Wie der VfL Osnabrück zum 8. Mal in die 2. Bundesliga aufstieg
"Nie mehr 3. Liga" schallte es am vergangenen Sonntag durch Wiesbaden. Der VfL Osnabrück ist zurück in der 2. Liga! Angesichts des bereits achten (!) Aufstiegs mag es mancher als liebgewonnene Routine empfinden, doch wirklich angekündigt hatte sich die Rückkehr in dieser Saison nicht. Umso mehr können viele andere Klubs vom VfL lernen. Was genau, das zeigt liga3-online.de auf.
Rauschende Feier an ungewöhnlichen Orten
Keine Frage: Dieser Aufstieg war in jederlei Hinsicht schwer mit dem vorherigen zu vergleichen. Noch ziemlich präsent war vielen Fans die Intensität, mit der die Glücksgefühle im Jahr 2023 den Körper fluteten, als die Niedersachsen mit einer kinoreifen Last-Minute-Spielwendung und einem 2:1 über Borussia Dortmund II noch das direkte Ticket zur 2. Bundesliga lösten. Drei Jahre darauf feierte Lila-Weiß im Mannschaftsbus, und wieder spielte eine Bundesliga-Reserve eine wichtige Nebenrolle: Der VfB Stuttgart II entzauberte bekanntlich Rot-Weiss Essen mit 6:1, und jedes weitere Tor der jungen Schwaben wurde mit Kaltgetränken begrüßt. Angekommen in Wiesbaden, jubelte der VfL-Tross auf dem Parkplatz und in der Hotellobby.
Umso erstaunlicher, dass der mittlerweile feststehende Drittliga-Meister um Trainer Timo Schultz 24 Stunden darauf dazu in der Lage war, das bedeutungslose Auswärtsspiel beim SV Wehen Wiesbaden mit 3:2 für sich zu entscheiden und den 5.000 zum Jubeln angereisten VfL-Fans noch ein zusätzliches Sahnehäubchen zu servieren. Dass das Siegtor in der Nachspielzeit fiel und dem 38-jährigen Robert Tesche vergönnt war, fiel in die Kategorie Fußball-Kitsch: Tesche ist der letzte verbliebene Osnabrücker Profi, der bereits die gesamte Saison 2022/23 (als Leistungsträger!) im Verein verbrachte – und angesichts seines Alters und geringer Einsatzminuten wohl Kandidat für einen baldigen Abschied vom VfL, zumindest was das aktive Treiben auf dem grünen Rasen betrifft.
Mal wieder siegt in der 3. Liga das Kollektiv
In der Nachbetrachtung birgt dieser Aufstieg aus VfL-Sicht viel Erzählstoff. Hatte er sich angekündigt? Nicht wirklich. Wurde er vor der Saison offensiv als Ziel benannt? Nein. War er nach der Startphase in die Saison absehbar, als händeringend nach offensiver Durchschlagskraft gesucht wurde? Keineswegs! Das Auftakt-0:0 gegen Alemannia Aachen war ein für Neutrale furchtbar zähes Fußballspiel, im ersten Auswärtsspiel beim TSV 1860 – damals übrigens der vielzitierte Topfavorit – lag die Schultz-Elf nach 52 Minuten mit 0:3 im Hintertreffen. Doch wer damals im Grünwalder Stadion aufmerksam verfolgte, wie der VfL Osnabrück mit diesem sich abzeichnenden Fehlstart umging, der horchte bereits auf. Der Gästeblock sah ein mächtiges Aufbäumen, belohnt zwar nur mit dem 1:3-Anschlusstreffer, doch in den Folgewochen verstetigte sich ein Trend.
Die Defensive wuchs im 3-4-2-1-System, an dem im Saisonverlauf nie gerüttelt wurde, zusammen. Vorne genügte in engen Partien immer wieder die spät getätigte, aber sehr hochwertige Leih-Verpflichtung von Robin Meißner gepaart mit der Joker-Qualität von Ismail Badjie und dem unscheinbar agierenden, aber unglaublich spielintelligenten Lars Kehl, der etliche entscheidende Tore einleitete (18 Scorerpunkte, davon zwölf Vorlagen). Die Frage nach dem Spieler der Saison wäre schon hier unbeantwortbar, drum ist es aus Sicht des VfL besser, sie nicht zu stellen. Denn unbestritten verfügen die Hasestädter über das mit Abstand (!) beste, mental unerschütterlichste und am klarsten geführte Kollektiv.
Eine Rückserie für die Historie
Auf die Schulter klopfen kann sich hier abermals das Verantwortlichen-Duo Joe Enochs und Daniel Latkowski: Sie fanden im 32-jährigen Dänen Bjarke Jacobsen – ablösefrei gekommen vom SVWW – neben Trainer Schultz einen weiteren perfekten Baustein. Unter der Führung von Jacobsen, Kapitän Jannik Müller und Torwart Lukas Jonsson konnten alle anderen Spieler reifen und ein Selbstverständnis entwickeln, das in der Rückrunde kulminierte. Der VfL wirkte, als wüsste er mit Anpfiff um seine Unbesiegbarkeit – und seine Gegner, dass das Ankämpfen dagegen zwecklos ist. Nur die Heim-Phalanx des MSV Duisburg war stark genug, dieses Kollektiv zumindest für 90 Minuten zu brechen. Aber auch das brachte die Zahnräder an der Bremer Brücke überhaupt nicht mehr aus dem Takt.
So ist trotz der einen 0:1-Niederlage beim MSV eine Rückrunde für die Ewigkeit in der Mache. 44 Punkte hat der VfL in 17 Spielen gesammelt, ihm fehlen noch zwei, um die Halbserien-Bestwerte vom 1. FC Heidenheim (2013/14) und dem Karlsruher SC (2012/13) zu übertreffen. Auch mit bereits 23 erlangten Siegen sowie einer möglichen Punkteanzahl jenseits der 80er-Grenze wird sich der VfL Osnabrück in den Annalen der 3. Liga weit oben einsortieren.
Und wie geht es dann weiter? Der Startpunkt dieses märchenhaften Aufschwungs sollte zugleich eine Warnung sein: Ziemlich genau hälftig zwischen den beiden Aufstiegsfeiern liegt ein schwarzer Tag, als Osnabrück Anfang Dezember 2024 ans Tabellenende der 3. Liga abstürzte und einen Fortbestand in der Regionalliga befürchten musste. Es gilt, alles besser zu machen als in der Saison 2023/24, als der VfL freudetrunken in die 2. Bundesliga stolperte, dem vorhandenen Kader zu viel zutraute und nach einer Neun-Punkte-Hinrunde schon den direkten Wiederabstieg einplanen durfte.
Weg vom Fahrstuhl-Image?
Offene Fragen um die Zukunft einiger Schlüsselspieler – Kehl, dessen Vertrag ausläuft, sowie Badjie gelten als heiß umworben – sind eine erste Herausforderung. Die Frage, ob die routinierte Achse aus dem Aufstiegsjahr auch auf Zweitliga-Niveau so performen kann wie bislang, eine weitere.
Das Faustpfand aber bleibt die Geschlossenheit im innersten Kreis sowie darüber hinaus. Der unerwartete Aufstieg hat Euphorie in einer Größenordnung geweckt, die auch beim VfL erst einmal realisiert werden muss: 5.000 Fans, die Wiesbaden in Lila-Weiß tauchen, sind ein ordentlicher Vorgeschmack auf das, was die zweite Liga bald erwartet. Der nahende Stadionumbau wird auch im infrastrukturellen Bereich Improvisation erfordern, Karten für die schon jetzt ständig ausverkaufte Bremer Brücke werden noch begehrter.
Doch die langfristige Aussicht auf eine endlich wieder voll überdachte, hochmoderne Arena dürfte den Moment der Glückseligkeit abrunden: Selten standen die Chancen für den VfL Osnabrück so gut wie jetzt, sich als fester Bestandteil der höchsten beiden deutschen Fußballligen zu etablieren und das leidige Fahrstuhl-Image abzulegen. Ob der VfL diese Möglichkeit nutzen wird?