Totgesagte leben länger: BTSV und FCC schreiben Geschichte

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Es muss zum Ende der Hinrunde gewesen sein, als wir Statistiken wälzten und feststellten: Einen so großen Rückstand, neun Punkte waren es zwischenzeitlich für Eintracht Braunschweig, hat noch nie ein Kellerkind aufgeholt. Jetzt hat der BTSV Geschichte geschrieben – und Carl Zeiss Jena ebenso, denn auch die Aufholjagd der Thüringer hat es so noch nicht gegeben. Ein Rückblick.

Braunschweig: Aufholjagd begann im Winter

Was war das für ein grauenhaftes erstes Halbjahr für den Zweitliga-Absteiger. Schlimmer hätte es kaum kommen können, als die Eintracht Anfang Dezember mit zehn Pünktchen nach 18 Spielen abgeschlagen auf dem letzten Platz rangierte. So wenig konkret sich ein jeder Fan, ein jeder Mitarbeiter mit dem Szenario Regionalliga Nord tatsächlich beschäftigen wollte, so wahrscheinlich war es. Denn 45 Punkte, da waren sich Experten, Medien und alle, die sonst etwas von der 3. Liga verstehen wollten einig, die brauchte man zum sicheren Klassenerhalt. 0:3 in Unterhaching, 1:4 gegen Kaiserslautern, 2:4 in Meppen, 0:3 in Münster – es war so manche Arbeitsverweigerung dabei und ist im Nachhinein fast schon skurril, dass etwa die späten Anschlusstreffer in Meppen oder der Fakt, dass man sich in Münster nicht vollends abschießen ließ – die Leistung gab es durchaus her – ihren kleinen Baustein lieferten für das Torverhältnis, das letztlich den Ausschlag über Klassenerhalt und Abstieg geben sollte.

Ohne André Schubert wäre das Wunder wohl kaum möglich gewesen. Ja, der 47-Jährige braucht eine ordentliche Anlaufzeit von sieben sieglosen Spielen, doch die gab ihm Eintracht Braunschweig, vielleicht auch aus Mangel an Alternativen. Kurz vor der Winterpause stellte die Schubert-Elf mit vier Punkten aus zwei Partien wieder etwas Hoffnung her, dann wurde in der Transferphase für viel Geld ausgemistet: Verträge wurden aufgelöst, diverse Fehlverpflichtungen schnell wieder vom Hof gejagt – darunter sogar Torhüter Lukas Kruse, der erst im Herbst unter Vertrag genommen war. Gut 500.000 Euro zahlte der BTSV schätzungsweise für Marcel Bär, Benjamin Kessel und Bernd Nehrig, die für Torgefahr und Erfahrung sorgten.

Und tatsächlich trat das bestmögliche Szenario ein: Braunschweig punktete ab dem ersten Spiel des neuen Jahres, hatte das zuvor verwehrte Spielglück in zahlreichen engen Partien immer wieder auf seiner Seite. Allein Julius Düker traf als Joker dreimal in der Nachspielzeit zum Ausgleich – wie wichtig jeder dieser Punkte war, ist in der Endabrechnung schnell abzulesen. Es war bezeichnend, dass der BTSV, der in der Rückrunde 32 (!) Punkte holte, bis zum Ende zittern musste, weil er für den frühzeitigen Ligaverbleib dann doch nicht clever genug war. Dieses Mal aber war das Glück mit den Tüchtigen. Und wer die Geschichten rund um Darmstadt 98 und den SC Paderborn kennt, der könnte nun vage Thesen aufstellen, wohin die Reise für Braunschweig im kommenden Jahr geht…

Jena: Sechs Siege aus sieben Spielen

Carl Zeiss hatte eine schwere Saison vor sich, das war jedem klar. Auch die sechs Punkte zum Saisonauftakt blendeten nur wenige Fans, ganz im Gegenteil, es waren nicht mehr als die ersten Zähler für das große Ziel Klassenerhalt. Und die Formkurve zeigte anschließend rapide nach unten: Einen Sieg gab es aus den folgenden zwölf Spielen nur noch, Trainer Mark Zimmermann musste Anfang Dezember nach zwei Niederlagen mit jeweils fünf Gegentoren gehen. Lukas Kwasniok übernahm die Mission, die Thüringer zu retten – und startete mit einem 3:1-Auswärtssieg bei 1860 München höchst vielversprechend in sein erstes Traineramt auf nationaler Ebene.

Doch dann wurde aus Jena, das zuvor viele Tore kassiert wie geschossen hatte, eine Mannschaft, die unansehnlichen Fußball spielte – und das spiegelte sich deutlich in den Ergebnissen wider. 0:0, 0:0, 0:0, 1:1, 0:2, 0:1, 0:0 hieß es plötzlich in Serie, Jena wurde immer weiter durchgereicht und sah sich angesichts stark punktender Konkurrenz immer mehr mit dem Abstieg konfrontiert. Am 31. März schließlich, Kwasniok hatte seit dem München-Spiel im Dezember kein (!) Spiel mehr gewonnen, kam es zum "Abstiegsshowdown" in Aalen. Nur der Gewinner habe noch eine Chance, prognostizierten wir damals. Die Partie endete 1:1, Jena hatte sieben Spieltage vor Schluss acht Zähler Rückstand. Nein, das ist nicht mehr aufzuholen, dachten viele.

Denkste! In einem Comeback, das es so wohl lange Zeit kein zweites Mal geben wird, besiegte Carl Zeiss Jena sechs der letzten sieben Gegner. Cottbus, Rostock, Wiesbaden, Unterhaching, Meppen und 1860 München, sie alle zogen gegen die ungeheure Willenskraft der Ostdeutschen den Kürzeren, einzig die Würzburger Kickers schafften (durchaus unter Mithilfe des Schiedsrichter-Gespanns) einen Sieg gegen die Mannschaft der Stunde. Von 28 Punkten katapultierte sich Jena damit hoch auf 46 und vollbrachte das Wunder Klassenerhalt. Es hätte kein Erfolg weniger sein dürfen.

   

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