Ferchichi im Interview: "Alles auf den Prüfstand stellen"

Der TSV Havelse hat die Weichen für eine weitere Drittliga-Saison gestellt. Samir Ferchichi wird die Niedersachsen als Cheftrainer und Sportlicher Leiter in eine neue Spielzeit führen. Im Gespräch mit liga3-online.de erklärte der 41-Jährige, welche Aufgaben und Herausforderungen jetzt besonders schwierig werden.

"Mit bescheidenen Mitteln attraktiven Fußball"

liga3-online.de: Ein Klassenerhalt am Grünen Tisch ist eine Seltenheit im Profifußball. Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört, dass das passieren könnte, Herr Ferchichi?

Ferchichi: Ich war tatsächlich ganz entspannt zuhause, aber man aktualisiert die Nachrichten natürlich schon öfter. Grundsätzlich habe ich der Mannschaft auch schon in der Saison gesagt, dass es unser Ziel sein muss, dass wir diesen ersten Abstiegsplatz verteidigen oder erobern müssen, wenn es schon nicht der rechnerische Klassenerhalt wird. Man braucht einfach Ziele. Und wie man so schön gesehen hat, soll man niemals nie sagen. Es ist schön, dass die Mannschaft das so durchgezogen hat und der Verein dafür belohnt wurde.

Wie "feiert" man diesen Klassenerhalt denn? Die Mannschaft hat sich nach dieser langen Zeit vermutlich nicht mehr zusammengefunden.

Die eine oder andere Nachricht wurde sicherlich ausgetauscht, in der wir uns beglückwünscht haben. Aber die ganz große Freude oder ein Zusammenkommen in großer Runde gab es nicht mehr. Letztendlich ist auch einfach ein bisschen Zeit vergangen, und man hat Abstand zu der Saison gewonnen, weil man ja auch abgestiegen war. Trotzdem ist es ein schönes Gefühl. Nicht, weil jemand anderes es aus wirtschaftlichen Gründen nicht geschafft hat, sondern, weil wir gesehen haben, dass es sich immer lohnt, alles zu geben. Diese Handschrift hatte die Mannschaft.

Der Klassenerhalt hat auch Kritiker hervorgerufen. Was entgegnet man denen, die andere Mannschaften lieber gesehen hätten?

Das sind Spekulationen, und es ist nicht meine Aufgabe, den Kritikern etwas entgegenzubringen. Ich bin stolz, dass sich meine Mannschaft nie aufgegeben hat. Sicherlich gibt es Menschen, die dies oder das sagen und andere Sachen bevorzugt hätten, aber letztendlich machen wir ja auch nicht die Regeln. Wir arbeiten mit dem, was entschieden wurde.

Sie bleiben Cheftrainer und übernehmen zudem die sportliche Leitung. Zudem hat der Verein eine strategische Neuausrichtung ausgerufen. Wie soll das genau aussehen?

Zunächst einmal haben wir einen sehr guten Austausch mit unseren beiden Vorstandsvorsitzenden. Wir waren bereits in der kompletten Neuausrichtung – und zwei Wochen später sind wir doch wieder in der 3. Liga. Jetzt haben wir noch weniger Zeit, aber wir sind wieder in einer Stellung, in der wir uns neu ausrichten können und müssen. Dazu gehören viele Faktoren, weil Verträge auslaufen und Spieler bereits gewechselt sind oder sich gedanklich verabschiedet haben. Wir müssen auch die Saison hinterfragen, was gut war und was weniger gut war. Grundsätzlich sollten wir alles auf den Prüfstand stellen, aber wir wollen unsere Identität nicht verlieren. Wir wollen weiter versuchen, mit bescheidenen Mitteln einen attraktiven Fußball zu spielen und eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, die für den Überraschungseffekt sorgen kann.

 

"Das wird auf jeden Fall eine Mammutaufgabe"

Ist die Personalunion als Trainer und Sportchef dann eher Fluch oder Segen?

Ich habe das in der Vergangenheit in sehr engem Austausch mit Florian Riedel gemacht. Als Trainer hattest du schon immer einen gewissen Einfluss, weil du Gespräche mit Spielern und Beratern führst. Jetzt wird es noch einmal anspruchsvoller, weil der Gegenpol nicht mehr da ist. Aber von der Herangehensweise wird sich nichts verändern, zumal wir ja noch andere Instanzen im Verein haben, die Entscheidungen mittragen werden. Wir müssen als Team im Verein wachsen.

Beide Drittliga-Spielzeiten des TSV verliefen so, dass sportlich Verbesserungspotential erkennbar war. Was muss dieses Mal anders laufen?

Wir werden uns in die kommende Spielzeit wieder reinarbeiten müssen. Wir werden einen Umbruch haben, also viele neue Spieler und vielleicht viele Akteure, von denen noch keiner viel gehört hat. Deswegen wäre ein guter Start wichtig. Wir dürfen nicht ganz so lange auf den ersten Dreier warten. Diese Hypothek war in der abgelaufenen Saison schon ziemlich schwer. Es wird ein klarer Faktor sein, dass wir schneller an Punkte kommen müssen. Aber auch Rückschläge werden dazugehören.

Der erste Drittligist ist bereits in die Vorbereitung gestartet, während der aktuelle Planungsstand in Havelse noch nicht final greifbar ist. Wie holt man das jetzt auf?

Das wird auf jeden Fall eine Mammutaufgabe. Da müssen wir uns auch gar nichts vormachen. Wir können die Zeit nicht strecken, also müssen wir einen großen Impact in die vorhandene Zeit bringen. Wir haben viele fähige Menschen im Verein, deshalb müssen wir die Kräfte bündeln. Und dann werden wir Stück für Stück daran arbeiten, dass wir am 1. Spieltag eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die eine passende Mentalität, die nötige Gier und eine große Lust auf Drittliga-Fußball hat. Natürlich wäre es deutlich entspannter, wenn wir schon ab Dezember planen können. Aber ich nehme solche Herausforderungen gerne an. Und da muss sich auch niemand Sorgen machen, weil ich bin relativ guter Dinge, dass wir zeitnah auch Verpflichtungen tätigen können. Ich möchte Spielern den nächsten Schritt ermöglichen, weil ich uns schon als Talentschmiede sehe.

Wenn Sie jetzt noch einen Wunsch für die Planung komplett frei hätten, was wäre das?

Ich wünsche mir, dass alle Spieler, die bei uns aktiv sind oder aktiv sein werden, eine Saison ohne gesundheitliche Schwierigkeiten spielen dürfen. Letztendlich ist unsere Gesundheit immer das Wichtigste. Spaß am Sport und Erfolg kannst du nur haben, wenn du gesund bist.

   

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