Analyse: Das sind die Gründe für den Abstieg des SSV Ulm

Vor zwei Jahren noch sensationell von der Regionalliga in die 2. Bundesliga durchmarschiert, haben die Spatzen im selben Tempo nun den umgekehrten Weg genommen. liga3-online.de analysiert die Gründe für den Abstieg.

Negativspirale nicht entkommen

Besiegelt wurde der Abstieg zwar am Samstag durch die 0:2-Niederlage gegen Viktoria Köln, begonnen hatte der Abwärtstrend aber bereits deutlich zuvor. Und das auch nicht erst in den vergangenen Monaten, sondern bereits in der letzten Saison. Der fraglos größte Fehler war die Freistellung von Aufstiegstrainer Thomas Wörle im März 2025. Weder aus sportlicher und schon gar nicht aus zwischenmenschlicher Sicht ließ sich die Trennung rechtfertigen. Das Experiment, anschließend erst mit Robert Lechleiter und dann mit Moritz Glasbrenner auf zwei U19-Trainer zu setzen, ging schief. Pavel Dotchev schien als Rekordtrainer der 3. Liga danach die perfekte Wahl zu sein, schließlich rettete er schon mehrere Vereine vor dem Abstieg. Doch auch der 60-Jährige bekam das sinkende Schiff nicht wieder auf Kurs – und stieg erstmals in seiner Trainerkarriere mit einem Verein ab.

"Ich habe versucht, an so vielen Stellschrauben zu drehen und habe alles getan, was ich konnte. Doch es hat nie so richtig funktioniert", stellte Dotchev am Samstag durchaus resigniert fest. Mehrfach habe er in den letzten Wochen und Monaten schlaflose Nächte gehabt. "Man fährt vom Stadion nach Hause, doch wenn du auf dem Sofa sitzt, denkst du nur daran, was du besser machen kannst." Er sei ans Limit gegangen und an seine Grenze gestoßen, "und trotzdem funktioniert es nicht". Dass er und die Mannschaft dann auch noch ausgepfiffen wurden, dafür zeigte der 60-Jährige zwar Verständnis, hätte auf die Erfahrung aber verzichten können. "Das fühlt sich richtig beschissen an." Aus dem Krisenmodus wurde ein Dauerzustand, den weder Dotchev noch die Verantwortlichen im Verein gestoppt bekamen. Und das über Monate.

Unruhe im Umfeld

Zu den sportlichen Problemfeldern kam die Unruhe im Verein. Ob Rücktritte im Aufsichtsrat und Vorstand oder die ständigen Wechsel auf der Trainer- und Sportchef-Position: "Immer war irgendetwas", beklagte Dennis Chessa am Samstag am "SWR"-Mikrofon. Der Höhepunkt war ohne Frage der Brandbrief der Kapitäne Johannes Reichert und Christian Ortag. "Atmosphäre vergiftet", "Vertrauen zerstört" und "Spieler am Ende ihrer Kräfte" – es war ein Hilferuf, den Reichert und Ortag formuliert und an den Aufsichtsrat adressiert hatten.

Zudem forderten sie einen "kompletten Neuanfang im sportlichen Bereich". Der eindringliche Appell: "Wir flehen euch an: Greift ein, steht uns bei und helft uns, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, bevor alles zu spät ist." Worte, die man im Profifußball selten gelesen hatte und die fast schon einer Revolte gleichkamen. Dass ein derartiger Hilferuf an die Öffentlichkeit gelangt war, lässt erahnen, wie turbulent es hinter den Kulissen zugegangen sein muss.  Hinzu kam, dass sich sportliche Krise und Unruhe im Umfeld zunehmend gegenseitig verstärkten. Mit jedem Rückschlag wuchs der Druck, gleichzeitig nahmen Diskussionen über die sportliche Ausrichtung und die Führung des Vereins zu. Der Fokus verschob sich dadurch immer häufiger weg vom Sportlichen.

Verletztenmisere

Sie fing schon direkt im ersten Spiel an, die beispiellose Verletztenmisere der Ulmer: Kapitän Johannes Reichert riss sich das Kreuzband und fällt seitdem aus. Nicht nur als Spieler, sondern auch als Leader auf dem Platz. Es folgte Neuzugang Dominik Martinovic, der bei seinem Debüt ebenfalls einen Kreuzbandriss erlitt. Mit Marcel Wenig, Jonas David und Jan Boller erlitten danach noch drei weitere Spieler einen Kreuzbandriss. "So etwas habe ich in meiner Trainerkarriere noch nicht erlebt", sagte Trainer Pavel Dotchev Anfang April. Dass gleich mehrere dieser Leistungsträger langfristig ausfielen, konnte der Aufsteiger auf Dauer nicht kompensieren.

Hinzu kam, dass sich die personellen Probleme nicht nur auf Langzeitverletzungen beschränkten. Immer wieder fehlten weitere Spieler angeschlagen oder mussten Spiele abbrechen, wodurch sich kaum einmal eine feste Achse entwickeln konnte. Allein gegen Köln musste der SSV gleich fünf Stammspieler der letzten Wochen ersetzen. Gerade in einer Liga, in der Stabilität, Eingespieltheit und defensive Abläufe eine zentrale Rolle spielen, war das für den SSV Ulm ein erheblicher Nachteil. Besonders deutlich wurde das in Phasen, in denen die Mannschaft trotz ordentlicher Leistungen keine Konstanz in ihre Ergebnisse bekam. Auf gute Auftritte folgten regelmäßig Rückschläge, nicht zuletzt weil Trainer Pavel Dotchev seine Startelf beinahe wöchentlich umbauen musste. Automatismen konnten sich so kaum entwickeln. Gerade die Defensive wirkte über weite Strecken anfällig, Abstimmungsprobleme und individuelle Fehler häuften sich.

Kaderplanung

Der Umbruch im vergangenen Sommer fiel erwartungsgemäß groß aus. Viele Leistungsträger der beiden Vorjahre konnten nicht gehalten werden, aber immerhin nahmen die Spatzen durch Ablösesummen rund eine Million Euro ein. Es war also ein durchaus gewisses Budget vorhanden, um eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen. Doch das gelang Ex-Sportchef Markus Thiele nicht. Statt Klasse wurde überwiegend Masse verpflichtet. Wie schwach der Kader war, zeigte sich unter anderem daran, dass Mirnes Pepic, der im November nach fünfmonatiger Vereinslosigkeit nachverpflichtet worden ist, nur vier Tage nach seiner Unterschrift direkt in der Startelf stand und auch anschließend zum Stammpersonal gehörte.

Auch im Winter gelang es unter Thiele-Nachfolger Stephan Schwarz nicht, die Qualität des Kaders im erforderlichen Maße anzuheben. Streli Mamba etwa war erst nur Joker und wurde im März dann sogar wieder aussortiert. Genau wie auch Abu-Bekir El-Zein, der ebenfalls erst im Winter verpflichtet worden war. Entsprechend stellt sich die Frage, warum diese Transfers überhaupt getätigt wurden und ob alle Verantwortlichen einstimmig dahinter standen. Dotchev deutete zuletzt an, dass es intern durchaus Unstimmigkeiten gab. Denn auf die Frage nach den Gründen für den Abstieg sagte er am Samstag: "Ich habe meine Meinung, aber die sage ich nicht öffentlich."

Fazit

Der Abstieg des SSV Ulm ist nicht auf einen einzelnen Auslöser zurückzuführen, sondern das Resultat einer Entwicklung, die sich über Monate hinweg immer weiter zugespitzt hat. Fehlentscheidungen auf Führungsebene, ständige personelle Wechsel, eine enorme Verletztenmisere und eine insgesamt misslungene Kaderplanung griffen ineinander und führten dazu, dass die Spatzen der Negativspirale nie mehr entkamen.

Zwar stemmte sich die Mannschaft zeitweise gegen den Absturz, doch Stabilität entstand weder auf noch neben dem Platz. Dass ausgerechnet der Klub, der vor zwei Jahren noch als Musterbeispiel für Kontinuität und Zusammenhalt galt, nun innerhalb kürzester Zeit bis in die Regionalliga durchgereicht wird, macht den Absturz umso bitterer. Für Ulm beginnt damit ein Sommer der grundlegenden Entscheidungen – sportlich, strukturell und personell.

   

Das könnte Sie auch interessieren

Auch interessant

Back to top button