Insolvenz! Warum es aktuell so viele Drittligisten erwischt

Absehbar und doch überraschend flatterte am Dienstag die Meldung hinein, dass der Chemnitzer FC Insolvenz beantragt. Wie bei Rot-Weiß Erfurt knapp vier Wochen zuvor ist der Abstieg durch den Punktabzug besiegelt. Der CFC ist der vierte Drittligist innerhalb von nur 14 Monaten, der diesen schweren Schritt wählt. Warum ist das so? liga3-online.de begibt sich auf die Suche nach den Gründen.

Der Gang in die Insolvenz ist weniger schmerzhaft

Schon immer war die 3. Liga keine Liga, in der sich das Geld mit Schubkarren aus den Stadien transportieren ließ. Und doch erwischte es in den ersten acht Jahren der Drittliga-Historie nur zwei Vereine, die ihre Gläubiger nicht mehr bedienen konnten: Rot Weiss Ahlen stellte im Oktober 2010 den Antrag auf Zahlungsunfähigkeit, Alemannia Aachen im November 2012. Damals war die automatische Konsequenz der Zwangsabstieg. Das drohte insbesondere 2012/2013 den Wettbewerb mächtig zu verzerren, als Aachen noch im Winter einige Leistungsträger abgegeben und den Kader mit Spielern aus der zweiten Mannschaft sowie günstigen Talenten aufgefüllt hatte.

Mittlerweile hat sich das Regelwerk verändert. Schon sei Juli 2014 bedeutet der Gang in die Insolvenz "nur" noch einen sofortigen Abzug von neun Zählern. Das macht die Entscheidung für so manchen Verein, auch wenn sie stets ein bitteres Eingeständnis darstellt, ein wenig leichter. Dem VfR Aalen tat die Planinsolvenz im Frühjahr 2017 im Nachhinein beispielsweise sportlich nicht weiter weh, denn er sammelte – auch dank einer starken Rückrunde, als die Insolvenz schon feststand – ausreichend Punkte, um den Klassenerhalt locker zu stemmen. Der FSV Frankfurt sowie nun Erfurt und Chemnitz gaben ihre Insolvenzen hingegen erst bekannt, als der sportliche Abstieg ohnehin fast besiegelt war. Sie wählten lediglich den günstigsten Zeitpunkt aus. Dennoch stellt Jürgen Wehlend, Geschäftsführer des VfL Osnabrück, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" fest: "Für die Liga ist diese neuerliche Insolvenz eine desaströse Bilanz."

Die neue Regelung macht es Clubs deutlich leichter, sich finanziell zu sanieren und ohne Altlasten einen Neuanfang zu wagen. Die Insolvenz wird vielmehr zu einer Chance als zu einer Bürde. Angesichts des nun üppigen Vorsprungs auf die Abstiegsplätze könnten sich – rein theoretisch – ebenfalls finanziell angeschlagene Vereine auch den Schnitt in die Insolvenz wagen. Sie müssten trotz Punktabzug nicht einmal mehr den Abstieg fürchten, sofern sie weiter liquide bleiben und das Zulassungsverfahren im Frühsommer überstehen.

Über den Verhältnissen gelebt

Ist es auf der einen Seite weniger verhängnisvoll, im Jahr 2018 ein zahlungsunfähiger Profiverein zu sein, haben sich die Betroffenen andererseits teils maßlos übernommen. Völlig unverständlich bleibt, wie die Führungsgremien des CFC ein Millionenminus absegneten, um in der vergangenen Spielzeit alles auf die Karte Aufstieg zu setzen. Auch beim Stadion-Neubau haben sich die Himmelblauen verhoben. Nach "Bild"-Angaben zahlt der CFC pro Jahr allein 660.000 Euro an Betriebskosten, hinzukommen 760.000 Euro für ex­ter­ne Dienst­leis­ter (etwa für den Ordnungsdienst) und eine Pacht in Höhe von 180.000 Euro. Die Einnahmen aus den Ticket-Verkäufen fallen im Gegensatz deutlich kleiner aus.

Pikant: In einem 2012 veröffentlichten Fragenkatalog zum geplanten Neubau des Stadions ging der CFC nicht davon aus, dass damit ein Millionengrab geschaffen werde: "Sollte trotzdem unerwartet der Abstieg in die Regionalliga passieren, entsteht weder das Risiko eines "Millionengrabs", noch wird der CFC in Schwierigkeiten geraten, seiner Verpflichtung nachzukommen, die laufenden Betriebskosten zu zahlen."

Auch Rot-Weiß Erfurt lebte ganz offensichtlich über seinen Verhältnissen und gab Ende November bekannt, "quasi in allen Bereichen nicht unerhebliche Außenstände" zu haben. Selbst die Miete für die Geschäftsstelle konnten die Thüringer nicht mehr zahlen. Erst kürzlich reduzierte RWE die Kosten für sein Personal signifikant. Sponsoren sprangen ab, weil Rot-Weiß Erfurt längst nicht mehr um den Aufstieg, sondern drei Jahre nur gegen den Abstieg spielten. Auch kontinuierlich sinkende Zuschauerzahlen spielten eine Rolle.

Anders sah es wiederum beim VfR Aalen und FSV Frankfurt aus – zwei Vereinen, denen man zu Zweitligazeiten wahrlich nicht vorwerfen konnte, nicht mit ihrem Geld umgehen zu können. Sie verkrafteten den massiven Einschnitt an Fremderlösen, allen voran aus dem Topf für die Übertragungsrechte, nicht. Der FSV fiel von 6 Millionen Euro, der VfR Aalen von 5,5 Millionen Euro auf die branchenüblichen knapp 800.000 Euro, die zur nächsten Saison wohl auf immerhin 1,2 Millionen Euro steigen. Die oft zitierte Schere wird dennoch größer, und das verkompliziert den Spagat nochmals, die Vereinsstrukturen – die weit über die Kosten der Profimannschaft hinausgehen – auf die jeweilige Ligazugehörigkeit anzupassen.

92 Prozent Minus bei den TV-Erlösen

So würden die TV-Einnahmen des 1. FC Kaiserslautern in der 3. Liga von mehr als 11 Millionen Euro Euro auf den besagten Drittliga-Betrag fallen. Steigt Darmstadt 98 ein zweites Mal in Folge ab, würde er nicht die nach dem TV-Schlüssel der DFL ihm garantierten 15,2 Millionen Euro erhalten, sondern nur 7,9 Prozent davon. 7,9 Prozent! Wer nicht jeden Euro anspart, bekommt massive Probleme. So wuchsen unter anderem beim SC Paderborn die Schulden trotz Millionen-Einnahmen aus dem DFB-Pokal zuletzt rasant auf 3,5 Millionen Euro an und eine Insolvenz wäre ohne massive Beihilfen von Präsident Wilfried Finke unausweichlich gewesen. Es ist anzunehmen, dass trotz Sparmaßnahmen und großem Zuschauerzuwachs auch in dieser Spielzeit rote Zahlen geschrieben werden – erst mit dem wahrscheinlichen Aufstieg in die 2. Bundesliga wird sich Paderborn auch finanziell vom massiven Fall aus der Bundesliga in die 3. Liga endgültig erholen können.

Und doch lässt sich nicht jede Vereinspleite mit externen Faktoren erklären. Clubs wie Sonnenhof Großaspach oder Fortuna Köln machen es vor, wie die 3. Liga selbst ohne großes Umfeld und damit verbundene Ticket- und Merchandisingeinnahmen dauerhaft finanzierbar ist. In Sponsorengeldern ertrinken die beiden Vereine ebenfalls nicht, dafür stellen sie mit geringen Mitteln für Profiabteilung und das gesamte Drumherum immer wieder konkurrenzfähige Mannschaften auf die Beine. An ihnen darf sich so mancher in der 3. Liga orientieren, der mit deutlich besserer finanzieller Ausgangslage Jahr für Jahr an den eigenen Erwartungen scheitert und dafür rote Zahlen vor sich herschiebt.

   
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