Eintracht Braunschweig: Dramatischer Absturz in 16 Monaten

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Die 3. Liga wundert sich: Derart zahme Löwen aus Braunschweig hatte vor der Saison niemand erwartet. Die Eintracht, die nach fast zehn Jahren wieder in der Drittklassigkeit zu Gast ist, hat einen schlimmen Absturz hinter sich, der im Frühjahr 2017 seinen Anfang nahm. Wir skizzieren den Niedergang des BTSV, dessen vorläufiger Höhepunkt am Samstag erreicht wurde.

Der Anfang vom Ende

Montagabend, 8. Mai 2017, kurz nach 22 Uhr. Es ist gewissermaßen etwas Historisches, als Eintracht Braunschweig und Union Berlin das vorerst letzte Montagsspiel im frei ausstrahlbaren Fernsehen bestreiten. Beide kämpfen in einem ungleichen Duell mit den deutlich finanzkräftigeren Klubs aus Stuttgart und Hannover um den Aufstieg in die Bundesliga, haben eine bärenstarke Saison hinter sich. Braunschweig gewinnt das Ding, der Kicker schreibt von einer "kämpferisch und spielerisch stärkeren Eintracht". Zwei Spieltage vor dem Ende erlebt man an der Hamburger Straße Hochgefühle, denn die Rückkehr in Deutschlands Eliteklasse ist zum Greifen nah. Die Elf von Torsten Lieberknecht hat alles in der Hand, als sie am 33. Spieltag auf die Bielefelder Alm reisen.

Die Rollen sind so klar verteilt wie selten. Braunschweig, der Zweite, gegen Arminia Bielefeld, den Vorletzten. Die Eintracht hat Siege im Rücken, kann aus eigener Kraft aufsteigen. Sie weiß, dass die ärgsten Rivalen aus Hannover und Stuttgart an diesem Tag gegeneinander spielen, sich Punkte klauen werden. Arminia dagegen hat reihenweise Negativerlebnisse eingefahren, mehrfach einen Sieg spät verschenkt – der Druck, der auf den Ostwestfalen lastet, ist tonnenschwer. Aber was der DSC daraus macht, ist beeindruckend und für Eintracht Braunschweig der Anfang vom Ende: Mit 6:0 lässt sich der BTSV an diesem zweifellos denkwürdigen Nachmittag von der Arminia demütigen, hat nicht eine Torchance. Es ist wohl das beste Bielefelder Spiel des bisherigen Jahrzehnts, aber auch ein rabenschwarzer Tag der Blau-Gelben.

Die Relegation und ihr Nachgang

Weil parallel Hannover gegen Stuttgart gewinnt und sich Braunschweig sein Torverhältnis in 90 Minuten derart zerstört, ist der mögliche direkte Aufstieg vor dem letzten Spieltag quasi futsch. Sechs Tore und drei Punkte müsste man im abschließenden Heimspiel gegen den schon abgestiegenen Karlsruher SC noch aufholen – ein Himmelfahrtskommando. Letztlich gelingt es nicht einmal, sich für die anstehende Relegation Selbstvertrauen zu tanken: Torhüter Jasmin Fejzic ist der beste Mann, rettet ein glückliches 2:1. Eintracht scheint nicht bereit für die Bundesliga, als es zum Relegations-Derby nach Wolfsburg geht. Dort wird Lieberknecht und seinen Mannen eine schlimme Fehlentscheidung zum Verhängnis, insgesamt präsentiert sich die Eintracht aber nicht wie ein Aufsteiger. Fünf Torchancen erspielt sie sich gegen den VfL in 180 Minuten – und bleibt letztlich zurecht in der zweiten Liga.

In der anschließenden Sommerpause deutet wenig darauf hin, dass die Kaderqualität in den Reihen der Niedersachsen deutlich abgenommen hat. Vor allem die Abgänge von Onel Hernandez und Saulo Decarli schmerzen sehr, bringen aber vier Millionen Euro – eine Summe, die der BTSV gut gebrauchen kann und zum Teil in Onur Bulut, Philipp Hofmann und Frederik Tingager reinvestiert. Die Spielzeit beginnt akzeptabel, von den ersten sieben Ligapartien verliert Braunschweig kein einziges – fünf Remis sorgen dennoch für eine eher durchschnittliche Bilanz. Die Saison bleibt ein Auf und Ab, es ist die einer typischen Mittelfeld-Mannschaft, die mal zwei Spiele verliert, dann wieder dreimal ungeschlagen bleibt, damit sich der Trend danach erneut umkehrt.

Eine Durchschnittssaison endet im Worst Case

So sind die Löwen nach sieben Spieltagen Achter, nach 15 Spieltagen Zwölfter, nach 23 Spieltagen weiterhin Zwölfter und am 31. Spieltag – immer noch Zwölfter. Doch unter dem BTSV brodelt es in der Tabelle. Es baut sich eine einzigartige Konstellation in einem Wahnsinns-Abstiegskampf auf, die für die Eintracht letztlich zum Worst Case führen wird: Dem Abstieg, ohne an den 33 vorherigen Spieltag einmal auf einem direkten Abstiegsplatz gestanden zu haben. Und wieder sind die drei finalen Spieltage entscheidend. Erst kam das 0:2 bei Aufstiegskandidat Nürnberg, das schon fast erwartbar war. Ein schlimmer Patzer von Keeper Jasmin Fejzic begünstigte das anschließende, erschreckende 0:2 gegen den FC Ingolstadt, der zu dem Zeitpunkt nur noch die berühmte Ananas jagte. Urplötzlich war Druck auf dem Kessel, dem in so kurzer Zeit niemand wirklich gewachsen war.

Das Resultat: Braunschweig kassiert im wichtigsten Spiel nach dem Bielefeld-Desaster wieder sechs Stück, geht bei der zweiten Garde des schon feststehenden Relegations-Teilnehmers Kiel mit 2:6 unter. Dass die Eintracht trotz dieses bitteren Kieler Schützenfestes in der Saison weniger Tore kassiert als Zweitliga-Meister Fortuna Düsseldorf, ist das saure Sahnehäubchen auf der Torte. Letztlich bewahrheitet sich die 40-Punkte-Regel auf bittere Art und Weise – Fürth und Aue halten mit exakt dieser Zahl die Klasse, Eintracht Braunschweig geht mit 39 Zählern und nur elf verlorenen Spielen in die 3. Liga.

Die Realität ist Existenzkampf

Wie sich der Sommer entwickelt, dürfte auch durch unsere Berichterstattung hinlänglich bekannt sein. Köpfe werden gefordert, vor allem der von Manager Marc Arnold. Der schasst zunächst den langjährigen Trainer Torsten Lieberknecht – eine Entscheidung, die sich mittlerweile als die falsche herausgestellt haben dürfte. Auch die fehlende Berücksichtigung von Ken Reichel und insbesondere Mirko Boland, der mittlerweile im australischen Adelaide kickt, werden Arnold im Umfeld sehr negativ ausgelegt. Überhaupt stockt zunächst die Trainerfrage und damit verbunden auch die Kaderzusammenstellung. Weil sich die Eintracht zudem von mehreren Leistungsträgern (Suleiman Abdullahi, Christoffer Nyman, Gustav Valsvik) mangels Interesse erst spät oder gar nicht trennen kann, wird ein Großteil des Etats von wenigen Akteuren mit dicken Zweitliga-Gehältern blockiert. Die Konsequenz ist nun eine mangelnde qualitative Tiefe im Kader. Arnold muss derweil Ende August seine Sachen packen.

Es gab genug Fans der Eintracht, die die Situation vor Saisonbeginn realistisch einzuschätzen wussten. "Das ist kein Aufstiegskandidat", sagten sie mit Blick auf die neue, junge Mannschaft. Aber vielleicht ein Team, das eine neue Begeisterung schaffen kann, wenn es auch zunächst nur ins vordere Mittelfeld geht. Dass unter Henrik Pedersen derartige Ernüchterungen kommen würden, dass dicke Qualitätsprobleme von der Torhüter- bis zur Stürmerposition vorherrschen, war in diesem Ausmaß nicht vorherzusehen. Der ganze Verein presst sich jetzt mit dem Rücken an die imaginäre Wand: Vier Punkte Rückstand auf das rettende Ufer sind eine niederschlagende Zwischenbilanz. Mindestens bis zur Winterpause muss nun das ausgerufen werden, über das zweitausend Braunschweig-Fans im Bielefelder Gästeblock anno Mai 2017 herzhaft geschmunzelt hätten: Der Existenzkampf in der 3. Liga.

   
  • Mirko Mio Luer

    traurig aber wahr

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