Warum Verls vierter Coup der vielleicht größte war

Abstürze, Aufholjagden, einen doppelten Durchmarsch: Was hatte diese Drittliga-Saison zu bieten! Was sich zwischen den pikanten Tabellenregionen abgespielt hat, geriet dabei fast in Vergessenheit. Und fast schon chronisch unterrepräsentiert ist der kleinste Drittligist, der SC Verl. Dabei ist das vorzeitige Erreichen des fünften Drittliga-Jahres ein erneut riesiger Erfolg – gerade wenn man die Vorzeichen in Betracht zieht.

Ein Klassenerhalt mit Stil und trotz einiger Widerstände

Natürlich oblag es dem SC Verl am Sonntagabend, ganz vielen anderen Profivereinen (und sogar solchen, die bald ein Champions-League-Finale bestreiten!) vorzumachen, wie sich ein Verein ohne die großen akuten Ziele sportlich fair präsentiert: Preußen Münster wollte gerne aufsteigen, wurde aber in der ersten Halbzeit an der ganz kurzen Leine gehalten und mit ungewohnter Effektivität besiegt: Das 2:0 bedeutete die Fortführung einer beeindruckenden Serie gegen Spitzenteams, gegen die sich Verl 2024 kaum eine Niederlage leistete. Mit ganz feinem, souveränem Kombinationsfußball war der SC dabei sogar dem hochintensiven Münsteraner Pressing überlegen. Ob in dieser Spielzeit wohl mehr möglich gewesen wäre?

Wie man einen Klassenerhalt mit Stil feiert, hatte Verl ja schon am 36. Spieltag gezeigt. Zu Gast bei Dynamo Dresden, klassischer lässt sich das Bildnis von David gegen Goliath in den Drittliga-Kosmos kaum übertragen, schafften die Ostwestfalen die fette Überraschung und beseitigten auch alle theoretischen Zweifel am abermaligen Ligaverbleib. Dabei hatte der Klub um das ganze Thema Abstiegssorgen im Frühjahr schon einen großen Bogen gezogen. Klar: Die vielen Anwärter, die sich nicht mit Ruhm bekleckerten, halfen ein wenig mit – Vereine wie Duisburg, Halle und Mannheim waren stets weit entfernt. Doch wer die 50-Punkte-Marke erreicht, auch in der schwächeren Rückrunde noch einen Tabellenplatz im hinteren Mittelfeld wahrt, der hat sich dieses Ruhekissen auch verdient.

"Ich sitze hier als ein sehr stolzer Trainer“, hatte Coach Alexander Ende schon nach dem Dresden-Spiel gesagt. Er hatte genug Gründe dafür. Gründe, die sich längst nicht nur auf die gesehenen 90 Minuten bezogen, sondern auf die mehr als zehn Monate der gemeinsamen Zusammenarbeit. Alles begann im vergangenen Sommer, als Ende den zu Arminia Bielefeld abgewanderten, sehr beliebten Trainer-Vorgänger Mitch Kniat beerbte. Im Winter wilderte der große Nachbar erneut, kaufte Kapitän und Führungsspieler Mael Corboz per Klausel aus dem gültigen Vertragsverhältnis. Mehr als ein frustriertes Zähneknirschen ob des Gebarens der direkten Konkurrenz blieb dem Sportclub nicht, denn weder finanziell noch strukturell kann er Akteuren, die in der 3. Liga nachhaltig für sich werben, langfristig eine Perspektive bieten.

Wer Verl den Rücken kehrt, hat es oft schwer(er)

Weder dieses Duo noch Oliver Batista Meier, der von Leihverein Dynamo Dresden wohl auch aus taktischen Gründen in der Winterpause vorzeitig zurückgeholt wurde, profitierte übrigens vom Abgang aus Verl: Topscorer Batista Meier wurde erfolglos nach Zürich verliehen, wo er kaum spielt. Kniat verfehlte die Erwartungen und erreichte mit Arminia knapp das Minimalziel, das Verhindern des Dreifach-Abstiegs in die Regionalliga – von seiner Verler Spielidee ist aktuell aber nicht mehr viel zu sehen. Und auch Mittelfeld-Allrounder Corboz fremdelt noch spürbar mit der viel größeren Bühne in Bielefeld, die Leichtigkeit von der Poststraße fehlt dem US-Amerikaner. Er durchlebt jene Erfahrung, die schon viele machten: Irgendwie lässt sich in der Verler Harmonie und mit dem viel geringeren Erwartungsdruck wunderbar aufblühen.

Wie es im Sommer weitergeht, ist angesichts der aktuellen Nachrichtenlage schon vorgezeichnet: Der gewohnte Aderlass steht ins Haus, den Verl mit mutigen Transfers kompensieren muss. Stammtorhüter Luca Unbehaun dürfte einer der Abgänge sein – und das ablösefrei, weil sein Vertrag ausläuft. Tom Baack und der schon verabschiedete Nico Ochojski haben ebenso noch keinen Arbeitgeber über den 30. Juni hinaus, als zuverlässige Stammkräfte im "besten Fußballer-Alter" sind sie ebenfalls interessant für die finanziell besser ausgestatteten Drittligisten oder sogar Höherklassiges. SCV-Sportchef Sebastian Lange, der seinen Vertrag neulich verlängerte, wird umso aufmerksamer in die Regionalligen schauen und einige Talente mit exzellenten Weiterbildungschancen locken. Auch der gute Austausch mit dem anderen sportlichen Nachbarn, dem SC Paderborn, könnte in weitere Episoden gehen, auch wenn die diesjährigen Zugänge Marcel Mehlem und Niclas Nadj nicht wie erhofft zündeten.

Das nächste Saisonziel ist längst klar

Die Ziele für die Saison 2024/25 lassen sich dabei schon jetzt definieren: Das sechste Drittliga-Jahr wird angepeilt, der Zuschauerschnitt von etwa 2.600 darf gerne noch weiter steigen. Und es soll solide gewirtschaftet werden – im Optimalfall mit kleineren Transfer-Überschüssen, wenn es die Vertragskonstruktionen hergeben. Mit Alexander Ende, der das spezielle, dörfliche Wohlfühlklima in der 25.000-Seelen-Gemeinde längst zu schätzen gelernt hat, sowie einer weiterhin sehr realitätsnähen und lokal verwurzelten Klubführung weiß der SC Verl dafür eine sehr gute Basis hinter sich. Und ob es nun Bielefeld, Dresden und 1860 München sind oder neue Mitstreiter wie Alemannia Aachen, der VfL Osnabrück und vielleicht Hansa Rostock: Einige der "Großen" werden sich auch künftig die Zähne im kleinen Verl ausbeißen. Und darauf darf sich jeder, der im für einen Profiverein erstaunlich kleinen Mitarbeiterstab Beachtliches leistet, schon jetzt freuen.

   

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