Kampf gegen mentale Blockade: RWE sucht letzte Tür zur 2. Liga

Paralysiert während des Spiels, ernüchtert danach: Das 1:6 beim VfB Stuttgart II fühlte sich für Rot-Weiss Essen bereits wie der endgültige Aufstiegs-Knockout an. Doch Aufgeben ist (noch) keine Option – allerdings braucht RWE nun neben Patzern der Konkurrenz zwingend einen Heimsieg über den SC Verl. Wie plant Trainer Koschinat, die Köpfe seiner Spieler nach dem "Systemabsturz" zu befreien?

Es waren doch mal sieben Punkte Vorsprung …

Der 19. April liegt doch erst wenige Tage zurück, und doch erinnern sich Fans von Rot-Weiss Essen dieser Tage immer wieder an eine Blitztabelle. Fast eine Stunde lang hatte RWE damals im Spitzenspiel bei Energie Cottbus geführt, sich so ein Polster von vier Punkten auf Rivale MSV Duisburg und gar sieben Punkten auf die Lausitzer geschaffen – und das vier Spieltage vor Schluss! Alles sollte anders kommen. In der ersten Maiwoche ist RWE ein Häufchen Elend, das verzweifelt auf den Neustart-Knopf hämmert. Aus der 3:1-Führung in Cottbus wurde ein 3:5, aus dem erhofften Pflichtsieg gegen die in dieser Saison so enttäuschende Saarbrücker eine 1:2-Heimpleite und aus dem Gastspiel beim VfB Stuttgart II in Großaspach bekanntlich sogar ein völliges Fiasko (1:6).

Ein Spiel, das aus Sicht der Westdeutschen in enorm unrühmlicher Erinnerung bleiben wird, bot es doch den nun oft zitierten Systemabsturz, der an historische Fußballnächte wie das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft 2014 beim damaligen WM-Gastgeber Brasilian erinnerte. Doch statt Dante, David Luiz und Luiz Gustavo waren es Spieler wie Michael Schultz, Jose Enrique Rios Alonso und Torben Müsel, die offenkundig von der Chance auf den ersehnten Zweitliga-Aufstieg gelähmt wurden, zumindest aber so auftraten.

Kopfproblem unübersehbar

Trainer Uwe Koschinat ist keiner, der nach solchen Spielen in Deckung geht und die Öffentlichkeit meidet. Auch unmittelbar nach dem Desaster vom vergangenen Wochenende setzte er bereits zu einer durchdachten Analyse an, die aber Fragezeichen beinhaltete. "Es gibt so kurz nach dem Spiel kein Patentrezept, so leicht ist es nicht“, sagte der 54-Jährige. "Wir haben zu viele Spieler auf dem Platz gehabt, die zu sehr auf der Suche nach Sicherheit sind. Wir müssen nun diejenigen finden, die die Situation nicht als Belastung sehen, sondern positiv."

Doch wer soll dies sein? Der Kader ist seit Monaten klar besetzt, für die plötzliche Nominierung von Ergänzungskräften wie Ben Hüning, Danny Schmidt oder Kelsey Owusu gibt es wenige offensichtliche Gründe. Viele Hoffnungen ruhen indes auf Rückkehrern wie Klaus Gjasula, Franci Bouebari, Dickson Abiama und Ramien Safi, die beim 1:6 verletzt oder gesperrt fehlten. Doch längst nicht bei jedem ist ein Einsatz am kommenden Wochenende klar, bei Bouebari und Gjasula deutet sich ein Rennen gegen die Zeit an.

RWE braucht eine besondere Leistung

Was Brasilien und RWE derweil außerdem eint: Nach der Blamage ist immerhin noch ein Spiel um Platz 3 in Aussicht. Präziser formuliert sind es für die Männer aus dem Ruhrgebiet nun sogar derer zwei, allerdings von völlig unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Während es an diesem Samstag gegen den zuletzt wiedererstarkten SC Verl überhaupt erst darum geht, sich wieder eine gute Chance zu erarbeiten, müsste diese am 38. Spieltag beim feststehenden Absteiger aus Ulm veredelt werden. Die Tabellenlage ist schnell erzählt: Cottbus und Duisburg kommen auf 66 Punkte, Essen auf 64 – dazu tut das ruinierte Torverhältnis seit der Rückkehr aus Großaspach.

RWE braucht nun also Schützenhilfe, am Wochenende konkret vom SV Wehen Wiesbaden, der in Cottbus gastiert, sowie Absteiger Aue im Duell mit den Zebras. Und natürlich das eigene Ergebnis gegen den vielleicht spielstärksten Drittligisten aus Verl, der sich durchaus überraschend vorzeitig aus dem engsten Favoritenkreis verabschiedete. Eine besondere Leistung ist vonnöten, zumal der SCV selbst noch leise Hoffnungen hegen darf und mit einem Auswärtssieg Rot-Weiss vom 4. Rang stoßen würde. Allemal braucht es mehr, als damals Brasilien als Reaktion gegen die Niederlande anbot – und mit einer 0:3-Pleite unter lauten Pfiffen auch den 3. Platz verspielte.

Gegen Verl wie einst gegen Hannover?

Für Koschinat zählt im Duell mit den Ostwestfalen, das entgegen aller Stärken und Schwächen der ligaweit besten Offensivreihen im Hinspiel 0:0 endete, primär die Startphase. "Es liegt an mir, dass wir 20 Top-Minuten gegen Verl haben, in denen wir wieder Boden unter den Füßen kriegen können", gab der RWE-Trainer vor. Wie dies aussehen wird, wenn sein mental schwer beschäftigtes Team auf den dominanten Ballbesitzfußball der Ostwestfalen trifft, dürfte auch für neutrale Fans spannend zu beobachten sein. "Damals gegen Hannover hat es auch geklappt“, erinnerte sich Koschinat an den Vorjahreswinter – tatsächlich siegte Essen damals nach einer furiosen ersten Halbzeit mit 5:1 gegen die 96-Reserve und läutete so eine tolle Rückserie ein. Das Problem: Hannovers Talente stiegen sang- und klanglos ab, Verl kommt als gänzlich andere Hausnummer daher.

Eigentlich, so resümierte Koschinat nach dem 1:6 ehrlich, könne man sich mit einer solchen Anzahl an Gegentoren (64 – Absteiger Aue hat nur vier mehr) sowie kassierten Strafstößen (14, davon verwandelte Stuttgarts Nicolas Sessa den 13.) nicht als Spitzenteam bezeichnen. Doch die vielen stabilen Phasen der Saison sagen etwas anderes – und die Tür zum Relegationsrang öffnet sich ja bereits, wenn Energie Cottbus oder der MSV Duisburg auch nur einmal Federn lassen. Die Aufmunterung, die viele der fast 3.000 mitgereisten Essenern ihren vorgeführten Helden in Großaspach entgegenbrachten, darf als weiterer Mutmacher verstanden werden. Solche Reaktionen sind am ambitionierten Standort Essen alles andere als alltäglich. Offenbar haben an der Hafenstraße alle Beteiligten begriffen: Diese Chance ist zu schade, um sie verfrüht wegzuwerfen. Und vielleicht löst ja ausgerechnet der Gedanke, ab sofort nichts mehr zu verlieren zu haben, die Blockade in den Köpfen.

   

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