Titel und Tränen #2: Die unfassbare Abstiegskonferenz 2015/16

Es ist Mitte Mai. Eigentlich würde sich nun die Saison entscheiden – doch nicht im Jahr 2020, nicht im Jahr der Corona-Pandemie. Wir nutzen die Zeit und blicken in einer Serie auf die spannendsten und emotionalsten Saisonfinal-Momente der vergangenen Jahre zurück. Heute steht der 38. Spieltag der Saison 2015/16 auf der Agenda – und mit ihm der wohl dramatischste Abstieg der Drittliga-Geschichte.

Stuttgarts (zu) früher Jubel

Eigentlich beginnt die Erzählung nicht erst an jenem 14. Mai 2016, sondern zwei Wochen zuvor. Die Stuttgarter Kickers, trainiert von Tomislav Stipic, besiegen dort den Halleschen FC im heimischen Stadion auf der Waldau mit 1:0. So weit, so unspektakulär. Doch die Kickers, die im Vorjahr beinahe in die zweite Bundesliga aufgestiegen, im darauffolgenden Herbst kolossal abgestürzt und nun halbwegs rehabilitiert waren, feierten damals, beklatschten sich. 4.000 Fans gingen zufrieden nach Hause – sechs Punkte und vier Treffer Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang sollten zwei Spieltage vor dem Saisonende doch nun wirklich genügen. "Die Kickers haben den Klassenerhalt nach diesem Sieg so gut wie sicher", steht noch heute im Fußballmagazin Kicker.

Das ist die Konstellation

Während sich an der Spitze Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue und die Würzburger Kickers frühzeitig die Aufstiegs- und Relegationsplätze sichern und einzig der abstürzende VfL Osnabrück für Turbulenzen sorgt, spitzt sich der Kampf um den Klassenerhalt von Woche zu Woche zu. Von den damals drei Abstiegsrängen ist durch den VfB Stuttgart II vor dem finalen Spieltag nur einer sicher belegt. Am 38. Spieltag bleiben vier Mannschaften übrig, von denen zwei in der 3. Liga verbleiben:

Auf Platz 16 liegen die Stuttgarter Kickers mit 43 Punkten und minus 13 Toren. Sie hätten in der Vorwoche mit einem Remis beim direkten Kontrahenten Werder Bremen II den Klassenerhalt schaffen können, fingen sich aber eine 0:1-Niederlage ein. Sie empfangen daheim den Achten aus Chemnitz – für die Sachsen geht es um die Goldene Ananas.

Auf Platz 17 ankert Energie Cottbus, das über die gesamte Saison zwischen dritter und vierter Liga gependelt war, mit 41 Punkten und minus 20 Toren. Ein 1:0-Sieg in Erfurt hat die Lausitzer über den Strich befördert, nun kommt der Vierzehnte FSV Mainz 05 II ins Stadion der Freundschaft – ebenfalls bereits gerettet.

Auf Platz 18 und Platz 19 kommen schließlich die Werder-Reserve sowie der SV Wehen Wiesbaden. Beide weisen 40 Zähler sowie minus 15 Tore auf. Bremen hat aber acht Tore mehr erzielt, was zum entscheidenden Vorteil werden kann. Für Bremen geht es zum Tabellen-15. VfR Aalen, der eine Woche zuvor den Klassenerhalt feierte. Wiesbaden empfängt die schon abgestiegenen Stuttgarter Amateure – ein Pflichtsieg.

In den Stadien ist die Spannung in den Minuten vor Anpfiff greifbar, auch wenn die Kulissen teils zu wünschen übrig lassen: Mit 13.500 Besuchern stellt Energie Cottbus in Erwartung des Klassenerhalts den Bestwert, der SV Wehen Wiesbaden begrüßt dagegen nur noch 2.200 Unentwegte. Nicht wenige, die es mit dem SVWW halten, haben sich mit dem Abstieg bereits abgefunden. Wer nicht live dabei sein kann, schaltet die Dritten Programme ein – und wird später noch Dutzende Male hin- und herzappen. Eine Konferenz, wie sie heute der kostenpflichtige Dienst "Magenta Sport" anbietet, gibt es 2016 in der Form noch nicht. Klar ist die Ausgangslage: Gewinnen die, die über dem Strich stehen, sind sie gerettet, Stuttgart reicht schon ein Punkt. Wie wir wissen, kommt es anders.

Energie Cottbus zwischen Ekstase und Ernüchterung

Das kleinste Drama spielt sich in Aalen ab. Hier erwartet fast das gesamte untere Tabellendrittel Schützenhilfe des heimischen VfR gegen die Bremer Talente. Vergeblich, denn Marcel Hilßners Doppelschlag bringt den SVW zur Pause mit 2:0 in Front. Zwar verkürzt Aalen nach dem Seitenwechsel noch durch den Finnen Mika Ojala auf 1:2, danach aber bringt Bremen das Ergebnis clever über die Zeit – die Norddeutschen haben ihr Nötiges getan, ihre Chance auf den Ligaverbleib gewahrt. Sie beenden mit 43 Punkten und minus 14 Toren die Saison. In Stuttgart, Cottbus und Wiesbaden beißen sich Fans dagegen die Nägel kurz. Beim FC Energie steht es zur Pause ebenso wie bei den Kickers 0:0, während der SVWW dank Torsten Oehrl 1:0 führt. Stuttgart wäre ebenso gerettet wie Wehen Wiesbaden. Aber es ist noch lange nicht vorbei.

In Cottbus regiert gegen Mainz zunächst die Angst vor dem Versagen, doch dann wird die zweite Halbzeit plötzlich turbulent. Ursächlich ist ein Stockfehler von Joni Kauko, der die jungen Mainzer in den Tempogegenstoß führt, Julian Derstroff bringt den FSV in Front. 49 Minuten sind da gespielt – Cottbus braucht zwei Tore. Und kriegt sie: Erst ist es ein schmeichelhafter, vom heutigen Bundesliga-Stürmer Sven Michel herausgeholter Elfmeter, den Richard Sukuta-Pasu verwandelt (57.), ehe "Richie" zwanzig Minuten darauf mit einer feinen Körperdrehung den Doppelpack vervollständigt. Der wohl emotionalste Torjubel der Drittliga-Saison ist zu bestaunen, als jegliche Anspannung von Spielern, Verantwortlichen und mehr als zehntausend Fans abfällt. Zehn Minuten später wird die Hochstimmung abrupt durch unheimliche Totenstille abgelöst: Mainz gibt nicht auf, Mainz gleicht durch Fabian Kalig aus (89.), das Tor zum 3:2-Auswärtssieg von Marcel Costly wird kurz vor Abpfiff gar nicht mehr bejubelt. Eine Stadt ist geschockt: Cottbus steigt nach 19 Jahren aus dem Profifußball ab.

Mintzels WhatsApp-Flut nach dem heldenhaften Tor

Als Fabian Kalig um 15:29 Uhr Ortszeit Energie Cottbus aus allen Träumen schießt, beginnt das große Rechnen. Ob in Aalen, Wiesbaden oder Stuttgart: Wer kein Trikot trägt und spielt, der fragt hektisch um sich: Wie steht es hier, wie steht es dort? Steigen wir ab, bleiben wir drin? Als dann auch noch der Chemnitzer FC dank Anton Fink in der 88. Minute in Stuttgart in Führung geht – wer hat sich dieses Drehbuch nur ausgedacht? – wird es völlig kurios. Fast geht unter, dass Wiesbaden sich von Stuttgart II den 1:1-Ausgleich einschenken ließ (78.), aber durch Luca Schnellbacher prompt zurückschlug (83.). Eine Minute vor Saisonende stehen drei Klubs – Bremen II, Stuttgart und SVWW – punkt- und torgleich (minus 14) in exakt dieser Reihenfolge auf den Rängen 16 bis 18! Und dann kam Alf Mintzel.

"Ich wollte eigentlich mit links schießen, dann dachte ich, scheiße, geht nicht, also habe ich mit rechts geschossen und wollte nur irgendwie aufs Tor zielen“, sagte das Wiesbadener Urgestein einige Wochen später. Dass er in buchstäblich allerletzter Sekunde beim finalen, verzweifelten Angriff völlig frei im Sechzehnmeterraum stand und aus spitzem Winkel zum 3:1 traf, setzte dem Wahnsinn die Krone auf. Nun hatte Wiesbaden ein Tor mehr, zog an beiden Kontrahenten vorbei und stieß die Stuttgarter Kickers, deren Klassenerhalt schon besiegelt schien, in die vierte Liga. Während auf der Waldau sogar einige Zuschauer wutentbrannt das Feld stürmten, checkte Wiesbadens Urgestein Mintzel zunächst in aller Ruhe sein Handy. "167 Nachrichten" habe er bereits kurz nach Abpfiff bei WhatsApp erhalten, sagte der heute 38-Jährige. "Darunter auch Leute, von denen ich gar nicht wusste, woher sie meine Nummer haben." Der SVWW jubelte, der SVW ebenso: Auch Bremen war gerettet. Cottbus und zweimal Stuttgart verabschiedeten sich aus der 3. Liga.

Bitteres Ende für Fußball-Stuttgart

Aus der unteren Tabellenhälfte der Saison 2015/16 spielt vier Jahre später übrigens nur noch ein einziger Klub weiter drittklassig, nämlich der Hallesche FC. Holstein Kiel und der SV Wehen Wiesbaden sind mittlerweile in der 2. Bundesliga. Energie Cottbus, Werder Bremen II, der VfR Aalen, Mainz 05 II und Fortuna Köln sind in die Regionalligen abgestiegen. Ganz hart erwischte es den Fußball im Schwabenland: Sowohl die Stuttgarter Kickers als auch der VfB Stuttgart II sind in die Oberliga Baden-Württemberg abgestürzt und kämpften dort bis zur Corona-Pause als direkte Konkurrenten um den Wiederaufstieg in die Viertklassigkeit.

   
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