Strittige Szenen am 3. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati
Die nicht gegebenen Elfmeter für Saarbrücken und Aachen, die Strafstöße für Havelse (2), das 3:0 von Duisburg, die verwehrten Treffer von Viktoria Köln und Verl, der Platzverweis gegen Majetic sowie Foulspiele von Kühlwetter und Nadj. Am 3. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de zehn strittige Szenen genauer angeschaut.
Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Christian Kühlwetter (Saarbrücken) geht mit offener Sohle in einen Zweikampf mit Lukas Wallner (Rostock), Schiedsrichter Michael Bacher belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:29:50]
Babak Rafati: Kühlwetter springt mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Zweikampf und trifft Wallner weit oberhalb des Knöchels, nämlich am Schienbein und foult ihn dadurch rüde. Das Trefferbild und die Dynamik bei diesem Zweikampf zeigen, dass der Einsatz die Gesundheit des Gegenspielers gefährdet. Somit wäre die rote Karte zwingend vorgeschrieben. Eine Fehlentscheidung, lediglich die gelbe Karte zu zeigen. Wäre es lediglich zu einem Kontakt, einer Berührung oder zu einem Streifen gekommen, wäre die gelbe Karte angemessen, aber in diesem Fall ist das Trefferbild rotwürdig.
Szene 2: Im Strafraum geht Abdenego Nankishi (Saarbrücken) im Duell mit Luca Unbehaun (Rostock) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Bacher. [TV-Bilder – ab Minute 1:49:35]
Babak Rafati: Beim Laufduell zwischen Nankishi und dem Verteidiger ist alles regelgerecht. Dieses leichte Handanlegen des Verteidigers auf die Schulter des Angreifers ist kein strafbares Vergehen. Auch beim zweiten Zweikampf des Angreifers – diesmal mit dem Keeper -, liegt kein strafbares Vergehen vor. Der Torwart steht nur da und kann sich nicht in Luft auflösen. Somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.

Szene 3: Der bereits verwarnte Niclas Nadj (Meppen) geht mit hohem Bein in einen Zweikampf gegen Daniel Starodid (Aachen) und trifft ihn am Kopf. Geahndet wird die Szene von Schiedsrichter Felix Grund nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:40]
Babak Rafati: Das Bein von Nadj im Zweikampf mit Starodid ist viel zu hoch. Auch wenn der Ball gespielt wird, liegt ein Foulspiel vor, das hätte geahndet werden müssen. Bei der Frage, ob es zudem die gelbe Karte hätte geben müssen, muss man diese klar bejahen, da diese Spielweise rücksichtslos ist und noch viel mehr als in dieser Szene passieren kann. Es kommt womöglich zu einer geringen Berührung, aber dennoch ist das gelbwürdig. Gerade im Kopfbereich sollen die Spieler besonders geschützt werden, und dort hat das Bein nichts zu suchen, auch wenn es nicht zu einem Kopftreffer kommt. Somit hätte es neben einem Freistoßpfiff gegen den bereits verwarnten Nadj die gelb-rote Karte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, dieses Vergehen nicht entsprechend zu ahnden.
Szene 4: Im Strafraum geht Mario Wäschenbach (Aachen) gegen Niclas Nadj (Meppen) zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 45:15]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf zwischen Nadj und Wäschenbach ist im Oberkörperbereich und im Fußbereich alles in Ordnung. Allerdings trifft der Verteidiger mit dem Knie schwungvoll das Gesäß des Angreifers und bringt ihn dadurch entscheidend zu Fall, sodass der Treffer ursächlich für das Zufallkommen ist.
Somit liegt ein Foulspiel vor und es hätte einen Elfmeter geben müssen. Eine Fehlentscheidung, keinen Elfmeter zu geben. Der leichte Treffer des Angreifers am Fuß des Verteidigers kurz vor dem Foulspiel ist kein Foulspiel, sodass kein Vergehen und kein Stürmerfoul voraus geht.

Szene 5: Im Strafraum kommt Alexander Guiddir (Havelse) gegen Lukas Klünter (Mannheim) zu Fall, Schiedsrichter Koji Takasaki gibt Elfmeter für Havelse. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum spielt Klünter zuerst klar den Ball. Erst danach trifft er Gegenspieler Guiddir mit dem linken Nachziehbein am rechten Fuß und bringt den Angreifer zu Fall. Das ist regeltechnisch ein sauberes Tackling, sodass kein Foulspiel vorliegt. Die klare Aktion geht mit dem rechten Fuß zum Ball und spielt das Spielgerät. Der Treffer danach ist dem normalen Bewegungsablauf geschuldet und somit kein ahndungswürdiges Vergehen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, diesen Elfmeter zu geben. Wäre der Ball zuvor vom Verteidiger nicht gespielt worden und hätte es nur diesen Treffer gegeben, dann erst wäre dieser normale Bewegungsablauf ein Foulspiel, was zur Folge hätte, dass es dann einen Elfmeter hätte geben dürfen.
Szene 6: An der Strafraumkante wird Alexander Guiddir (Havelse) von Waldhof-Keeper Thijmen Nijhuis zu Fall gebracht. Takasaki gibt Elfmeter, zeigt Nijhuis aber keine Karte. [TV-Bilder – ab Minute 3:10]
Babak Rafati: Beim Laufduell zum Ball ist Guiddir zuerst da und spielt den Ball. Keeper Nijhuis kommt bei der Rettungstat etwas zu spät und kann den Angreifer nur noch durch ein Foulspiel stoppen, wenn auch unbeabsichtigt. Das ist unstrittig ein Foulspiel, das einen Elfmeter zur Folge hat. Es hätte zudem obendrein die gelbe Karte gegen Nijhuis geben müssen, da nicht nur ein fahrlässiges, sondern ein rücksichtsloses Foulspiel (ungestüm und riskant durch das Tempo und die Dynamik) vorliegt. Man könnte auch mit Notbremse des Keepers mit Ballchance argumentieren. Das heißt der Torwart verhindert eine klare Torchance, indem er den Gegner foult, aber dabei erkennbar versucht, den Ball zu spielen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, keine Karte zu zeigen.
Selbst wenn der Angreifer den Ball nicht mehr erreichen würde, weil er das Spielgerät womöglich zu weit vorgelegt hat und somit keine Torchance vorliegt, wäre dann das erste Argument (rücksichtsloser Einsatz) anzuwenden. Wäre es wiederum ein ganz normales Foulspiel gewesen, dann wäre keine gelbe Karte vorgeschrieben. Eine rote Karte kommt zudem deshalb nicht in Frage, weil der Zweikampf im Kampf um den Ball erfolgt und nicht gegnerorientiert ist (zum Beispiel ein Halten oder Umreißen, sprich ohne Chance zum Ball).

Szene 7: Auf Vorlage von Jan-Simon Symalla trifft Christian Viet zum 3:0. Würzburg reklamiert Abseits beim Zuspiel, Schiedsrichter Niclas Rose gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]
Babak Rafati: Die TV-Bilder belegen, dass Viet beim Zuspiel von Mitspieler Symalla knapp in Abseitsposition steht, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, diesen Treffer anzuerkennen. Da diese Entscheidung aber sehr knapp ist und nur eine Fußspitze entscheidet, kann man dem Gespann keinen Vorwurf machen. Sie handeln gemäß der Anweisung, im „Zweifel für den Angeklagten“, und lassen somit weiterspielen. Dass man damit dann auch mal nicht richtig liegt, gehört zum Geschäft dazu.

Szene 8: An der Strafraumgrenze geht Tobias Eisenhuth (Köln) im Duell mit Louis Phillip Kolbe (Münster) zu Fall. Schiedsrichter Ryo Tanimoto pfeift auf Foulspiel, gleichzeitig landet der Ball im Tor. [TV-Bilder – ab Minute 3:35]
Babak Rafati: Es liegt unstrittig ein Foulspiel von Kolbe an Gegenspieler Eisenhuth vor. Allerdings wäre es besser gewesen, einen Moment abzuwarten, ob ein Vorteil entsteht, da der Ball vom Gefoulten zum gut postierten Mitspieler kommt, der unmittelbar danach einen Treffer erzielt. Hier abzupfeifen ist keine Fehlentscheidung, allerdings äußerst unglücklich.

Szene 9: Für ein Foulspiel gegen Nico Kijewski (Verl) sieht Luca Majetic (Köln) von Schiedsrichter Luca Sambill die rote Karte. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]
Babak Rafati: Majetic kommt mit Dynamik in den Zweikampf gegen Kijewski, springt von der Seite mit offener Sohle in die Füße von Kijewski, trifft ihn voll und bringt ihn rüde zu Fall. Auch wenn der Treffer nicht über dem Knöchel geschieht, ist die Dynamik so stark, sodass die rote Karte eine vollkommen richtige Entscheidung ist. Ein Trefferbild über dem Knöchel, das zu einer roten Karte führt ist ein, aber nicht das einzige und entscheidende Kriterium. Die Dynamik, wie in dieser Szene, spielt auch eine entscheidende Rolle, sodass diese rote Karte unumgänglich ist. Das entscheidende Kriterium in dieser Szene ist aber, dass die Gesundheit des Gegenspieles gefährdet wird.
Szene 10: Über André Leipold und Nick Seidel kommt der Ball zu Tim Heike, der zum 2:2 für Verl trifft. Sambill entscheidet jedoch auf Abseits. Die Verler monieren, dass der Ball von einem Kölner noch berührt wurde. [TV-Bilder – ab Minute 2:12:40]
Babak Rafati: Beim ersten Zuspiel auf die linke Angriffsseite steht Leipold klar in Abseitsposition. Auch wenn nach diesem Zuspiel ein Kölner Verteidiger den Ball klar und deutlich berührt, wird die strafbare Abseitsposition durch diese Abwehraktion und Berührung nicht aufgehoben, weil die Aktion des Verteidigers unkontrolliert ist.
Somit bleibt es beim Abseits. Nur wenn ein Verteidiger den Ball kontrolliert (!) zu einem Angreifer spielt und dieser in einer vermeintlichen Abseitsposition steht, würde die Abseitsposition aufgehoben werden. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, den anschließenden Treffer nicht zu geben. Bei der zweiten Aktion hätte keine Abseitsposition vorgelegen, da zwei Verteidiger (der Torhüter zählt dazu) näher zur eigenen Torlinie stehen als der Torschütze. Aber diese Szene ist wegen der vorangegangenen Situation dann nicht mehr relevant.
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