Historisches Jahr möglich: SVE auf dem Weg Richtung Durchmarsch

Einmal die 3. Liga im Express durchlaufen: Ausgegeben hatte das bei der SV Elversberg niemand als Ziel, doch nach etwas mehr als der Hälfte der Saison richtet sich der Kurs der Saarländer klar auf den zweiten Aufstieg binnen zwölf Monaten. Kaum hoch genug zu würdigen ist die Art und Weise, wie das passiert. Für die Konkurrenz gilt es: Nachmachen! Wenn das doch nur so leicht wäre.

Auf der Jagd nach den Drittliga-Rekorden

Nicht alles lässt sich in unserer liebsten Sportart mit Strategie und Kalkulation erklären. Gute Spieler machen Tore wahrscheinlicher und Gegentreffer unwahrscheinlicher, ein guter Trainer eine Mannschaft mental gefestigt und taktisch variabel. Und Fans können in immer größerer Anzahl entweder besonders motivierend wirken oder ein besonderer Druckfaktor sein. Ein Spielverlauf wie der, den die SV Elversberg kürzlich in Saarbrücken erlebte, ist dagegen nicht planbar. Erst eine astreine Parade von Feldspieler Tobias Jänicke auf der Torlinie, die fällige rote Karte und daraus resultierende Überzahl der Gäste machte aus einem vermeintlich umkämpften Duell eine klare Angelegenheit. Die Räume, die Elversberg schon bei Gleichzahl mit rasanten Kombinationen schaffen kann, waren für den FCS nun nicht mehr zu verteidigen – ein 4:0 im Saarland-Duell war die Folge, Elversberg die Revanche für das Hinspiel geglückt.

Vielleicht hätte der Spitzenreiter die Partie auch ohne das Zutun des Saarbrücker Pechvogels auf Strecke dominiert. Ist es doch eine der vielen Qualitäten, die Horst Steffen an der Kaiserlinde entwickelt hat, und sich erst eine Woche zuvor beim 3:0 über Rot-Weiss Essen – Halbzeitstand 0:0 – gezeigt hatte. Elversberg kann mit seiner Spielkraft Gegner überrennen (wie phasenweise beim 4:3 über Ingolstadt und diverse Male in der Hinserie), sie aber auch dosiert einsetzen und die Gegner schließlich erdrücken, wie es mit Mitaufsteiger Essen gelang. Trotz der 0:1-Niederlage in Wiesbaden zum Jahresauftakt werden die Statistiken so von Woche zu Woche imposanter: 16 Siege aus 21 Spielen – nie hatte ein Klub mehr. 50 Punkte – nie hatte ein Klub mehr. 53 Tore – auch das ist ein Rekord in der 3. Liga. Selbst frühere Überflieger wie der 1. FC Magdeburg oder der SC Paderborn waren nicht so gut wie die SVE, die sich nun auf die Jagd nach Gesamtbestwerten machen darf: 85 Punkte (Braunschweig 2011/Magdeburg 2018), 27 Siege (Magdeburg 2018) und 90 Tore (Paderborn 2018) gilt es zu schlagen.

Eine ganz Spielklasse auf dem falschen Fuß erwischt

Elversberg und die Baumeister des dortigen Erfolgs, Sportchef Nils-Ole Book plus Trainer Horst Steffen, haben eine ganze Spielklasse auf dem falschen Fuß erwischt. Fast in den Hintergrund rückt ja die Tatsache, dass die Sportvereinigung im Sommer erst aus der Regionalliga Südwest kam. Deren Stärke ist zwar allein durch den Fakt berüchtigt, dass die früheren Aufsteiger (Saarbrücken, Waldhof, Freiburg II) ebenso alle im oberen Drittel platziert sind, und bereitet sicherlich besser auf das höhere Spielniveau vor als ein Aufstiegsjahr etwa im Norden oder der Bayern-Staffel. Doch ohne einen rundum erneuerten, sondern nur gezielt verstärkten Kader die Dominanz einfach so ins neue Spieljahr zu tragen? Niemandem ist das je so gut gelungen, nicht einmal RB Leipzig. Das sagt wohl alles aus.

"Wir haben eine tolle Punktzahl, die uns Selbstvertrauen gibt", sagte Steffen nach dem Kantersieg bei Verfolger Saarbrücken. Gedanken an den Aufstieg verschwendet er dennoch keine, "das ist noch nicht in meinem Kopf", sagte der 53-Jährige. Nach vergeblichen und letztlich gescheiterten Anläufen in Stuttgart, Münster und Chemnitz rückt sein größter Karriereerfolg als Trainer angesichts des üppigen Vorsprungs zweifellos näher. Schon 14 Punkte beträgt der Vorsprung auf die Ränge 4 und 5, selbst Wehen Wiesbaden als erster Verfolger ist bereits neun Punkte entfernt. "Ich will nicht, dass die Mannschaft sich darüber Gedanken macht“, stellte Steffen in Saarbrücken klar. "Das lenkt ab von dem, was wir tun." Er habe Situationen vor Auge, wo sich Teams in ähnlicher Lage leichtsinnig verhalten hätten. Nur Kapitän Kevin Conrad traute sich zuletzt aus der Deckung und sagt: "Mittlerweile brauchen wir nicht mehr drumherum reden. Wenn man nach 19 Spieltagen sieben Punkte Vorsprung hat, brauchen wir nicht sagen, dass wir das nicht durchziehen wollen. Ich hoffe, es kommt zum vierten Aufstieg mit einer Karriere." Vieles spricht derzeit dafür. Nach Leipzig (2014), Würzburg (2016) und Regensburg (2017) wäre die SVE das vierte Team, das den direkten Durchmarsch schafft.

Keine Anzeichen von Fahrlässigkeit

Ein weiterer Vorteil an der Kaiserlinde ist fraglos das Umfeld: Die Zuschauerzahlen gehen spürbar nach oben, doch das zuweilen belastende Umfeld von Traditionsklubs, in denen die Erwartungshaltung schneller wächst als die sportlichen Tatsachen, findet bei den Schwarz-Weißen keiner vor. Da ist nichts weiter außer purer Freude über den Moment. Argumente oder gar Anzeichen, dass Fahrlässigkeit in Elversberg eintritt, gibt es bislang schlicht keine. Selbst der Außenbandriss von Top-Torjäger Luca Schnellbacher, der ihn wohl eine längere Zeit außer Gefecht sitzt, kann aufgefangen werden, weil Bremen-Leihgabe Nick Woltemade große Entwicklungsschritte gemacht hat. Auf anderen Positionen herrscht so große Konstanz, dass keinem vor einem Einbruch bange werden muss: Die Außenverteidiger Robin Fellhauer und Maurice Neubauer, Abwehrchef Marcel Correia und das Mittelfeldduo Thore Jacobsen und Luca Dürholtz zählen dazu. Erst wenn mehrere aus diesem festen Stamm wegbrechen, würde die besteingespielte aller 20 Drittliga-Mannschaften bröckeln.

Dass sie in der Breite nominell nicht so gut besetzt ist wie die deutlich namhaftere Konkurrenz von München bis Dresden, ist wenig verwunderlich. Alles deutet auf einen Durchmarsch hin, dessen historisches Ausmaß vielleicht erst dann spürbar wird, wenn sich über Jahre, eher Jahrzehnte hinweg Klubs an den Bestmarken der SV Elversberg die Zähne ausbeißen.

   

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