hatte, war die Saison 2019/20 – da verpasste der MSV zwar auch den Aufstieg in die 2. Bundesliga, aber lief zumindest noch auf Platz 5 ein. Vier Jahre lang bettelten die Zebras anschließend um den Abstieg in die Regionalliga, was dann letzten Endes auch eintraf. Die Saison in der West-Staffel weckte so viel Zusammenhalt, so viel Zuversicht und so viel Energie bei den Zebras, wie schon lange nicht mehr.
Und dann kam auch noch dieser Rekordstart in der 3. Liga mit sechs Siegen am Stück. Viele Zuschauer fragten sich schon, ob das noch der MSV ist, der in den letzten Jahren und Jahrzehnten so viele Chancen ungenutzt ließ. Und am Ende der Spielzeit beantwortet mancher Fan die Frage recht zynisch: Ja, es ist immer noch mein MSV. Denn den Aufstieg am letzten Spieltag zu verspielen, das war wieder so typisch. Aber das ist es gar nicht, denn Duisburg hat in der Zwischenzeit so viel mehr bewegt, was am bloßen Tabellenbild nicht abzulesen ist. Mittelfeldmotor Rasim Bulic fasste das nach dem verpassten Aufstieg relativ trocken zusammen: "Es gab auch mal Zeiten, da kamen ’nur' 10.000 Zuschauer."
Vergleich mit zwei Konkurrenten
Über 30.000 Fans verfolgten das Aufstiegsfinale im eigenen Stadion. Und nach dem Scheitern folgte wärmender Applaus anstelle eines frustrierten Pfeifkonzerts. Ein solches gab es auch schon einmal, als Duisburg Spitzenreiter in der 3. Liga war – und am Ende den Aufstieg schaffte. Aber natürlich ist auch Frust vorhanden. Cheftrainer Dietmar Hirsch machte daraus kein Geheimnis, wollte vom vierten Platz nach Abpfiff nichts hören. Der Schmerz, er war am Ende doch verständlich. Er wäre auch nicht so groß gewesen, wenn die Chance nicht so gut gewesen wäre. Und jetzt kommt die entscheidende Aufgabe: Der MSV muss dran bleiben.
Hirsch kündigte Wochen vor dem Saisonfinale an, dass der Aufstiegstraum ein 'Wollen' und kein 'Müssen' war. Geschäftsführer Michael Preetz deutete vor Wochen schon an, dass auslaufende Verträge im Duisburger Kader neuen Spielraum für Feinjustierung bieten. Und in dieser Spielzeit gab es zwei Beispiele, wie sich der MSV entwickeln kann. Einmal Energie Cottbus, das nach einer ähnlichen Situation im Vorjahr, als die Wollitz-Elf kurz vor Schluss auf Platz 4 abrutschte, den direkten Aufstieg in dieser Saison schaffte. Und einmal der 1. FC Saarbrücken, der letztes Jahr noch die Zweitliga-Relegation spielte und dieses Jahr gegen den Abstieg kämpfte. Duisburg kann dran bleiben, indem die bisherige Arbeit fortgesetzt wird.
Hirsch räumte Kopfsache ein
Die Punkte, an denen Duisburg ansetzen wird, sind offensichtlich. Auswärts holten die Zebras nur 21 Punkte aus 19 Partien, während zuhause wieder eine Saison ohne Heimniederlage gespielt wurde – erst zum dritten Mal in der Drittliga-Geschichte, aber schon zum zweiten Mal vom MSV. Warum dieser Unterschied zwischen Heim und Auswärts existiert, ist nicht immer erklärbar. Aber Hirsch wird sich die Fragen genauso stellen, wie jeder Fan auch. Vom Cheftrainer werden allerdings auch Lösungen gefordert, zumal in der Regionalliga die Auswärtsbilanz sogar leicht besser war als die Heimquote. Aber auch die Mentalität wird sich beim MSV verändern.
Über Zweifel an Kampfgeist und Einsatzwillen waren die Zebras erhaben, aber die Rolle des Außenseiters kann Duisburg in der neuen Saison nicht mehr einnehmen. Hirsch predigte oftmals, dass seine Spieler Spaß an der Sache und keinen Druck haben sollen. Doch die letzten Spiele gegen Aue (0:0) und Köln (1:1) zeigten schon, dass der Kopf mitgespielt hat – und das räumte der Cheftrainer auch ein. Viele Kleinigkeiten, wie auch die Tatsache, dass Duisburg zu viele Punkte gegen spätere Absteiger liegen ließ und dadurch jedes Mal im eigenen Stadion und gegen die Top-Mannschaften zum Siegen gezwungen war, müssen und werden einen Lerneffekt bringen.
Erwartungshaltung und Anspruch steigen
In Duisburg wird sich niemand in die Tasche gelogen haben, in der Kabine wird es stets klare Worte gegeben haben. Und daraus resultierte: Wenn der MSV liefern musste, dann wurde ganz oft geliefert. Nur beim allerletzten Schritt fehlte die letzte Konsequenz, die sich noch entwickeln kann. Unter anderen Voraussetzungen. Die Erwartungshaltung wird steigen, aber auch der eigene Anspruch wird größer werden. Es ist der natürliche Lauf der Dinge, dass Duisburg jetzt nicht in Zufriedenheit verfällt und Platz 10 bis 15 für die kommende Saison anvisiert. Wohlwissend, dass ein Blick in den Rückspiegel nie schaden kann. Der MSV wird dran bleiben.