Fünf Erkenntnisse aus dem Derby zwischen Münster und Bielefeld

Aus 0:1 mach 2:1 – etwa 90 Prozent der 11.744 Fans im Preußenstadion feierten eine rauschende Party, als Preußen Münster am Sonntagnachmittag Arminia Bielefeld im ersten Derby des Drittliga-Jahres niederrang. Unterschiedsspieler, taktische Veränderungen und der Mythos Vorbereitung: liga3-online.de zieht fünf Erkenntnisse aus dem Duell Schwarz-Weiß-Grün gegen Schwarz-Weiß-Blau.

1. Jeder Drittligist bräuchte einen Typen wie Joel Grodowski

Erst träumte der Stürmer der Preußen davon, sich zum Derbyhelden aufzuschwingen, dann tat es der 26-Jährige zwölf Stunden später tatsächlich. Doch längst nicht nur der wuchtige Abstauber unter die Latte in jener 68. Minute war sehenswert. Sondern beispielhaft auch, wie Grodowski unmittelbar danach in die Fankurve sprintete, mit allen abklatschte. Wie er von der Frühphase der Partie bis in die Nachspielzeit hinein sicherlich zehn bis zwölf Sprints anzog, dabei immer wieder Gefahr kreierte und seinen Körper sichtbar über jegliche Grenzen der Vernunft trieb.

Woher nimmt dieser Mann seine Pferdelunge? Womöglich aus der Identifikation mit seinem Herzensklub, zu dem er im vergangenen Sommer zurückgekehrt ist. Ob auf dem Rasen, beim Feiern auf dem Zaun oder im TV-Interview danach: Joel Grodowski ist ein Typ, wie er im Profifußball der heutigen Zeit kaum noch existiert. Preußen Münster kann sich glücklich schätzen, ihn im Kader zu wissen.

2. Arminia Bielefeld hat auch durch falsche Wechsel verloren

Vieles, was die DSC-Fans aus weiten Teilen der Hinrunde gewohnt waren, hatte Trainer Mitch Kniat über den Haufen geworfen. Nicht mehr völlig neu kam die Umstellung auf eine Dreierkette, ziemlich ungewohnt war es, Neuzugang Mael Corboz als tiefstehenden Spielmacher und Ballverteiler in Aktion zu sehen. Doch die Ansätze sahen gut aus, und selbst die Experimente mit Christopher Lannert und speziell Sam Schreck als Schienenspieler gingen auf.

Dann nahm Kniat früh in der zweiten Halbzeit sowohl den sehr souveränen Schreck als auch den zweiten Wintertransfer, die agile Leihgabe Monju Momuluh, vom Feld. Die eingewechselten Manuel Wintzheimer und Nicklas Shipnoski blieben völlig unsichtbar und fügten dem DSC als Joker weder Kraft noch Mentalität hinzu. Womöglich war es das eine Experiment zu viel, das die Arminia eingegangen war. Abseits von einem Akteur – Mael Corboz – war das Fremdeln von Defensiv- zu Offensivbewegung fast allen Spielern der Ostwestfalen anzumerken.

3. Mael Corboz wird ein Unterschiedsspieler werden

Bleiben wir nochmals bei Arminia Bielefeld. Denn auch wenn der 29-Jährige am TV-Mikrofon nach Spielende Selbstkritik übte und im Verlauf der zweiten Halbzeit abgebaut hatte: Mael Corboz deutete in den ersten 50 bis 60 Minuten bereits mit Nachdruck seine Fähigkeiten an. Energisches Anlaufen im gegnerischen Ballbesitz, erstaunliche Ruhe in der eigenen Ballführung selbst unter großem Druck, dazu überraschende kurze wie lange Passwege.

Dafür, dass der US-Amerikaner vor wenigen Tagen eine völlig neue Mannschaft kennenlernte, fügte er sich verdächtig harmonisch in das Kollektiv ein. Zwar unterlag der DSC am Sonntag auch, weil er mit zunehmender Dauer in bestehende Muster verfiel und sein Mittelfeld von Tempogegenstößen überrannt wurde. Doch Corboz hat im Gegensatz zu fast allen anderen Zentrumsspielern der Bielefelder das Potenzial, diese Lücke auf Sicht zu stopfen. Diese Zeit sollte man ihm geben.

4. Hildmanns taktischer Mut wurde belohnt

Es passierte zuletzt wirklich nicht oft, dass Sascha Hildmann an seiner Formation schraubt. Der Preußen-Trainer setzte fast anderthalb Jahre auf drei Innenverteidiger, behielt diese Grundordnung auch nach dem Aufstieg in die 3. Liga bei. Umso überraschender war, dass auch er sich eine Neuerung überlegt hatte und seine Elf im 4-4-2 unter anderem mit Kapitän Marc Lorenz als zentralem Mittelfeldspieler agieren ließ.

Zwar ruckelte es erst ein wenig, manche Abläufe gegen den am Ball sehr raffinierten Zweitliga-Absteiger mussten einstudiert und angepasst werden. Dann aber zeigten sich mehr und mehr die Vorteile in einer eingespielten, souveränen Mannschaft: Vier Flügelspieler schufen immer wieder Überzahlsituationen, rückten clever nach und fanden die Zuspiele in die Mitte. Bis zuletzt schien Preußen Münster im 5-3-2 taktisch ausrechenbar, nun ist eine echte Alternative geschaffen worden – und hat mit dem Derbysieg den ersten Härtetest bereits prima bestanden.

5. Vorbereitungsergebnisse sind Schall und Rauch

Zugegeben, ganz neu ist diese Weisheit nicht. Doch auch vor dem Aufeinandertreffen am Sonntag hatten sich nicht wenige Anhänger beider Klubs auf die Testspiele fokussiert. Und während Arminia Bielefeld Fortuna Düsseldorf ein 2:2-Remis abgetrotzt hatte, ging die Generalprobe der insgesamt sehr defensivanfälligen Münsteraner gegen den SC Paderborn ja mit 1:6 in die Hose. Grund genug für manche Adlerträger, ein wenig Sorge zu tragen, wie souverän die immer mal wieder etwas wacklige Abwehrreihe nun auftreten würde.

Vor allem die zweite Halbzeit wischte jegliche Zweifel weg – Mut und Courage waren auf dem gesamten Feld eher bei den Preußen zu finden, die zweiten Bälle landeten nicht von ungefähr immer wieder bei den Hausherren. Vielleicht hatte der Aufsteiger die Vorbereitung verschlafen. Doch im Gegensatz zur Arminia, die auf ihren ordentlichen Start ins Derby nicht mehr viel folgen ließ, war der SCP auf den Punkt bereit für das vielleicht wichtigste Spiel der Saison und hatte die größeren Kraftreserven im Tank. Er bestätigte den Aberglauben: Einer missglückten Generalprobe folgt oftmals eine umso bessere Premiere.

   
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