SC Verl: Zwei Saisonziele bleiben – wartet der nächste wilde Sommer?
Mit der 0:1-Niederlage bei Rot-Weiss Essen sind die letzten Aufstiegsträume des SC Verl geplatzt. So unerwartet der Höhenflug des zwischenzeitlichen Spitzenreiters auch kam, so einfach gab der Sportclub den Traum von 2. Bundesliga letztlich her. Doch es gibt noch mehrere Ziele zu erreichen – und im Hintergrund eine Menge für den bevorstehenden Umbruch zu planen. liga3-online.de wirft einen Blick zur Poststraße.
In den direkten Duellen den Aufstieg verspielt
Am 17. Januar eroberte der Sportclub Verl in typischster Manier die Tabellenspitze der 3. Liga, jubelte über ein 5:2 gegen phasenweise völlig überforderte Mannheimer. Das war keine Eintagsfliege, sondern hatte Methode: Meister Osnabrück wurde im Saisonverlauf mit 4:1 vom Feld gefegt, 47 Tore erzielte der SCV daheim, 79 insgesamt – allesamt Liga-Bestwerte. Und doch ist vier Monate darauf nicht mehr überraschend, dass der wilde Ritt durch die Saison ohne den erträumten Aufstieg in die 2. Liga endet. Das knappe Ergebnis in Essen hatte sich eingereiht in die zu schwachen Auftritte, wenn es ums Ganze ging. So wie bereits in Osnabrück (1:2), in Duisburg (2:4), gegen Rostock (1:2) oder in Aachen (1:3).
Die 8. Niederlage im Kalenderjahr war nun die finale Bestätigung, dass der SC Verl im Jahr 2026 seine bewundernswert mutige Spielidee nicht mehr in Ergebnisse umzumünzen wusste. Aufwand und Ertrag gerieten ins Missverhältnis, die Konkurrenz fand immer mal wieder Fehlerquellen im ostwestfälischen Spielaufbau und nutzte sie genau so wie Essens Gianluca Swajkowski am Samstagmittag. "Schade, dass uns so ein Tor um die Ohren fliegt, denn diese Art und Weise hat uns dahin geführt, wo wir stehen", resümierte Trainer Tobias Strobl anschließend als sehr fairer Verlierer. "Wir sind jetzt raus, ihr seid es nicht", schickte er abschließend noch die besten Wünsche zu seinem Gegenüber Uwe Koschinat.
Beste Ligaplatzierung der Vereinsgeschichte
Wobei "raus" womöglich das falsche Wort ist, denn ganz vorbei ist diese Spielzeit für die Ostwestfalen noch nicht. Es geht im bereits 6. Drittliga-Jahr immerhin noch um die beste Platzierung der Klubgeschichte – hierfür müsste Verl den aktuellen 6. Platz vor heranstürmenden Aachener Alemannen verteidigen und dafür wohl das letzte Heimspiel am Samstag gegen 1860 München (13.30 Uhr) gewinnen. Noch wichtiger ist aber, was eine Woche darauf am "Finaltag der Amateure" passiert. Denn seit der SCV auch den 4. Tabellenrang nicht mehr erreichen kann, wird das Landespokal-Finale gegen Regionalligist Sportfreunde Lotte (23. Mai) zum 210.000-Euro-Spiel: So viel Geld gibt es für den Einzug in den DFB-Pokal zu verdienen. Verl ist haushoch favorisiert, die erste Pokalteilnahme seit der Saison 2019/20 zu erreichen. Der damalige Regionalligist schaffte es vor sechs Jahren bis ins Achtelfinale, wo man Union Berlin knapp mit 0:1 unterlag.
Erst danach wartet der Abschied von einer Reihe an Schlüsselspielern, die in diesem Sommer den Verein verlassen werden. Das ist die große Krux und zugleich der Kompromiss, den der SCV Jahr für Jahr eingehen muss, um ohne wirklich konkurrenzfähigen Etat überhaupt die Chance auf talentierte Akteure auf Drittliga-Niveau zu haben: Spielen sie sich in den Fokus, ziehen diese Fußballer danach weiter. Die Abschiede von Timur Gayret (SC Paderborn) und Fynn Otto (1. FC Nürnberg) sind fix, über den von Topscorer Berkan Taz (36 Torbeteiligungen!) und Außenverteidiger Oualid Mhamdi sind sich alle Beteiligten klar, ihre Unterschrift wird von fast der gesamten 2. Bundesliga erhofft. Auch die Leihe vom wuchtigen Schweizer Flügelstürmer Alessio Besio, dessen Verletzungsprobleme seit Anfang April unmittelbaren Einfluss auf die Verler Ergebnisse hatten, endet – er kehrt zum SC Freiburg zurück, wechselt womöglich weiter zum VfL Wolfsburg.
Abschied von rund 100 (!) Scorerpunkten droht
In Zahlen ausgedrückt ginge allein der Abschied des Quartetts Gayret/Mhamdi/Besio/Taz übrigens mit einem Verlust von 90 Scorerpunkten einher. Entwicklungen, die bei wohl allen anderen Drittligisten Weltuntergangsstimmung auslösen würden. In Verl nimmt’s die sportliche Führung um Zlatko Janjic pragmatisch, denn man ist nichts anderes gewohnt. Baack, Benger, Lokotsch, Gruber, Paetow, Corboz, Sapina, Batista-Meier, Rabihic, Ritzka auf Spielerseite, Mitch Kniat und Alexander Ende als Trainer, Sebastian Lange als Sportchef – es ist kein Aderlass, sondern eine regelmäßige Blutspende, der sich der SC Verl unterzieht.
Nie aber fiel der Umbruch so groß aus, wie er sich in diesem Sommer ankündigt. Zumal noch weitere Abgänge denkbar sind: Joshua Eze (23) überzeugte als spielstarker Sechser, Jonas Arweiler (29) steht bei 14 Saisontoren, Innenverteidiger Martin Ens (24) verpasste abseits einer Gelbsperre keine Saisonminute und die Leihe von Offensivmann Marco Wörner (21/sechs Scorer) endet ohnehin – womöglich kann hier auf kurzem ostwestfälischen Dienstweg eine Verlängerung mit dem SC Paderborn besprochen werden.
Drei Neuzugänge, die genau ins Beuteschema passen
Umgekehrt wurde mit dem 21-jährigen Verteidiger Tim Hoffmann (Hertha BSC) kürzlich erst ein Sommerzugang vermeldet, der perfekt ins Verler Raster passt: Jung, optimal ausgebildet, als Bonus sogar schon drittliga-erfahren aus einer Leihsaison bei Erzgebirge Aue. Es wäre eine Überraschung, sollte Hoffmann im beschaulichen Verler Erfolgsklima nicht den nächsten Karriereschritt gehen. Gleiches gilt für Offensiv-Allrounder Mika Clausen (23), dessen Entwicklung bei Erzgebirge Aue in einer schlimmen Saison der Sachsen stagnierte – verwunderlich käme es nicht, würde er in einer spielstärkeren Mannschaft neu aufblühen. Und auch der hochgewachsene Außenverteidiger Felix Vogler (23), der vom 1. FC Magdeburg II dazustößt, bringt trotz mangelnder Profi-Erfahrung ein spannendes Profil mit.
Neben weiteren Neuverpflichtungen aus diesem Segment gab es bei der 0:1-Niederlage in Essen etwas versteckt einen Wink mit dem Zaunpfahl, wohin der Verler Fokus künftig wieder verstärkt wandern könnte: Mit dem 18-jährigen Außenbahnspieler Emmanuel Bamba debütierte kurz vor Schluss erstmals seit Jan Schöppner – heute Bundesliga-Stammkraft in Heidenheim – wieder ein Verler Jugendspieler in der 1. Mannschaft. "Er steht exemplarisch für den Verler Weg", sagt Sportvorstand Janjic über ihn, "und wird sich in unserem Umfeld noch besser weiterentwickeln." Ohne Druck von außen, aber mit hohen Chancen auf steigende Einsatzzeiten ist diese Prognose nicht aus der Luft gegriffen. Es ist ein Rezept, das funktioniert – und eines, das die Verler Zuversicht auch vor dem siebten Drittliga-Jahr stärken darf.