Strittige Szenen am 9. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die roten Karten gegen Thalhammer und Farahnak, die Tore zum 1:0 und 3:0 von Ingolstadt, die Elfmeter für Würzburg, Großaspach und Wiesbaden, das 3:0 von Duisburg, die nicht gegebenen Strafstöße für Rostock und Hoffenheim II (2) sowie Foulspiele von Fahrner und Geerkens. Am 9. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 13 strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Maximilian Thalhammer (Mannheim) rutscht im Mittelfeld bei einem Zweikampf mit Benjamin Kanuric (Ingolstadt) weg, trifft seinen Gegenspieler dann aber mit offener Sohle und gestrecktem Bein, was Schiedsrichter Timon Schulz mit einer roten Karte ahndet. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Thalhammer nimmt den Ball an und rutscht dann weg. Noch im Sitzen am Boden streckt er beide Beine mit offener Sohle Richtung Gegenspieler Kanuric, der zu Fall geht. Um in dieser Szene eine rote Karte zu zeigen, müssten mindestens zwei von drei Kriterien (Trefferbild, hohe Intensität und die Chance, den Ball spielen zu können) vorliegen. Dadurch, dass Thalhammer auf dem Boden sitzt, kommt erst gar kein Druck hinter den Einsatz, sodass die Intensität nicht rotwürdig ist. Das Trefferbild ist auch nicht rotwürdig. Mit dem rechten Fuß touchiert Thalhammer nur leicht seinen Gegenspieler und trifft ihn nicht voll. Die Chance, den Ball zu spielen, ist auch noch gegeben, sodass noch nicht einmal ein Kriterium für eine rote Karte vorliegt. Somit eine Fehlentscheidung, diese rote Karte zu zeigen. Das ist lediglich ein rücksichtsloser Einsatz, der mit der gelben Karte hätte sanktioniert werden müssen. Womöglich hat der Schiedsrichter keine optimale Sicht auf die Szene, weil er hinter dem Angreifer steht, ihm die Sicht versperrt wird und somit das tatsächliche Trefferbild gar nicht umfänglich erkennen kann.

Szene 2: Auf Vorlage von Keanan Bennetts trifft Lars Lokotsch zum 1:0 für Ingolstadt. Mannheim reklamiert Abseits, der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 1:20]

Babak Rafati: Ob in dieser Szene die Fußspitze von Lokotsch im Abseits ist oder nicht, und ob womöglich die linke Hacke des Verteidigers diese mögliche Abseitsposition aufhebt oder nicht, ist anhand der vorliegenden TV-Bilder nicht zweifelsfrei aufzulösen. Was der Assistent aber richtig macht, ist, die Maßgabe "im Zweifel für den Angreifer" walten zu lassen. Eine Entscheidung, die man so stehen lassen kann.

Szene 3: Obed Ugondu bringt den Ball auf Vorlage von Linus Rosenlöcher im Tor unter. Erneut reklamiert der Waldhof Abseits, dieses Mal beim Zuspiel zuvor auf Ugondu. Wieder zählt der Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati: Beim Zuspiel von Ugondu steht Nishan Velupillay zunächst in Abseitsposition. Der Ball fliegt aber weiter auf die rechte Angriffsseite zu Rosenlöcher, der sich nicht in Abseitsposition befindet. Somit liegt keine Abseitsposition vor, denn Velupillay, der in Abseitsposition steht, greift nicht ins Spielgeschehen ein. Somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und den anschließenden Treffer anzuerkennen. Gut vom Assistenten, zuerst abzuwarten, wo der Ball schlussendlich hingeht und nicht voreilig auf Abseits zu entscheiden.

 

Szene 4: Ein Laufduell zwischen Yusuf Wardak (Havelse) und Ebrahim Farahnak (Würzburg) wertet Schiedsrichter Luca Sambill als Foulspiel des Würzburgers und damit als Notbremse. Die rote Karte gegen Farahnak ist die Folge. [TV-Bilder – ab Minute 1:05]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell zwischen Wardak und Farahnak liegt eine sehr undurchsichtige Situation vor, bei der es darum geht, wer zuerst foult. Für mich ist in dieser Szene anhand der TV-Bilder ein Foulspiel schwierig auszumachen. Aber der Bewegungsablauf und das Fallmuster des Verteidigers sowie meine Erfahrung bei derartigen Szenen sprechen klar dafür, dass der Stürmer den Verteidiger zuerst zu Fall bringt, wenn auch unbeabsichtigt. Das passiert oft, wenn sich die Laufwege kreuzen, insbesondere beim 1-gegen-1 Richtung Tor und ein Spieler zu Fall kommt. Beim Foulspiel spielt es keine Rolle, ob das beabsichtigt oder unbeabsichtigt ist. Es liegt dann ein Foulspiel vor. Daher eine Fehlentscheidung, auf Notbremse gegen Farahnak zu entscheiden. Stürmerfoul zu pfeifen wäre die richtige Entscheidung gewesen.

Szene 5: Nach einem Eckstoß für Würzburg zeigt Sambill auf den Punkt, nachdem Liam Omore (Würzburg) von Lorenzo Paldino (Havelse) gehalten wurde. [TV-Bilder – ab Minute 3:50]

Babak Rafati: Nach einer Ecke hält Paldino seinen Gegenspieler Omore klar am Trikot fest, verhindert damit, dass dieser zum Ball kommt und nimmt ihn dadurch aus dem Spiel. Das ist ein Foulspiel, das zurecht mit einem Strafstoß und einer gelben Karte geahndet wird, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt. Auch wenn ein Trikotvergehen im Strafraum vorliegt und das Foulspiel nur gegnerorientiert ist, liegt keine offensichtliche Torchance vor, bei der man die rote Karte zeigen müsste. Die fehlende Ballkontrolle des Angreifers ist das Kriterium, das für einen Feldverweis fehlt.

 

Szene 6: Nach einer Ecke prallt der Ball von Lex Tyger Lobinger zu Rasim Bulic, der zum 3:0 trifft. Saarbrücken reklamiert Abseits, Schiedsrichter Felix Weller gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Ob Bulic bei dieser Situation tatsächlich in Abseitsposition steht oder nicht, ist aus den vorliegenden TV-Bildern nicht zweifelsfrei auflösbar. Tendenziell scheint aber keine Abseitsposition vorzuliegen, da ein Verteidiger etwa auf Höhe des linken Pfostens aus der Hintertorkamera-Perspektive womöglich näher zur Torlinie steht als der anschließende Torschütze.

Szene 7: Der bereits verwarnte Philip Fahrner (Saarbrücken) bringt Dominik Kother (Duisburg) zu Fall und diskutiert anschließend noch mit dem Schiedsrichter. Dieser belässt es bei einer Ermahnung. [TV-Bilder – ab Minute 1:24:05]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell ist Kother in einer besseren Position und leitet einen aussichtsreichen Angriff ein. Dabei ist Fahrner hinter ihm, trifft ihm hinten in die Beine, unterbindet diesen Angriff und bringt ihn zu Fall. Auch wenn das Foulspiel nicht intensiv ist, liegt dennoch ein rücksichtsloser Einsatz durch ein taktisches Foulspiel vor, sodass eine gelbe Karte vorgeschrieben ist. Somit hätte es für diese Spielweise von Fahrner, der bereits verwarnt war, in der Folge die gelb-rote Karte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, nur eine Ermahnung auszusprechen. Das anschließende Diskutieren mit dem Schiedsrichter wäre dann nicht mehr relevant, zumal auch das völlig unnötig ist, aber nicht abstrakt an der Szene gemessen zwingend eine Karte nach sich ziehen muss. Das kann man auch mit Persönlichkeit wegmoderieren, wie es der Schiedsrichter auch macht.

 

Szene 8: Nach einer Flanke geht Yannick Michaelis (Rostock) zum Ball und bringt ihn auch auf das Tor, geht dabei aber gegen Tobias Mißner (Meppen) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Martin Wilke. [TV-Bilder – ab Minute 2:55]

Babak Rafati: Auch wenn Mißner seinen Gegenspieler Michaelis ein wenig bearbeitet, indem er den Arm am Gegenspieler hat, reicht das für ein Foulspiel und in der Folge einen Elfmeter einfach nicht aus. Das ist eine Zweikampfführung, die handelsüblich ist, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben

 

Szene 9: Im Mittelfeld wird Semir Telalovic (Essen) von Tom Geerkens (Köln) umgegrätscht, Schiedsrichter Niclas Rose wendet die Vorteilsregel an und lässt weiterlaufen. Auch nachträglich gibt es kein Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 49:20]

Babak Rafati: Bei diesem Foulspiel von Geerkens an Telalovic liegt ein Foulspiel vor, bei dem ein aussichtsreicher Angriff unterbunden wird. Wenn der Schiedsrichter pfeift, muss er die gelbe Karte zeigen. Wenn er aber Vorteil gewährt, dann kann er nachträglich keine gelbe Karte mehr zeigen. Somit liegt zumindest regeltechnisch eine richtige Entscheidung vor, Geerkens nach der Vorteilsgewährung keine Karte mehr zu zeigen. Ein Vorteil sollte aber immer klar und deutlich als solcher zum Tragen kommen. In dieser Szene wäre es besser gewesen, gleich abzupfeifen und die gelbe Karte zu zeigen, zumal der Schiedsrichter auch schon die Pfeife im Mund hat und der Griff zur Brusttasche klar erkennbar ist, bevor er sich dann doch entschließt, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Auf dem Weg in Richtung Tor kommt Yasin Zor (Hoffenheim II) gegen Leonidas Stergiou und Lauri Penna (Stuttgart II) im Strafraum zu Fall und fordert Elfmeter, den Schiedsrichter Max Kluge jedoch nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 55:55]

Babak Rafati: Zor legt sich den Ball vor, und es kommt im Zweikampf mit dem Gegenspieler im Strafraum sicherlich zu einem leichten Kontakt, aber dieser reicht einfach nicht für ein Foulspiel aus. Der Verteidiger zieht sogar klar zurück und will mit allen Mitteln verhindern, ein Risiko einzugehen, ein Foulspiel zu begehen, was ihm auch sehr geschickt gelingt. Zor nimmt den leichten Kontakt wiederum dankend an und lässt sich im Strafraum fallen. Der Schiedsrichter lässt aber richtigerweise weiterspielen und gibt keinen Elfmeter, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt.

Szene 11: Blessing Makanda (Hoffenheim II) dringt in den Strafraum ein und geht im Duell mit Joyeux Masanka Bungi (Stuttgart II) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Kluge. [TV-Bilder – ab Minute 4:30]

Babak Rafati: Nach einer Flanke von Makanda will Gegenspieler Bungi den Ball im Strafraum fast an der Torlinie blocken, kommt aber etwas zu spät, verfehlt das Spielgerät und trifft stattdessen in die Beine des Gegenspielers. Das ist ein Foulspiel, für das es einen Elfmeter hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und den fälligen Elfmeter nicht zu geben. Der Schiedsrichter kann aus seiner Position die Szene schlecht einsehen. Hier hätte aber der Assistent auf der entsprechenden Seite helfen können, weil er einen guten Blick von der Seite auf den Zweikampf hat.

 

Szene 12: Im Strafraum geht Marcus Müller (Wiesbaden) im Duell mit Mehdi Loune (Aachen) zu Fall. Schiedsrichter Kevin Behrens zeigt auf den Punkt. [TV-Bilder – ab Minute 2:20]

Babak Rafati: Im Strafraum kommt es zu einem Zweikampf, bei dem Müller zuerst am Ball ist und das Spielgerät spielt, was man auch sehr gut an der Flugbahn des Balles erkennt. Dabei kommt Loune beim Klärungsversuch einen Moment zu spät, verfehlt den Ball, trifft stattdessen Müller am Fuß und bringt ihn dadurch zu Fall. Das ist ein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, einen Elfmeter zu geben.

 

Szene 13: Im Strafraum Elias Rahn (Großaspach) gegen Tim Kloss (Köln) zu Fall, Schiedsrichter Cengiz Kabalakli gibt Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 4:00]

Babak Rafati: Zunächst spielt Kloss beim Klärungsversuch mit dem linken Fuß den Ball in die Beine von Rahn. Als dieser sich den Ball im Strafraum an der Torlinie vorlegen will, trifft Kloss beim erneuten Klärungsversuch noch im Fallen mit dem rechten Fuß in die Beine des Angreifers und bringt ihn dadurch klar zu Fall. Das ist ein Foulspiel, und somit liegt eine richtige Entscheidung vor, auf Elfmeter zu entscheiden.

 

 

Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde

 

   

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