Harter Winter droht: Geisterspiele vor der Rückkehr?

Die Corona-Zahlen steigen und steigen – und mit ihr die Sorgen der Drittligisten vor neuerlichen Geisterspielen. Sachsen hat bereits die Notbremse gezogen und Großveranstaltungen mit Zuschauern verboten, weitere Länder werden wohl folgen. Es droht ein harter Winter.

Stichwort Verantwortung

17.374! So viele Zuschauer verfolgten am Samstag in der MDCC-Arena das Topspiel zwischen dem 1. FC Magdeburg und Eintracht Braunschweig – zumindest offiziell. Denn angesichts der großen Lücken in "Block U" erscheint es fraglich, ob tatsächlich über 17.000 Fans im Stadion waren. Der Hintergrund für das Fernbleiben mancher Fans hatte aber weniger etwas mit der sportlichen Situation beim FCM zu tun, sondern lag vielmehr darin begründet, dass das Magdeburger Gesundheitsamt drei Tage vor dem Spiel die 2G-Regel angeordnet hatte.

Bereits zuvor hatte die aktive Fanszene angekündigt, vorerst auf organisierten Support verzichten zu wollen. Die neusten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie würden eine organisierte Stimmung "nicht mehr zulassen", hieß es. Doch das war nicht der einzige Grund: "Tatsächlich bedeutet ein möglichst breiter Konsens für uns auch, dass wir den intern immer lauter werdenden Stimmen ein Gehör schenken, welche Fußballspiele als Massenveranstaltungen unter den aktuellen Begebenheiten als unpassend empfinden." Die Rede war von einem "Spagat zwischen Gesundheit, Stimmung, politischen Rahmenbedingungen und moralischer Verantwortung".

Baden-Württemberg kündigt Geisterspiele an

Dass die Anhänger von Verantwortung sprechen, passt zur Entwicklung in den letzten Tagen. Seit Tagen wird in der Politik darüber diskutiert, inwiefern es zum aktuellen Infektionsgeschehen mit teilweise bis zu 70.000 Corona-Fällen am Tag zu verantworten ist, Großveranstaltungen mit mehreren tausend Besuchern zuzulassen. Sachsen hat diese Frage bereits beantwortet und ein Zuschauerverbot beschlossen. Es gilt vorerst bis zum 12. Dezember, sodass der FSV Zwickau am kommenden Freitag gegen den 1. FC Saarbrücken als erster Drittligist in dieser Saison wieder vor leeren Rängen antreten muss. Der Freistaat weist mit einer Inzidenz von 1.280 (Stand: Montag) den mit Abstand größten Wert aller Bundesländer auf.

Aber auch in Baden-Württemberg sind die Zahlen zuletzt stark gestiegen (520), sodass im "Ländle" nun ebenfalls Geisterspiele drohen. Wie Regierungssprecher Arne Braun der "dpa" am Sonntag sagte, soll über die einzelnen Schritte am Montag und Dienstag beraten werden. "Aber es ist klar, dass im Profifußball Geisterspiele kommen", so Braun. Die neue Virusvariante Omikron aus Südafrika, die sich zuspitzende Lage auf den Intensivstationen in vielen Regionen, das weiter nicht gebremste exponentielle Wachstum – all das mache schnelles Handeln notwendig, heißt es aus der Politik.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bringt ebenfalls schärfere Corona-Maßnahmen ins Gespräch – und zwar bundesweit: "Es braucht jetzt konsequente Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte, einen Lockdown für Hotspotregionen, Masken in allen Schulen und Fußballspiele ohne Zuschauer. Wir benötigen wieder ein einheitliches Corona-Management für ganz Deutschland und keinen Flickenteppich." Am 9. Dezember werden Bund und Länder zu einer weiteren Konferenz zusammenkommen, spätestens dann könnten bundesweit Geisterspiele beschlossen werden. In einigen Bundesländern aber womöglich schon in dieser Woche.

Bislang kaum Infektionen im Stadion

Dort, wo Zuschauer derzeit erlaubt sind, gilt fast überall 2G – in der 3. Liga war das am Wochenende bei acht von zehn Spielen der Fall. Diese Regelung bei gleichzeitig niedriger Inzidenz mache einen Stadionbesuch weitgehend sicher, wie Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND) sagte. Dazu passt auch, dass von 3,76 Millionen Stadionbesuchern in Bundesliga und 2. Liga in der laufenden Saison gerade mal zehn Personen positiv getestet wurden, wie der "Kölner Stadtanzeiger" unter Berufung auf ein DFL-Monitoring in der letzten Länderspielpause berichtet. Heißt also: Wie bereits von Aerosolforschern angenommen, scheint die Virusverbreitung im Stadion verschwindend gering zu sein.

Doch bei hohen Infektionszahlen und vor dem Hintergrund neuer und besorgniserregender Mutationen seien Spiele insbesondere ohne Masken und ausreichend Abstand "einfach zu gefährlich", so Dahmen. Karl Lauterbach von der SPD verwies im "WDR" außerdem auf die Gefahren im Umfeld der Spiele: "Viele Menschen reisen gemeinsam in einem Auto an, infizieren sich gegenseitig und tragen die Infektion danach in andere Gruppen."

Sollte es tatsächlich wieder zu bundesweiten Geisterspielen kommen, droht den Drittligisten angesichts der zu erwartenden Einnahmeeinbußen ein harter Winter – zumal kein Klub über einen längeren Zeitraum mit leeren Rängen kalkuliert haben wird. Zwar stehen in diesem Jahr nur noch drei reguläre Spieltage an, allerdings erscheint es wenig wahrscheinlich, dass das Infektionsgeschehen schon Mitte Januar, wenn der Spielbetrieb nach der Winterpause fortgesetzt wird, wieder vollere Stadion möglich machen könnte. Alternativ scheinen deutlich reduzierte Kapazitäten unter einer 2G-Plus-Regelung denkbar. Doch auch das kostet Zuschauer, wie sich am Samstag in Würzburg zeigte: Gerade mal 987 Zuschauer verirrten sich in die Flyeralarm-Arena. Zum Vergleich: Zu den sechs Heimspielen davor kamen durchschnittlich fast dreimal so viele Fans (2.700).

Spielbetrieb kann wohl weiterlaufen

Immerhin: Der Spielbetrieb wird wohl nicht wie im Frühjahr 2020 unterbrochen werden müssen. Zwar hatten Aue-Boss Helge Leonhardt und Bremens Innensenator Ulrich Mäurer genau das zuletzt gefordert, waren bei der DFL damit aber abgeblitzt: "Ein selbstverhängter, flächendeckender Lockdown im Sinne einer Saison-Unterbrechung ist kein Thema", teilte der Ligaverband mit.

Eine Grundlage für eine Unterbrechung des Spielbetriebs scheint es allein schon deswegen nicht zu geben, weil in der 3. Liga nach DFB-Angaben bereits 90 Prozent der Spieler und Staff-Mitglieder geimpft sind – die 2G-Quote liegt demnach sogar bei 96 Prozent. Laut Manuel Hartmann, DFB-Abteilungsleiter Spielbetrieb Ligen und Wettbewerb, sei zu erwarten, "dass am Ende des Winters alle bei 2G stehen. Wir hoffen, dass das über die Impfung gelingt und nicht über die Infektion". Das dürfte auch im Interesse der Vereine liegen, um einer von Teilen der Politik geforderten Impfflicht für Profifußballer zuvor zu kommen. Doch dass der Winter ein harter werden wird, deutet sich in diesen Tagen immer mehr an.

   
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