"Vollkatastrophe": So reagiert die Liga auf das Türkgücü-Aus

Der vorzeitige Rückzug von Türkgücü München stellt ohne Frage den größten Einschnitt in der Geschichte der 3. Liga dar, wird die Tabelle vor den letzten sieben Spieltagen doch ordentlich durcheinander gewürfelt. Die Reaktionen der Klubs fallen zum Teil deutlich aus. Und selbst Profiteure üben Kritik.

Titz: "Wettbewerbsverzerrung"

Auch wenn der 1. FC Magdeburg nach dem Aus von Türkgücü nun vorerst zwölf statt elf Punkte vor dem Relegationsplatz liegt und die 1:2-Niederlage bei den Münchnern vor zwei Wochen nicht mehr in der Statistik auftaucht, ist Trainer Christian Titz sauer: "Das ist eine Wettbewerbsverzerrung", stellt er in der "Bild" klar. Es müsse vor der Saison klargestellt werden, dass ein Verein nur eine Lizenz bekommt, wenn er nachweisen kann, dass die Saison auch finanziell abgesichert ist. "Oder es müssen, wie in anderen Sportarten, Auffangmechanismen geschaffen werden", fordert der 50-Jährige.

Der 1. FC Kaiserslautern trauert derweil dem nun gestrichenen Heimspiel gegen Türkgücü am letzten Spieltag nach, das wohl über 40.000 Zuschauer angelockt und entsprechend für einen hohen Umsatz gesorgt hätte. "Ein letztes Spiel vor den eigenen Fans ist immer etwas ganz Spezielles. Das wäre mit Sicherheit geil geworden", sagt Sportchef Thomas Hengen in der "Rheinpfalz". Für den FCK könnte es am 38. Spieltag zudem zu einer bizarren Situation kommen: Denn sollte Lautern bis dahin noch nicht aufgestiegen sein, könnte ein direkter Konkurrent noch vorbeiziehen, ohne dass die Pfälzer eingreifen könnten.

Einer dieser Vereine könnte Eintracht Braunschweig sein, der durch einen Sieg im Nachholspiel gegen Osnabrück (Samstag) mit den Roten Teufeln gleichziehen würde. "Es hatte sich in den vergangenen Wochen angedeutet, dass Türkgücü München die Saison nicht beenden würde. Das ist für die gesamte 3. Liga am Ende natürlich sehr bitter", bedauert Sportchef Peter Vollmann auf der Vereinshomepage. "Jetzt müssen alle Vereine die Situation so akzeptieren."

FCS will sich wehren

Der 1. FC Saarbrücken, der durch das Türkgücü-Aus als einziger Klub gleich sechs Punkte verliert und vom dritten auf den vierten Rang abrutscht, will die Annullierung der Partien jedoch nicht einfach so hinnehmen – und kündigt rechtliche Schritte an. "Wir werden alle juristischen Möglichkeiten nutzen, um dieses unsportliche und unfaire Vorgehen des Punktabzuges zu verhindern", teilte der Klub gegenüber dem "SID" mit. "Die sogenannten Insolvenzregeln, die nun zur Anwendung kommen, sind sowohl in sportlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht untragbar und müssen geändert werden." Es könne nicht sein, "dass Klubs unverschuldet dafür bestraft werden, dass andere Vereine unter Aufsicht des DFB Misswirtschaft betrieben haben". Auch Trainer Uwe Koschinat ist sauer und spricht gegenüber der "Bild" von einem "massiven Eingriff in den Wettbewerb – auch gerade eine Woche vor unserem Spiel gegen 1860. Die Voraussetzungen haben sich massiv verändert". In der "Saarbrücker Zeitung" spricht Koschinat zudem von einer Bankrotterklärung.

Ganz anders die Lage beim TSV 1860 München, der jetzt nur noch drei statt sechs Punkte hinter dem Relegationsplatz liegt und damit der große Profiteur ist. Dennoch sind die Löwen nicht in Jubelstürme ausgebrochen: "Egal, ob wir Profiteure dieser Entscheidung sind: Für das Renommee der Liga ist es schlecht. Alle Beteiligten müssen zukünftig dafür Sorge tragen, dass so etwas nicht mehr passiert und das Image der 3. Liga gestärkt wird", so Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel auf der Löwen-Homepage. Auch Trainer Michael Köllner sagt: "Solche Entscheidungen will im Fußball grundsätzlich keiner haben."

"Ein Skandal"

Ähnlich sieht es Waldhof-Coach Patrick Glöckner: "Ich finde es schade und traurig, dass der Weg des Sports nun einen politischen Touch bekommen hat. Es ist für alle blöd, dass der Wettbewerb in der Endphase nun so verzerrt wird", sagt er im "Mannheimer Morgen". Während Michael Welling, Geschäftsführer des VfL Osnabrück, eine Gehaltsobergrenze ins Spiel bringt: "Das könnte sowas sein, wo Gehaltsausgaben an garantierte Einnahmen des Vereins gekoppelt sind. Dann wäre so etwas nicht passiert", sagt SVWW-Geschäftsführer Niko Schäfer im "Wiesbadener Kurier": "Es ist kein schöner Tag für die Liga".

Weitaus deutlichere Worte findet Kölns Geschäftsführer Andreas Rettig in der "Bild"-Zeitung: "Dass Auf- und Abstieg durch unseriöses Geschäftsgebaren beeinflusst werden, ist ein Skandal." HFC-Trainer André Meyer spricht auf der Vereinshomepage der Saalestädter derweil von einer "Vollkatastrophe" und davon, dass das Lizenzierungsverfahren durch die Zahlungsunfähigkeit und den Rückzug von Türkgücü mitten in der Saison "ad absurdum" geführt werde.

Thomas Wulf, Geschäftsführer des MSV Duisburg, findet es "bedauerlich, dass in dieser Phase der Saison die Tabelle durcheinander gewirbelt wird. Es ist aber ein Stück weit fairer, als wenn am Ende der Saison Spiele gewertet werden und Teams kampflos zu Punkten kommen", sagt er in der "WAZ". Auch für Viktoria Berlins Geschäftsführer Peer Jaekel ist es eine "traurige Nachricht, dass es soweit kommen musste", wie er dem "RBB" sagte.

DFB-Kritik vom TSV Havelse

Matthias Limbach, Manager des TSV Havelse, schimpft in der "Bild"-Zeitung: "Ein richtiger Schlag für alle Vereine, die seriös arbeiten. So wird der sportliche Wettbewerb außer Kraft gesetzt. In der 3. Liga herrscht leider sehr viel Unvernunft. Dass es dann den einen oder anderen erwischt, ist nicht überraschend. Es müssen sich alle hinterfragen, wie sie wirtschaften." Kritik übt er zudem am DFB: "Wie kann es bei so einem strengen Lizenzierungsverfahren überhaupt dazu kommen? Ich kann mir das nicht erklären und es bringt mich auf die Palme." Genau wie auch die Würzburger Kickers muss der Aufsteiger durch den Türkgücü-Rückzug nun zwei Punkte zusätzlich auf das rettende Ufer aufholen, was den Klassenerhalt angesichts von jetzt neun Punkten Rückstand in ganz weite Ferne rücken lässt.

Und was sagt Türkgücü-Coach Andreas Heraf? Bei "Sky" sprach er von einem "traurigen Moment" für den Verein, die Spieler und das Trainerteam, musste aber auch einräumen: "In Wahrheit haben wir damit gerechnet." Unmittelbar nach der Entscheidung am Donnerstag leitete Heraf nochmal das Training, nun ist Schluss: "Jetzt ist der Augenblick gekommen, die Taschen zu packen. Für die anderen Vereine tut es mir leid, weil es natürlich eine Wettbewerbsverzerrung ist." In diesem Punkt sind sich wohl alle 20 Drittligisten einig.

Weiterlesen: Fragen und Antworten zum Aus von Türkgücü München

   
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