11. April 2018 um 12:03 Uhr

Insolvenz! Warum es aktuell so viele Drittligisten erwischt

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© Flohre

Absehbar und doch überraschend flatterte am Dienstag die Meldung hinein, dass der Chemnitzer FC Insolvenz beantragt. Wie bei Rot-Weiß Erfurt knapp vier Wochen zuvor ist der Abstieg durch den Punktabzug besiegelt. Der CFC ist der vierte Drittligist innerhalb von nur 14 Monaten, der diesen schweren Schritt wählt. Warum ist das so? liga3-online.de begibt sich auf die Suche nach den Gründen.

Der Gang in die Insolvenz ist weniger schmerzhaft

Schon immer war die 3. Liga keine Liga, in der sich das Geld mit Schubkarren aus den Stadien transportieren ließ. Und doch erwischte es in den ersten acht Jahren der Drittliga-Historie nur zwei Vereine, die ihre Gläubiger nicht mehr bedienen konnten: Rot Weiss Ahlen stellte im Oktober 2010 den Antrag auf Zahlungsunfähigkeit, Alemannia Aachen im November 2012. Damals war die automatische Konsequenz der Zwangsabstieg. Das drohte insbesondere 2012/2013 den Wettbewerb mächtig zu verzerren, als Aachen noch im Winter einige Leistungsträger abgegeben und den Kader mit Spielern aus der zweiten Mannschaft sowie günstigen Talenten aufgefüllt hatte.

Mittlerweile hat sich das Regelwerk verändert. Schon sei Juli 2014 bedeutet der Gang in die Insolvenz "nur" noch einen sofortigen Abzug von neun Zählern. Das macht die Entscheidung für so manchen Verein, auch wenn sie stets ein bitteres Eingeständnis darstellt, ein wenig leichter. Dem VfR Aalen tat die Planinsolvenz im Frühjahr 2017 im Nachhinein beispielsweise sportlich nicht weiter weh, denn er sammelte – auch dank einer starken Rückrunde, als die Insolvenz schon feststand – ausreichend Punkte, um den Klassenerhalt locker zu stemmen. Der FSV Frankfurt sowie nun Erfurt und Chemnitz gaben ihre Insolvenzen hingegen erst bekannt, als der sportliche Abstieg ohnehin fast besiegelt war. Sie wählten lediglich den günstigsten Zeitpunkt aus. Dennoch stellt Jürgen Wehlend, Geschäftsführer des VfL Osnabrück, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" fest: "Für die Liga ist diese neuerliche Insolvenz eine desaströse Bilanz."

Die neue Regelung macht es Clubs deutlich leichter, sich finanziell zu sanieren und ohne Altlasten einen Neuanfang zu wagen. Die Insolvenz wird vielmehr zu einer Chance als zu einer Bürde. Angesichts des nun üppigen Vorsprungs auf die Abstiegsplätze könnten sich – rein theoretisch – ebenfalls finanziell angeschlagene Vereine auch den Schnitt in die Insolvenz wagen. Sie müssten trotz Punktabzug nicht einmal mehr den Abstieg fürchten, sofern sie weiter liquide bleiben und das Zulassungsverfahren im Frühsommer überstehen.

Über den Verhältnissen gelebt

Ist es auf der einen Seite weniger verhängnisvoll, im Jahr 2018 ein zahlungsunfähiger Profiverein zu sein, haben sich die Betroffenen andererseits teils maßlos übernommen. Völlig unverständlich bleibt, wie die Führungsgremien des CFC ein Millionenminus absegneten, um in der vergangenen Spielzeit alles auf die Karte Aufstieg zu setzen. Auch beim Stadion-Neubau haben sich die Himmelblauen verhoben. Nach "Bild"-Angaben zahlt der CFC pro Jahr allein 660.000 Euro an Betriebskosten, hinzukommen 760.000 Euro für ex­ter­ne Dienst­leis­ter (etwa für den Ordnungsdienst) und eine Pacht in Höhe von 180.000 Euro. Die Einnahmen aus den Ticket-Verkäufen fallen im Gegensatz deutlich kleiner aus.

Pikant: In einem 2012 veröffentlichten Fragenkatalog zum geplanten Neubau des Stadions ging der CFC nicht davon aus, dass damit ein Millionengrab geschaffen werde: "Sollte trotzdem unerwartet der Abstieg in die Regionalliga passieren, entsteht weder das Risiko eines "Millionengrabs", noch wird der CFC in Schwierigkeiten geraten, seiner Verpflichtung nachzukommen, die laufenden Betriebskosten zu zahlen."

Auch Rot-Weiß Erfurt lebte ganz offensichtlich über seinen Verhältnissen und gab Ende November bekannt, "quasi in allen Bereichen nicht unerhebliche Außenstände" zu haben. Selbst die Miete für die Geschäftsstelle konnten die Thüringer nicht mehr zahlen. Erst kürzlich reduzierte RWE die Kosten für sein Personal signifikant. Sponsoren sprangen ab, weil Rot-Weiß Erfurt längst nicht mehr um den Aufstieg, sondern drei Jahre nur gegen den Abstieg spielten. Auch kontinuierlich sinkende Zuschauerzahlen spielten eine Rolle.

Anders sah es wiederum beim VfR Aalen und FSV Frankfurt aus – zwei Vereinen, denen man zu Zweitligazeiten wahrlich nicht vorwerfen konnte, nicht mit ihrem Geld umgehen zu können. Sie verkrafteten den massiven Einschnitt an Fremderlösen, allen voran aus dem Topf für die Übertragungsrechte, nicht. Der FSV fiel von 6 Millionen Euro, der VfR Aalen von 5,5 Millionen Euro auf die branchenüblichen knapp 800.000 Euro, die zur nächsten Saison wohl auf immerhin 1,2 Millionen Euro steigen. Die oft zitierte Schere wird dennoch größer, und das verkompliziert den Spagat nochmals, die Vereinsstrukturen – die weit über die Kosten der Profimannschaft hinausgehen – auf die jeweilige Ligazugehörigkeit anzupassen.

92 Prozent Minus bei den TV-Erlösen

So würden die TV-Einnahmen des 1. FC Kaiserslautern in der 3. Liga von mehr als 11 Millionen Euro Euro auf den besagten Drittliga-Betrag fallen. Steigt Darmstadt 98 ein zweites Mal in Folge ab, würde er nicht die nach dem TV-Schlüssel der DFL ihm garantierten 15,2 Millionen Euro erhalten, sondern nur 7,9 Prozent davon. 7,9 Prozent! Wer nicht jeden Euro anspart, bekommt massive Probleme. So wuchsen unter anderem beim SC Paderborn die Schulden trotz Millionen-Einnahmen aus dem DFB-Pokal zuletzt rasant auf 3,5 Millionen Euro an und eine Insolvenz wäre ohne massive Beihilfen von Präsident Wilfried Finke unausweichlich gewesen. Es ist anzunehmen, dass trotz Sparmaßnahmen und großem Zuschauerzuwachs auch in dieser Spielzeit rote Zahlen geschrieben werden – erst mit dem wahrscheinlichen Aufstieg in die 2. Bundesliga wird sich Paderborn auch finanziell vom massiven Fall aus der Bundesliga in die 3. Liga endgültig erholen können.

Und doch lässt sich nicht jede Vereinspleite mit externen Faktoren erklären. Clubs wie Sonnenhof Großaspach oder Fortuna Köln machen es vor, wie die 3. Liga selbst ohne großes Umfeld und damit verbundene Ticket- und Merchandisingeinnahmen dauerhaft finanzierbar ist. In Sponsorengeldern ertrinken die beiden Vereine ebenfalls nicht, dafür stellen sie mit geringen Mitteln für Profiabteilung und das gesamte Drumherum immer wieder konkurrenzfähige Mannschaften auf die Beine. An ihnen darf sich so mancher in der 3. Liga orientieren, der mit deutlich besserer finanzieller Ausgangslage Jahr für Jahr an den eigenen Erwartungen scheitert und dafür rote Zahlen vor sich herschiebt.

 
  • The Insider

    Eine alte Binsenweisheit besagt gibt man mehr aus als man
    einnimmt,wandert man irgendwann in die Pleite.Oder glaubt einer hier das
    Spieler wie Frahn oder Grote usw.beim CFC für nen Appel und nen Ei
    spielen?Genua das gleiche in Münster dort bekam man die Lizens für die
    nächste Saison nur,weil ein Vereinsgremium 1,5 Millionen Euro dem Verein
    als Kredit gewährleistet hat.

  • herby

    Aßbach und Köln als Vorbilder darzustellen ist ja frech. Die sollten das Kürzel RB(sinnbildlich ) vor ihren Vereinsnamen setzen, daß jeder Bescheid weiß über die Herkunft ihrer Einnahmen.

    • DM von 1907

      Selten so einen Unsinn gelesen. Fortuna Köln mit RB Leipzig vergleichen! :-)) Allerdings muss mit Meppen noch ein weiterer vorbildlich wirtschaftender Verein hinzugefügt werden.

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  • Fat Tony

    1860 München wurde garnicht erwähnt. Da hat man freiwillig gleich die Dritte Liga übersprungen! Da hätte der Investor ja auch nochmal zusätzliche Millionnen versenken müssen, um für die Dritte Liga eine Lizenz zu bekommen. Für die Zweite Liga war die Lizenz schon vorhanden.

  • Finanzamt

    Man darf aber auch nicht vergessen das die beiden Absteiger das "Übergangsgeld" zur verfügung hatten…also ne mille mehr als alle anderen

  • Aßbacher

    Vereine wie Erfurt, Halle und Chemnitz haben doch die Öffentlichkeit über Jahre, mit Ihrer angeblichen soliden Finanzierung, belogen!

    • flierfy

      Halle hat niemanden belogen. Der Verein hat seit Jahrzehnten solide gewirtschaftet. Nur in dieser Saison haben die sinkenden Einnahmen ein grosses Loch gerissen. Aber selbst das wurde umgehend und offen kommuniziert.

      • Philipp Schramm

        Dazu kommen die Flutschäden und daher erhebliche Mehrausgaben durch sündhaft teure Containermieten.

    • herby

      Mit einem Mäzen wie ihr an der Seite kann man die große Fresse haben. Unglaublich.

  • Lumpi

    Definitiv nicht! Was allein in der 3. Liga an Infrastruktur
    gefordert wird, ist für jeden, aus der Regionalliga aufsteigenden Verein eine
    hohe Hürde. Und diese Hürde lässt sich durch die schwachen Einnahmen in der 3.
    Liga definitiv nicht kompensieren. Es gibt zwar ein Übergangsjahr um die
    baulichen Maßnahmen zu erfüllen, allerdings spätestens im 2. Jahr wird es
    schwierig.

    Man überlege nur in Großaspach – Zuschauerschnitt von gerade
    mal 2.000 pro Spiel – wozu brauchen die eine Stadion mit einer Kapazität von
    10.000?

    Tatsache ist: Die Schere zur 2. Liga ist immens groß
    geworden und wird noch größer. Wenn Zweitliga- Absteiger nicht direkt wieder
    aufsteigen, droht die Pleite. Finanziell gesunden kann man in dieser Liga
    nicht.

  • Cox Orange

    Interessantes Thema:

    Die Fans der insolventen Vereine machen ja regelmäßig die Unterfinanzierung und zu hohe Stadionauflagen der 3. Liga durch den DFB für die Pleiten verantwortlich. Ich sehe das nicht so. Die Rahmenbedingungen sind bekannt und seit Jahren weitgehend unverändert.
    Knapp 800 T Euro Fernseheinnahmen, Sponsoreneinnahmen und Zuschauereinnahmen plus ggf. Einnahmen aus dem DFB-Pokal, daraus muss jeder Verein seinen Etat planen.

    Damit sollte eigentlich jeder Verein 3-4 Millionen Euro erlösen können.

    Und das ist auch möglich, denke ich.

    Das einige einen Mäzen haben, andere mehr Zuschauer, steht auf einem andern Blatt.

    Für mich sind Insolvenzen die Folge von Fehlentscheidungen in den Vereinen.

    • DM von 1907

      Das sehe ich auch so! Allerdings würde ich davon die Absteiger aus der 2. Liga ausnehmen, denn denen brechen gewaltig Fernsehgelder weg, die nicht ohne weiteres durch andere Einnahmen kompensiert werden können.

    • Philipp Schramm

      Du solltest nicht vergessen, das ab der Regional-Liga abwärts alle Vereine offiziell Amateurvereine sind. Da bekommen die Spieler und Trainer noch kein Gehalt, wie bei den Profi-Vereinen, sondern lediglich eine "Aufwandentschädigung". Gehälter von den Vereinen bekommen sie offiziell erst ab der 3. Liga. Und ab da sind die Gehälter eben wesentlich höher, da die Spieler davon ihren Lebensunterhalt verdienen.
      Selbst der Trainer ist dann fest angestellt. Alles Gelder, die man als Amateurverein wesentlich geringer ausgeben kann.
      Sicherlich klingt es verlockend, 800T Euro Fernsehgelder. Dem gegenüber stehen aber horrende Stadionanforderungen, die sich von der 2. BL fast gar nicht unterscheiden.
      Der DFB sollte langsam mal aufwachen und die Anforderungen für die 3. Liga entweder runterschrauben, oder die Einnahmen erhöhen.
      Was meinst du, warum die meisten Vereine die 3. Liga schnellstmöglichst wieder verlassen möchten. Weil sie ein verdammt teures Pflaster ist. Ganz einfach ausgedrückt. Zu hohe Anforderungen stehen zu niedrigen Einnahmen gegenüber.

      • Cox Orange

        Glaubst Du, dass in Cottbus, Offenbach, 1860 Müchen, HSV II, Saarbrücken usw. irgendein Spieler oder Trainer nebenher noch arbeitet ? Never. Sicher sind die Gehälter in der RL geringer, aber ich finde, die 3. Liga ist gut bezahlt, auch im Vergelich zu anderen 3. Ligen in Europa.

      • Philipp Schramm

        Es geht auch nicht nur um die Gehälter der Spieler, es geht hauptsächlich um die Anforderungen, die an die 3. Liga gestellt werden. Die unterscheiden sich nur marginal von den der 2. BL.
        Die Zahlungen des DFB sind gegenüber der 2. BL aber ein Witz.

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