Strittige Szenen am 7. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati
Die nicht gegebenen Elfmeter für Rostock, Düsseldorf und Viktoria Köln, die Tore von Rostock und Essen, die verwehrten Treffer von Saarbrücken, Münster und Wiesbaden, die lange Nachspielzeit in Saarbrücken, das 2:0 von Mannheim sowie die Aktion zwischen Schlieck und Bonga. Am 7. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf strittige Szenen genauer angeschaut.
Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Im Strafraum geht Niklas Kölle (Rostock) im Duell mit Jannik Hofmann (Essen) zu Fall und fordert einen Elfmeter, den Schiedsrichter Lukas Benen allerdings nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 1:37.25]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf Richtung Torlinie macht Hofmann einen Schritt Richtung Ball, trifft das Spielgerät jedoch nicht, berührt im Fußbereich aber auch nicht den Gegner. Dabei schiebt er auch leicht mit dem Oberarm gegen den Rücken des Angreifers, der diesen Kontakt dankend annimmt und zu Fall geht. Das ist insgesamt ein korrekter Zweikampf und einfach zu wenig für ein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.
Szene 2: Am eigenen Strafraum kommt Marek Janssen (Essen) bei einem Schussversuch gegen Peter Kiedl (Rostock) zu Fall und bleibt liegen, das Spiel läuft weiter. Aus dem Angriff fällt das 1:0 für Rostock. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]
Babak Rafati: Janssen tritt bei einem Schussversuch ins Leere und wird im Zweikampf von Kiedl nicht gefoult, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen und keinen Freistoß zu geben. Daher ist der anschließende Treffer, der daraus entsteht, regulär.
Szene 3: Im Mittelfeld geht Niklas Kölle (Rostock) im Duell mit Franci Bouebari (Essen) zu Fall und bleibt liegen. Das Spiel läuft weiter, und aus dem Angriff entsteht das 1:1. [TV-Bilder – ab Minute 2:18:45]
Babak Rafati: Der Zweikampf von Bouebari gegen Kölle ist regelkonform, sodass kein Foulspiel vorliegt. Das ist maximal ein Zusammenprall, bei dem keiner etwas dafür kann. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen und den anschließenden Treffer anzuerkennen.
Szene 4: Auf Vorlage von Patrick Sontheimer trifft Florian Pick zum 1:0, allerdings entscheidet Schiedsrichter Assad Nouhoum auf Abseits, sodass der Treffer nicht zählt. [TV-Bilder – ab Minute 36:40]
Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Zuspiels auf Pick steht ein gegnerischer Verteidiger tiefer als der anschließende Torschütze, sodass dieser Verteidiger und dessen Torwart näher zur eigenen Torlinie postiert sind und somit keine Abseitsposition vorliegt. Das erkennt man recht gut an den Rasenmarkierungen. Auch der erste Eindruck des Assistenten ist zunächst richtig, denn bei Spielminute 31:17, exakt beim Zuspiel auf Pick, bleibt die Fahne noch unten und erst 3 Sekunden später kommt ein Fahnenzeichen. Wenn bei einem direkten Zuspiel die Fahne verzögert wie in diesem Fall und das auch noch bei 3 Sekunden angezeigt wird, liegt aus Erfahrung oft eine Fehlentscheidung vor.
Eine Erklärung, weshalb der Assistent erst so spät die Fahne zieht, ist zum einen womöglich das Reklamieren durch erhobenen Arm eines Verteidigers, das den Assistenten beeinflusst haben könnte. Zum anderen verschiebt sich eine Spielsituation selbst nach einer Sekunde, sodass sich das Spielgeschehen in diesem Fall innerhalb von drei Sekunden sogar um mehrere Meter verlagern kann, wodurch dann eine andere Position der Spieler zustande kommt und ein Assistent sich durch dieses (verzögerte) Standbild irritieren bzw. verunsichern lässt. Es liegt aber eine Fehlentscheidung vor, auf Abseits zu entscheiden und das anschließende Tor abzuerkennen. Verzögertes Abseits anzeigen ergibt nur dann Sinn, wenn mehrere Spieler eingreifen könnten und man deshalb abwartet, wer schlussendlich ins Spielgeschehen eingreift, nicht aber in solch einer klaren Aktion.
Szene 5: Nouhoum zeigt eine Nachspielzeit von drei Minuten an, dann verletzt sich jedoch ein Spieler der Gäste, was zweieinhalb Minuten in Anspruch nimmt. Bei Minute 5:45 gibt es nochmal einen Eckball, aus dem das 2:1 fällt. Am Ende wurde siebeneinhalb Minuten nachgespielt. [TV-Bilder – ab Minute 2:03:10]
Babak Rafati: Ein Schiedsrichter pfeift nicht (!) genau exakt bei der angezeigten Zeit ab, wie wir es bei einigen anderen Sportarten kennen. Bei 89:48 Minuten gibt es in dieser Situation eine Behandlungspause von 2:42 Minuten, zudem wurden 3 Minuten Nachspielzeit angezeigt, sodass genau genommen bei 93 Minuten plus 2:42 Minuten (Dauer der Behandlungspause) Schluss hätte sein muss, sprich bei 95:42 Minuten. Der Schiedsrichter lässt aber in der Praxis bei Ablauf der Nachspielzeit einen Angriff noch zu Ende spielen, bis er abpfeift. In dieser Szene kommt es aus diesem Angriff zu einem Eckball, den man je nach Spielstand ausführen lassen kann oder nicht. Dass dann anschließend ein Tor fällt, mag für die betreffende Mannschaft verständlicherweise sehr ärgerlich sein, aber regeltechnisch ist alles in Ordnung.
Es wäre aber auch möglich gewesen, den Eckball nicht mehr ausführen zu lassen, wird aber in der Praxis bei diesem Spielstand nicht gemacht, eher bei einem Spielstand, bei dem der Eckball nicht mehr entscheidend sein kann. Dass dann nach der Torerzielung in diesem Fall noch eine Minute vergeht, liegt an dem ausgiebigen Jubel, was emotional verständlich ist. Der Schiedsrichter hätte zwar direkt nach dem Tor abpfeifen können, aber auch das ist im Bereich des Ermessensspielraums. Übrigens kann sich eine zuvor angezeigte Nachspielzeit auch während der Nachspielzeit verlängern, wenn z.B. eine weitere Verletzung oder ein Zeitspiel ins Spiel kommt. In dieser Situation war das aber nicht der Fall.

Szene 6: Montell Ndikom trifft aus der Distanz zum 1:1, allerdings erkennt Schiedsrichter Ben Henry Uhrig den Treffer nicht an, weil Philipp Maier den Ball aus einer Abseitsposition noch leicht abfälscht und möglicherweise die Sicht von Waldhof-Keeper Thijmen Nijhuis verdeckt haben soll. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]
Babak Rafati: Beim Schuss von Ndikom auf das Tor steht Mitspieler Maier im Abseits und zudem in der Sichtlinie des Keepers. Ob er den Ball letztendlich leicht berührt, ist nicht zweifelsfrei aufzulösen. Aber selbst wenn er den Ball nicht berührt haben sollte, wie er nach dem Spiel zu Protokoll gab, wäre Maier durch seine Position – in der Sichtlinie des Keepers – im strafbaren Abseits, sodass eine mögliche Berührung nicht relevant ist und eine richtige Entscheidung vorliegt, das Tor wegen der Thematik „Sichtlinie des Keepers“ abzuerkennen.
Szene 7: Nach einer Flanke trifft Masca per Kopf zum 2:0. Münster reklamiert Stürmerfoul, der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 3:00]
Babak Rafati: Nach einer langen Flanke von der rechten Angriffsseite bearbeiten sich Masca und sein Gegenspieler im Strafraum zunächst im Bereich des Erlaubten gegenseitig. Dabei reißt Masca kurz danach, um an den Ball zu kommen, seinen Gegenspieler entscheidend am Arm zu Boden und verschafft sich dadurch einen unerlaubten Vorteil, sodass ein Stürmerfoul vorliegt. Man sieht auch sehr gut, wie der Verteidiger ruckartig – durch das Ziehen von Masca – zu Boden geht, sodass das Fallmuster ein sehr gutes Indiz für das Stürmerfoul ist. Somit hätte das Tor nicht gegeben werden dürfen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt. Der Schiedsrichter ist auf die rechte Angriffsseite gerückt, was auch Sinn ergibt, weil sich das Spielgeschehen dorthin verlagert hat. Allerdings hätte er nach der langen Flanke sein Positionsspiel ändern und durch ein kurzen Sprint Richtung Mitte seine Distanz zum Zweikampf verkürzen müssen, damit er einen besseren Blickwinkel zum Geschehen hat. Aus der Position, wo er postiert ist, ist es schwierig den gesamten Vorgang zu beobachten.

Szene 8: Tarsis Bonga (Würzburg) will einen langen Ball erlaufen, auch Torhüter Timo Schlieck (Verl) kommt hinzu und will den Ball klären, trifft diesen aber nicht. Es kommt zum Zusammenprall, beide gehen zu Boden. Ein Foulspiel pfeift Schiedsrichter Lennart Kernchen aber nicht. [TV-Bilder – ab Minute 3:45]
Babak Rafati: Bonga ist bei diesem Zweikampf früher am Ball, köpft das Spielgerät und will anschließend hinterherlaufen. Allerdings ist Keeper Schlieck aus seinem Tor heraus geeilt und will zwar auch zum Ball, verpasst diesen aber, springt stattdessen nur den Stürmer an, hindert diesen am Weiterlaufen und bringt ihn dadurch zu Fall. Das ist ein Foulspiel, sodass es einen Freistoß hätte geben müssen. Zudem hätte der Keeper die rote Karte sehen müssen, da eine klare Torchance vereitelt wird, denn der mitgelaufene Verteidiger hätte nicht mehr entscheidend eingreifen können. Eine Fehlentscheidung, dieses Vergehen des Keepers nicht zu ahnden. An der Flugbahn des Balles hätte der Schiedsrichter gut erkennen können, dass der Angreifer zuerst am Ball war, sich diesen vorlegt und folglich ein Foulspiel vorliegen muss.

Szene 9: Im Strafraum geht Fabian Schleusener (Düsseldorf) im Duell mit Aachen-Keeper Manuel Riemann zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Konrad Oldhafer. [TV-Bilder – ab Minute 2:20]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf tickt Schleusener den Ball zuerst an, danach macht Keeper Riemann das Bein lang und spielt beziehungsweise klärt das Spielgerät. Danach springt der Ball wieder an den Fuß von Schleusener und wird in Richtung des leeren Tores vorgelegt. Allerdings stolpert Schleusener dann über das lange Bein des Keepers, der im ersten Bewegungsablauf zuvor mit diesem Bein den Ball gespielt hatte, sodass kein Foulspiel vorliegt. Hätte der Keeper eine zweite, neue Bewegung Richtung Schleuseners Füße gemacht (z.B. durch ein Hochziehen des Beins), wäre es ein Foulspiel gewesen. Auch wenn das Stolpern des Stürmers über das lange Bein des Torhüters zuerst passiert wäre, sodass der Keeper den Ball zuvor nicht gespielt hätte, wäre es ein Foulspiel, das einen Elfmeter und eine gelbe Karte gegen Riemann nach sich ziehen würde.
Nicht aber in diesem Fall, bei dem zuvor alles sauber war und die Aktion klar dem Ball galt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben. Bei diesen Kontakten beziehungsweise Treffern muss immer berücksichtigt werden, ob die Aktion entscheidend dem Ball gilt oder aber den Gegner trifft. Diese erste Aktion galt dem Ball und die zweite Aktion ist durch den normalen Bewegungsablauf zum Ball, was auch durch das Ballspielen eintritt, kein Vergehen mehr.

Szene 10: Nach einem Schuss von Roberto Massimo (Wiesbaden) pariert MSV-Keeper Maximilian Braune den Ball womöglich knapp hinter der Linie, Schiedsrichter Cengiz Kabalakl gibt kein Tor. [TV-Bilder – ab Minute 4:00]
Babak Rafati: Nach einem Torschuss von Massimo kann Keeper Braune den Ball auf der Torlinie halten. Allerdings rutscht er beim Abwehrversuch mit dem Ball in der Hand ein wenig nach hinten ins Tor, auch der Ball geht etwas mit nach hinten. Dabei ist aber nicht zweifelsfrei aufzulösen, ob der Ball tatsächlich mit vollem Umfang die Torlinie überschreitet oder nicht.

Szene 11: Meiko Sponsel (Köln) will im Strafraum zum Ball, kommt aber gegen FCI-Keeper David Klein zu Fall und fordert einen Elfmeter, den Schiedsrichterin Fabienne Michel nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 1:30]
Babak Rafati: Zunächst lässt Keeper Klein den Ball fallen und will dann nachfassen. Dabei ist er zuerst am Ball und hat mindestens eine Hand auf dem Spielgerät. Sponsel will auch zum Ball, kommt aber einen Moment zu spät und trifft dem Keeper mit dem Fuß an den Arm. Das ist ein Stürmerfoul, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, auf Stürmerfoul zu entscheiden. Auch wenn der Angreifer bei der Aktion zu Fall kommt und ein Elfmeter gefordert wird, geht der erste Kontakt vom Angreifer aus. Selbst wenn nicht der Arm des Keepers getroffen worden wäre, hat der Keeper mit der Hand auf dem Ball eine Ballkontrolle, sodass der Stürmer auch den Ball nicht hätte spielen dürfen.
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