Das Transferfazit des 1. FCM: Gut mit leichten Abstrichen

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© imago/Schroedter

Für Magdeburger Verhältnisse gab es im Sommer 2017 einen gehörigen Umbruch. Elf Spieler zogen von der Elbe ab, zehn Akteure lotste man in die Landeshauptstadt. Da das Grundgerüst der Blau-Weißen größtenteils bestehen blieb, investierten Härtel, Kallnik und Co. vor allem in die qualitative Breite des Kaders. Der Plan sollte aufgehen. liga3-online.de zieht ein Fazit.

Türpitz bärenstark, Rother überrascht

Philip Türpitz: Niemand wusste so recht, wie der 26-Jährige nach dem verkorksten letzten Jahr in Chemnitz agieren würde. Türpitz selbst schien dann im Sommer keine allzu lange Anlaufzeit zu brauchen. Nachdem er im ersten Spiel noch eingewechselt wurde, war er ab dem zweiten Spieltag nicht mehr aus der Magdeburger Startelf wegzudenken. Der Rechtsaußen agierte schussgewaltig, trickreich und äußerst agil. Auch dank seiner sechs Tore und fünf Vorlagen steht der Club zur Winterpause an der Spitze. In den abschließenden Wochen wurde der Lauf des Offensivmanns vorerst gestoppt. Zuerst hinderten ihn muskuläre Probleme, dann die Drei-Spiele-Sperre nach dem Ellenbogenschlag gegen Halles Daniel Bohl an einer Rückkehr ins auf Platz eins stürmende Team. Kurios, dass der Neuzugang trotz seiner Leistungen angesichts des starken Angriffstrios Beck-Niemeyer-Düker nicht unbedingt einen Stammplatz nach der Winterpause erwarten darf.

Björn Rother: Wenn es einen heimlichen Star unter den Neuzugängen gibt, dann ist es der Neuzugang der Bremer Reserve. Trotz seiner erst 21 Jahre schaltete Björn Rother so selbstverständlich im defensiven Mittelfeld, als ob es die routinierte Konkurrenz um Marius Sowislo, Dennis Erdmann und den später aus dem Lazarett hinzugestoßenen Charles-Elie Laprevotte gar nicht gäbe. 19-mal stand Rother in der Startelf des FCM, nur einmal musste Jens Härtel auf seinen Mittelfeldakteur verzichten, als dieser eine Gelb-Sperre abbüßen musste. In puncto Verwarnungen zeigte sich der 21-Jährige nicht als Kind von Traurigkeit. Nach mittlerweile neun gelb Karten klopft die nächste Sperre schon hörbar an die Tür. Doch Rother eine Raubein-Attitüde zu attestieren, käme einer Verzerrung seiner Rolle gleich. Der Sechser bringt eine deutlich spielorientiertere Linie als viele seiner Vorgänger mit. Ein Treffer und eine Torvorlage zeigen zudem sein Potenzial in der gegnerischen Spielhälfte.

Mario Seidel: Vielleicht war es sogar Mario Seidel selbst, der am meisten über diese Fügung überrascht war, die ihm da Mitte August passierte. Nach dem Leihgeschäft von Lukas Cichos, der als dritter Torhüter beim 1. FC Magdeburg keine kurzfristige Perspektive mehr sah, nahm Seidel den Platz des an den FSV Zwickau verliehenen Cichos ein. Nun haftet der Nummer drei im Kasten eines Vereins nicht unbedingt das Prädikat an, großen Erinnerungswert bei allen Anhängern hervorzurufen. Wie die Clubfans in ein paar Jahren an den 22-Jährigen zurückdenken werden, soll hier auch kein Thema spekulativer Fußball-Orakelei sein. Schließlich sorgte Mario Seidel am 13. August höchstpersönlich dafür, dass der 1. FC Magdeburg in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals eine der ganz großen Überraschungen vollbrachte. Nach dem kurzfristigen Ausfall der beiden internen Konkurrenten Jan Glinker und Alexander Brunst rutschte der Neuzugang vom FC Erzgebirge Aue gegen den Erstligisten Augsburg in die Startelf und hielt seine Mannschaft in einigen brenzligen Situationen der Gäste im Pokal. Auch Seidel war es zu verdanken, dass die Blau-Weißen mit einem 2:0-Sieg in die nächste Runde einziehen konnten. In zwei weiteren Landespokalspielen durfte der 22-Jährige noch einmal von Beginn an ran, bevor er sich wieder in die Rolle als Nummer drei fügte.

 

Missverständnis Ludwig

Steffen Schäfer: Etwas überraschend wurde der 1. FC Magdeburg zwei Wochen vor Drittligastart noch einmal tätig und verpflichtete mit dem vom Absteiger FSV Frankfurt zum FCM gestoßenen Steffen Schäfer einen Innenverteidiger, der die Lücke auf dieser Position nach den Abgängen von Steffen Puttkammer (Meppen) und Moritz Sprenger (Wolfsburg II) schließen sollte. Beim Saisonauftakt in Großaspach rutschte der 23-Jährige sofort in die Startelf und erwischte ein rabenschwarzes Debüt für seinen neuen Verein. Nach der 1:4-Niederlage war Schäfer auch verletzungsbedingt viele Wochen nicht im Magdeburger Aufgebot zu finden. Doch ab dem neunten Spieltag kämpfte sich der gebürtige Kölner nicht nur wieder in die blau-weiße Startelf, Schäfer fehlte in den zwölf Spielen bis zur Winterpause keine einzige Minute. Seine Schnelligkeit in der hinteren Defensivreihe machen ihn für Cheftrainer Jens Härtel momentan unverzichtbar. Zudem überzeugte der Abwehrspieler mit einem fairen, ballorientierten Spiel vor dem FCM-Strafraum, was seine Strafbilanz von nur zwei gelben Karten beweist.

Florian Pick: In der Vorbereitungszeit im Sommer schwebten über dem Leihspieler vom 1. FC Kaiserslautern die Erwartungen der Fans, den schwer vermissten, zurück zum SC Freiburg gewanderten Florian Kath zu ersetzen. Schließlich hatte der 22-jährige Pick mit ihm nicht nur den Vornamen sondern auch eine ähnlich dynamische, dribbelstarke Ballgewandtheit gemein. Dass die Hoffnungen der Fans nicht immer mit der Entwicklung eines Jungprofis einhergeht, ist Alltag im Fußballgeschäft. Bei Florian Pick schienen die Trainingsleistungen im Verlauf der Hinrunde noch zu schwankend, das eingespielte Team zu stark, als dass sich an der Position des Leihspielers etwas ändern sollte. Insgesamt viermal wurde der Offensivspieler für wenige Minuten eingewechselt: zu wenig, um über das Potenzial des 22-Jährigen urteilen zu können und ebenso wenig, um sich nachhaltig für mehr Spielzeit bei Trainer Jens Härtel zu empfehlen. Auch wenn ein vorzeitiges Leih-Ende unwahrscheinlich erscheint, wird Florian Pick es in der Rückrunde schwer haben, am arrivierten Magdeburger Offensivblock vorbeizukommen.

Andreas Ludwig: Versucht man sich aus Beobachter-Sicht einmal in die Lage von Andreas Ludwig zu versetzen, dann muss einem das vergangene halbe Jahr als ein schlechtes Possen-Stück mit drei Akten erscheinen: erwartungsvoll, makaber, frustierend waren die Elemente dieses merkwürdigen Schauspiels. Was konnte der 1. FC Magdeburg stolz sein auf einen Transfer aus der niederländischen Ehrendivision, der zudem Erfahrung aus den ersten beiden deutschen Profiligen mitbrachte und von den Medien mehrfach zum Königstransfer hochgejazzt wurde. Die ersten drei Auftritte mit einem Treffer und einer Torbeteiligung täuschten noch über den ersten Sand in der neuen FCM-Schaltzentrale hinweg. Der 27-Jährige fand seine Rolle im System Härtels unpassend, agierte er doch lieber etwas defensiver als in der ihm zugedachten Zehner-Rolle. Fortan wurde der Neuzugang vom FC Utrecht ein Opfer der nun erfolgreichen praktizierten Systemumstellung auf 3-4-3. Nach dem neunten Spieltag kam der gebürtige Ulmer nur noch zweimal in der Startelf zum Einsatz, in den vergangenen sechs Spielen baute Jens Härtel gar nicht mehr auf ihn. Alle Beobachter konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, dass weder der Club im heutzutage rigoros durchleuchteten Geschäft falsch gescoutet haben, noch dass ein Vollprofi wie Andreas Ludwig zu unflexibel für eine Systemumstellung bei einem Drittligisten sein soll. Vielmehr wurde man wohl Zeuge eines dieser hin und wieder auftretenden großen Missverständnisse im Fußballgeschäft, das eventuell im Fall Andreas Ludwig schon vorzeitig im Winter beendet wird. Zumindest der Verein erteilte ihm Anfang Januar die Freigabe für einen potentiellen Wechsel.

 

Erdmann, der Fußballmalocher

Dennis Erdmann: Wo sollte Dennis Erdmann nach den Stationen in Dresden und Rostock wohl besser unterkommen als im ebenso leidenschaftlichen Magdeburg, das den Pegel des atmosphärischen Messinstruments ebenso oft auf die Spitze treibt wie Erdmanns Vorgängervereine? Der 27-Jährige erfüllte die Erwartungen in ihn als ehrlichen Fußballmalocher, der sich für die grobe Arbeit im defensiven Mittelfeld, den psychologischen Trash-Talk am Gegner sowie den ein oder anderen lockeren Spruch für die Journalistenkollegen nicht zu schade war. Der Neuzugang vom F.C. Hansa Rostock kämpfte, grätschte und führte mit Leidenschaft jeden Zweikampf, der ihm als Joker oder Startelfkandidat vor die Füße kam. Mit einem Treffer und einer Torvorlage zeigte der Mittelfeldmann darüber hinaus weitere Qualitäten. In insgesamt 16 Punktspielen, davon elfmal von Beginn an, baute Jens Härtel auf Dennis Erdmann. Dass der in den abschließenden sechs Partien bis zur Winterpause nicht einmal mehr eine gelbe Karte kassierte, dürfte sogar ihn überrascht haben. Dass er bei allem Erfolg des 1. FC Magdeburg die Spitzenposition des kartenreichsten Sünders an seinen Kompagnon Björn Rother abtreten musste, wird Erdmann mit diesem bestimmt intern geklärt haben.

Leon Heynke: Die Halbjahresstatistik des erst 18 Jahre alten, vor der Saison von den A-Junioren in den Männerbereich aufgenommenen Leon Heynke ist schnell erzählt. Im Trainingsbetrieb von Jens Härtel soll sich der Innenverteidiger an die Physis des Drittliga-Fußballs gewöhnen. Der an den Wochenenden meist immer noch im A-Junioren-Bereich eingesetzte Heynke weilte während der Punktspiele nicht einmal im Kader der Blau-Weißen. Immerhin eine knappe halbe Stunde Spielzeit gönnte Härtel dem 1,88 Meter großen Defensivmann beim 16:0-Landespokalsieg der Magdeburger beim SV Liesten in der 2. Runde, dem höchsten Pflichtspielsieg in der Vereinsgeschichte. Bestandteil dieser historischen Fußnote ist Leon Heynke zumindest schon einmal.

Felix Lohkemper: Dem Neuzugang von der Mainzer Reserve gebührt das Prädikat des unvollendeten Neuzugangs. Schließlich verletzte sich der 22-Jährige am ersten Spieltag so schwer am Knie, dass ihm im weiteren Saisonverlauf nur noch die Rolle des Edelreservisten zustand. Als er diese Rolle trotz anfänglich guter Auftritte nicht mehr zufriedenstellend ausfüllen konnte, schrumpften die Einsatzzeiten des ehemaligen U19-Europameisters zuletzt merklich zusammen. Insgesamt stehen für den gebürtigen Hessen nach zehn Drittliga-Einsätzen immerhin drei Tore auf dem Konto. In der Rückrunde wird sich der flinke und technisch beschlagene Angreifer zwar hinter der starken Offensivkonkurrenz anstellen müssen, doch verletzungsfrei sollte Felix Lohkemper eine gefährliche Alternative im FCM-Angriff sein.

Alexander Brunst: Brunst soll mittelfristig in die Fußstapfen von Stammtorhüter Jan Glinker treten. Für diese Aussage muss man kein Prophet sein. Der 22 Jahre alte Neuzugang von Wolfsburg II soll die Rolle des Keepers auch beim FCM zukünftig moderner interpretieren und die Elbestädter auch zwischen den Pfosten ein Stück voranbringen. In der Hinrunde blieb dem Mann aus Neumünster nur das undankbare Schicksal, das ihm zustehende DFB-Pokalspiel gegen Augsburg verletzungsbedingt zu verpassen, bevor er in der 2. Hauptrunde gegen Dortmund zwar eine gute Partie ablieferte, bei den fünf Gegentreffern jedoch sehr machtlos war. Zumindest ohne gegnerischen Treffern blieb der 22-Jährige beim 16:0-Landespokalsieg in Liesten, dem einzigen weiteren Pflichtspiel, das Brunst für den 1. FC Magdeburg absolvierte. Dass Jens Härtel die Torwartdiskussion in der Winterpause nach der letztjährigen Erfahrung neu entfacht, ist hingegen nicht zu erwarten.

   

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