Analyse: Wie das Konzept Würzburger Kickers scheiterte

Mittlerweile können die Würzburger Kickers zwar wieder gewinnen, doch das Aufbäumen kommt viel zu spät. Seit Freitag ist der "Durchmarsch" in die Regionalliga Bayern beschlossene Sache – es ist, legt man finanzielle Mittel und den Ertrag übereinander, die wohl größte Enttäuschung in den drei deutschen Profiligen. Wie konnte es dazu kommen und wie geht es bei den Unterfranken weiter? Eine Analyse.

Die 3. Liga nie richtig angenommen

Die 46 Würzburger Zuschauer, die den weiten Weg ins Emsland auf sich genommen hatten und noch einmal Drittliga-Auswärtsluft atmen wollten, wussten ihrem Unmut Luft zu machen. "Alles für Stadt und Verein – nicht für euch Söldner!", prangte in Weiß auf Rot und für Stadion- wie TV-Besucher etliche Male deutlich lesbar auf einem Banner. Der Jubel nach den Toren zum 4:2-Auswärtssieg fiel dann auch bescheiden aus. Jetzt platzt plötzlich der Knoten der 32 Spieltage lang lahmenden Offensive, sieben Tore in zwei Spielen, sechs Punkte als Ergebnis konzentrierter Leistungen. Die Spieler sammeln ihre letzten Siegprämien ein, für mehr taugen die Erfolge nicht mehr: Seit Freitagabend ist der FWK sicher abgestiegen, womöglich trügt die Tabelle am Ende, weil sie einen kleineren Abstand suggerieren wird, als er über weite Strecken der Saison tatsächlich war.

Nie hatten die Würzburger Kickers ihr neues Schicksal, sprich die 3. Liga mit ihrem speziellen Anforderungsprofil, so richtig angenommen. Nie wirkte dieser Verein wirklich vorbereitet auf ein weiteres Jahr Abstiegskampf mit all der damit verbundenen Plackerei – wobei es ja schon im Zweitliga-Jahr 2020/21 keinen Kampf gegeben hatte, auch da waren die Kickers weit abgeschlagen und frühzeitig abgestiegen. Mancher dachte an einen Planungsvorteil gegenüber (finanzkräftigeren) Klubs wie Braunschweig, die gegenüber ihren Neuzugängen erst viel später mit Drittliga-Verträgen entgegentreten konnten. Nichts da: Die A-Lösung (Torsten Ziegner) funktionierte schon auf dem Trainerstuhl nicht, die B-Lösung (Danny Schwarz) nur ganz kurz. Lösung C ist Ralf Santelli, eigentlich Nachwuchschef und in dieser Rolle auch bald wieder aktiv. Dass erst unter ihm so etwas wie eine sachte Entwicklung der Mannschaft erkennbar ist, ist wiederum ein Armutszeugnis für alle, die es zuvor probiert haben.

Die Anarchie begann schon zu Zweitliga-Zeiten

Vom Etat her sah man sich in Würzburg im Drittliga-Mittelfeld, ein Platz in der oberen Tabellenhälfte schien als Mindestziel nach dem zweiten Zweitliga-Abstieg nach 2016 angemessen. Doch vom Start weg lief so ziemlich alles schief: Zwei Niederlagen ohne eigenes Tor, ein spätes Gegentor in Mannheim zum 1:1-Endstand, das gleiche daheim gegen Osnabrück und auch Saarbrücken. Nach dem 0:0 gegen Havelse am 8. Spieltag, es war der erste Punkt des niedersächsischen Aufsteigers, wackelte Ziegner erstmals, ein 2:1-Sieg in Magdeburg rettete ihn noch. Zwei Niederlagen darauf tat Würzburg schließlich das, wofür der Klub überregional bekannt ist: Er entledigte sich seines Cheftrainers, Ziegner musste gehen. Kurios: Sportvorstand Sebastian Schuppan, der selbst noch die Entlassung Ziegners moderieren musste, flog am gleichen Tag ebenfalls raus. Fans der Rothosen wussten da längst: Eine weitere Chaossaison ist eingeleitet.

Chaos, das im September 2020 erstmals Einzug gehalten hatte. Da hatte man sich nach nur zwei Spieltagen in der 2. Bundesliga von Aufstiegstrainer Michael Schiele getrennt – dem bis heute letzten Akteur, der beim FWK so etwas wie Kontinuität verkörpert hatte. Er hatte bei den Verantwortlichen trotz des Fotofinish-Aufstiegs – den Schuppan vor seiner Funktionärskarriere noch selbst per Strafstoß herbeigeführt hatte – kein sonderliches Standing, auch nicht bei Felix Magath. Der heutige Hertha-Interimstrainer war im Rahmen des Engagements von Vereins-Investor Flyeralarm 2020 als prominenter Berater der Kickers abgestellt worden. Glückliche Entscheidungen traf der 68-Jährige in dieser Zeit aber nicht, verbal äußerte er sich etwa im Rahmen der Entlassung von Schieles Nachfolger Marco Antwerpen nach nur fünf weiteren Spieltagen unpassend. Sein Folgemann Bernhard Trares blieb immerhin fünf Monate, dann drehte sich das Karussell weiter. Über Würzburg spottete das Land, als Santelli im April 2021 ein erstes Mal einen designierten Absteiger zum Saisonende führen musste.

Mannschaft ohne Führung und ordnende Hand

Ähnlich sah es, zurück in der Gegenwart, auch diese Saison aus. Denn als Ziegners Nachfolger Danny Schwarz zwar zu Beginn seiner Amtszeit starke Siege unter anderem in Kaiserslautern (2:0) landete, dann aber elf Partien lang überhaupt nicht mehr gewann, titelten die Zeitungen wieder mit den berühmten Worten: "Schon wieder" hatte Würzburg einen Trainer entlassen. Übrig blieb eine Mannschaft, die von sich aus schlecht und unstrukturiert zusammengestellt worden war und der seit zwei Jahren eine kontinuierliche, ordnende Hand fehlt. Komplizierte Typen wie der zwischenzeitlich suspendierte Marvin Pourié, der sich mit dem Team zerstritten haben soll, standen da neben etlichen unscheinbaren Mitläufern. Selbst der Kapitän, Torhüter Hendrik Bonmann, schaffte es infolge vieler Patzer nicht, Sicherheit auszustrahlen. Das Gebilde war stets fragil, spielerisch gab es erhebliche Defizite, die der hervorstechende David Kopacz als ball- und passsicherer Antreiber selten im Alleingang ausmerzen konnte.

Letztlich hatten die Würzburger mit diesem Mix auch ihre Zuschauer vergrault. An einem schwierigen, dem Profifußball nicht sonderlich aufgeschlossenen Standort, der geografisch aufgrund der größeren Distanz zum Rhein-Main-Gebiet als auch der Metropolregion Nürnberg viel mehr hergäbe, kamen zuletzt nur noch enttäuschende Kulissen. 1.790 zahlende Gäste beim 3:0-Sieg gegen Viktoria Berlin vor einer Woche – ein Erfolg, der viel zu spät kam – bedeuteten abseits von pandemie-bedingten Besuchereinschränkungen einen Negativwert, den man am Dallenberg so lange nicht kannte. Erzeugt der FWK nicht alsbald eine Auferstehungseuphorie, so drohen in der Regionalliga wohl noch leerere Stadien – Gegner wie Pipinsried und Illertissen locken in der Universitätsstadt kaum jemanden zu den Rothosen.

Würzburg muss sich vielseitiger aufstellen

Das aber wird bald zur neuen Realität. Immerhin sind sie auf der meistfluktuiertesten Position schon aufgestellt: Marco Wildersinn, von 2014 bis 2020 Übungsleiter bei der Reserve der TSG Hoffenheim, steht dem nächsten Neuanfang vor. Dafür werden die Kickers wohl mit deutlich geringeren finanziellen Mitteln auskommen müssen: Nicht nur fällt das Fernsehgeld in Höhe von zuletzt etwas mehr als einer Million Euro in der Regionalliga weg, sondern macht sich auch das im Januar verkündete Aus von Flyeralarm-CEO Thorsten Fischer mehr und mehr bemerkbar. Würzburg wird sich nun vielseitiger und breiter aufstellen müssen, strukturell womöglich für längere Zeit kein Kandidat mehr für Zweitliga-Fußball sein. Der Kader wird sich komplett umkrempeln – es ist eine Chance, den lokalen Bezug zu schärfen, Identifikation zu schaffen und abseits der nationalen Bühne zu beginnen, sich in der Region wieder ein positives, bodenständiges Image zu erarbeiten.

Vielleicht tut das Fehlen dieser Erwartungshaltung einem Standort, an dem unter Druck etliche Fehler gemacht wurden, ganz gut. Zunächst gilt der Fokus der Rückkehr in die 3. Liga – und der ist selbst in der Bayern-Staffel angesichts von Konkurrenten wie dem FC Bayern II, Schweinfurt 05, der SpVgg Unterhaching und Wacker Burghausen alles andere als einplanbar.

   

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