Warum Pedersen bei Eintracht Braunschweig scheiterte

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Ende Mai trat Henrik Pedersen in jene riesigen Fußstapfen, die Vorgänger Torsten Lieberknecht bei Eintracht Braunschweig hinterlassen hatte. Als Zielsetzung schwebte allen Beteiligten beim BTSV der direkte Wiederaufstieg in die 2. Liga vor – ein Unterfangen, von dem die Niedersachsen mittlerweile bekanntermaßen meilenweit entfernt sind. Am Mittwochvormittag zogen die Löwen mit der Entlassung des Dänen die Reißleine. liga3-online.de stellt vier Faktoren heraus, warum der 40-Jährige bei den Blau-Gelben schon nach rund vier Monaten wieder die Koffer packen musste.

Grund 1: Die Unerfahrenheit des Trainers

Mit der Erfahrung von 58 Pflichtspielen als Cheftrainer in der 2. Liga heuerte Henrik Pedersen bei der Eintracht aus Braunschweig an. Doch dabei handelte es sich nicht um Spiele im deutschen Unterhaus, sondern um 58 Partien mit dem dänischen Zweitligisten HB Köge. Pedersen fehlte vor seinem Amtsantritt bei den Niedersachsen somit die Erfahrung im Haifischbecken 3. Liga. Zwar hatte der Übungsleiter zwischen 2016 und 2017 beim 1.FC Union Berlin als Co-Trainer assistiert und so den deutschen Profifußball näher kennenlernen dürfen, jedoch entstand und bestätigte sich der Eindruck, dass der Däne das spielerische wie kampfbetonte Niveau der 3. Liga unterschätzte.

Beispielhaft dafür können vor allem jene Spiele gegen Wehen Wiesbaden (Endstand 3:3 nach 3:1 Führung) oder auch das jüngste 2:2 gegen die Sportfreunde Lotte angeführt werden, in denen der BTSV nahezu mit dem Schlusspfiff die Siege aus der Hand gab und vom Trainer vielleicht klarere Ansagen und Umstellungen benötigt worden wären, um die so wichtigen drei Punkte jeweils einzufahren. Oder auch die Besetzung der vakanten Torhüterposition: Nach dem Abgang von Jasmin Fejzic (1. FC Magdeburg) legte sich Pedersen früh auf den unerfahrenen Marcel Engelhardt als neue Nummer eins fest. Eine Fehlentscheidung, wie die mehrfachen Aussetzer des 25-Jährigen in seinen bislang zehn Einsätzen (21 Gegentore) verdeutlichen. Zwar rüstete man in Person von Lukas Kruse mittlerweile auf, hätte jedoch schon um einiges früher auf dieser Position nachbessern müssen. Für Pedersen – der mit an der Kaderplanung beteiligt war – kommt jene Verstärkung zwischen den Pfosten in jedem Fall viel zu spät.

Grund 2: Die Kaderzusammenstellung

Kaderplanung ist genau das richtige Stichwort: Natürlich muss man erst einmal einräumen, dass Eintracht Braunschweig durch den überraschenden Abstieg in die Drittklassigkeit ein riesiger Aderlass ins Haus stand, satte 18 Spieler verließen den Verein. Darunter befanden sich einerseits Akteure der Marke Khelifi, Hochscheidt oder Breitkreuz, die schlicht und ergreifend nicht zu halten waren. Andererseits aber verzichtete man auch auf die Dienste verdienter Spieler wie Ken Reichel oder Mirko Boland, die dem BTSV mit ihrer Erfahrung speziell in der aktuellen Misslage sicherlich weiterhelfen hätten können. Entscheidungen, die auch Pedersen im Zusammenspiel mit Marc Arnold zu fällen hatte.

Gleichzeitig setzte das Kaderplanungs-Duo bei den insgesamt (inklusive Lukas Kruse) 13 externen sowie neun internen Neuzugängen vorrangig auf junge, vergleichsmäßig unerfahrene Akteure. Kaum einer der Neuen verfügte – mit Ausnahme von Burmeister, Janzer und Fürstner – im Vorfeld auch nur annähernd über ausreichend Drittliga-Erfahrung, was sich dann auch in den teils blauäugigen und unkonzentrierten Vorstellungen auf dem Platz widerspiegelte. Selbstverständlich machten jene Umstände um die Streichkandidaten Abdullahi (nur leihweise zu Union Berlin), Valsvik und Nyman (beide noch im Verein) – die man eigentlich gerne verkauft hätte, um den Spielraum bei der Kaderplanung noch einmal auszuweiten – die Kaderzusammenstellung nicht unbedingt einfacher. Es ändert aber nichts daran, dass auf den wichtigen Positionen wie beispielsweise im Sturmzentrum, wo Hofmann mehr oder minder den Alleinunterhalter mimt, oder auch im Mittelfeld unzureichend nachgelegt wurde und vor allem die Breite fehlt. Ein Versäumnis, dass auch Henrik Pedersen mit angerechnet werden muss.

Grund 3: Das Spielsystem

Noch unter Vereinslegende Torsten Lieberknecht agierten die Braunschweiger in einem (zumeist) stabilen 4-4-2 mit Doppelsechs und Doppelspitze. Pedersen hingegen trat sein Amt mit der Zielsetzung an, frischeren Offensivfußball mit effektiven Pressingmomenten und überraschendem Umschaltspiel praktizieren zu lassen. In der Vielzahl der Pflichtspiele setzte der Däne auf ein 4-3-3 mit dem Angreifer-Trio Bulut-Amundsen-Hofmann und ging davon aus, mit offensiv ausgerichtetem "Hurra"-Fußball die Liga aufmischen zu können – eine fatale Fehlentscheidung, wie die bisherigen elf Liga-Auftritte seiner Mannschaft bestätigen sollten.

Nicht nur, dass die Offensive der Löwen mit bislang 13 eigenen Treffern viel zu wenig Output lieferte. Gerade die Defensive des BTSV offenbarte Spieltag für Spieltag ungeahnte Schwächen, die wohl ihren Höhepunkt in der 2:4-Auswärtsniederlage beim SV Meppen fanden, wo man auch durchaus höher unter die Räder hätte kommen können. Pedersen schaffte es nicht, den Schalter in den Köpfen der Spieler umzulegen, als es darum ging, vom schönen Dominanz-und Offensivfußball sich auf eine defensiv orientiertere und ballsichere Spielweise umzustellen und den Abstiegskampf in der 3. Liga anzunehmen.

Grund 4: Die Erwartungshaltung

Es waren schon riesige Fußstapfen, in die Henrik Pedersen zu seinem Amtsantritt Ende Mai trat. Nach zehn Jahren als Chefcoach der Blau-Gelben trennte man sich in Braunschweig von Vereinsikone Torsten Lieberknecht – jenem Übungsleiter, der die Eintracht zwischen 2010 und 2012 erst in die Zweitklassigkeit und danach sogar in die Bundesliga zurückgeführt hatte. Nicht wenige Fans und Anhänger bekundeten vor der Saison ihren Unmut über diese Entscheidung und beobachteten die Amtseinführung des unerfahrenen Pedersen mit Argusaugen. Keine Frage: Der 40-Jährige hatte schon zu Anfang seiner Trainertätigkeit einen extrem schweren Stand.

Doch nicht nur das Vermächtnis von Torsten Lieberknecht schraubte die Erwartungshaltung vor der Spielzeit 2018/19 an den neuen starken Mann an der Linie extrem in die Höhe. Als Absteiger aus der 2. Liga war der direkte Wiederaufstieg – auch wenn dieser nie seitens der Verantwortlichen im Verein als offizielles Ziel ausgegeben wurde – selbstverständlich in den Köpfen der eigenen Anhänger verankert. Viel wurde im Vorfeld versprochen vom neuen, erquickenden und dominanten Offensivfußball und immerhin 15 Trainer der Liga sahen Eintracht Braunschweig vor der Saison als einen der Aufstiegskandidaten.

Doch der Liga-Alltag sah schon jäh anders aus: Mit jedem erfolglos absolvierten Spieltag machte sich immer mehr Ernüchterung breit rund um die Hamburger Straße, schon früh forderten die fußballbegeisterten Anhänger den Rücktritt von Manager Marc Arnold, mit dessen Entlassung Ende August wohl die wichtigste Säule des Vertrauens in die Arbeit von Henrik Pedersen wegbrach. Und auch wenn Vereinspräsident Sebastian Ebel noch vor Kurzem dem Dänen seine Zuversicht aussprach: Der Druck aus dem Umfeld war nach den neuerlichen Negativerlebnissen einfach zu groß geworden, um ein Festhalten an Pedersen zu rechtfertigen. Für diejenigen, die es wohlgesonnen mit den Braunschweigern halten, bleibt nun nur zu hoffen, dass Neu-Trainer André Schubert der erhoffte Feuerwehrmann ist und schnell das Ruder herumreißen kann, nn eines ist klar: Die Braunschweiger Löwen brauchen dringend wieder einen Dompteur, der den Takt vorgibt.

   

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