Strittige Szenen am 4. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die Platzverweise gegen Lobinger, Decker und Lüers, das Tor für Verl, die nicht gegebenen Elfmeter für Rostock und Viktoria Köln, das 2:0 von Saarbrücken sowie Foulspiele von Bulic, Boujellab, Bauer und Symalla. Am 4. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Nach einem langen Schlag will Lucas Hermes (Regensburg) zum Ball, geht aber gegen Rasim Bulic (Duisburg) zu Fall. Schiedsrichter Ryo Tanimoto pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 39:20]

Babak Rafati: Nach einem langen Ball wollen Hermes und Bulic das Spielgerät erlaufen. Dabei sieht es auf den ersten Blick wie ein Zusammenprall aus. Allerdings hat Bulic offensichtlich den Blick nur auf Hermes gerichtet, ohne den Ball im Blick zu haben. Dabei lässt er den Angreifer auflaufen und hindert ihn somit am Weiterlaufen. Das ist ein Foulspiel, das nur gegnerorientiert ist. Somit hätte es einen Freistoß für Regensburg geben müssen. Bei der Frage nach der Kartenfarbe ist zu beachten, dass kein Ballbesitz oder Ballkontrolle des Angreifers vorliegt, sodass nicht die Notbremsenregelung zieht und es folglich lediglich die gelbe Karte gegen Bulic hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, das Vergehen nicht zu ahnden und stattdessen weiterspielen zu lassen.

Szene 2: Bei einer Ecke schlägt Lex Tyger Lobinger (Duisburg) mit dem Ellenbogen nach hinten aus und trifft Felix Strauss (Regensburg) im Gesicht. Tanimoto gibt Rot für Lobinger. [TV-Bilder – ab Minute 3:30]

Babak Rafati: Bei einer Ecke hält Strauss seinen Gegenspieler Lobinger ein wenig, was aber im Rahmen des Erlaubten ist. Nachdem der Ball abgefangen und ein Gegenangriff eingeleitet wird, schlägt Lobinger mit dem Ellenbogen nach hinten und trifft Strauss ins Gesicht. Auch wenn Strauss einen kurzen Moment braucht, um zu Boden zu gehen, liegt eine Tätlichkeit vor, sodass die rote Karte eine richtige Entscheidung ist. Dabei bekommt der Schiedsrichter den Hinweis vom Assistenten, der in dieser Szene ein sehr gutes Gespür beweist, auf der Szene bleibt und dem Schiedsrichter den Vorgang anschließend mitteilt. Sehr gut (!) vom Assistenten.

Szene 3: Bei einem Laufduell zwischen Nassim Boujellab (Regensburg) und Patrick Sussek (Duisburg) nimmt der Regensburger den Ellenbogen zu Hilfe und trifft Sussek im Gesicht, dennoch wird auf Foul von Sussek entschieden, der zudem Gelb sieht. [TV-Bilder – ab Minute 47:50]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell mit Sussek nimmt Boujellab zuerst den Ellenbogen zu Hilfe und setzt ihn als Werkzeug ein, indem er den Gegenspieler vom Zweikampf fernhält und ihn dabei auch leicht trifft. Erst kurz danach kommt Sussek entscheidend ins Straucheln und bringt dadurch auch Boujellab zu Fall. Somit liegt ein Foulspiel von Boujellab vor (weil zuerst passiert), und somit hätte es einen Freistoß für Duisburg geben müssen. Zudem hätte es die gelbe Karte gegen Sussek nicht geben dürfen. Eine gelbe Karte gegen Boujellab wäre aber auch nicht notwendig, da der Treffer minimal ist, dennoch entscheidend, sodass es zumindest für ein Foulspiel ausreicht. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, diese Entscheidung zu treffen.

Szene 4: Benedikt Bauer (Regensburg) geht rüde in einen Zweikampf mit Christian Viet (Duisburg). Tanimoto belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 49:10]

Babak Rafati: Zunächst wird ein klares Foulspiel von Coskun an Strauss – durch Herunterreißen am Trikot – nicht geahndet. Diese Szene veranlasst Bauer anschließend, sich zu revanchieren und den ballführenden Viet zu foulen. Wäre die Szene zuvor gepfiffen worden, wäre es erst gar nicht zu dieser Szene gekommen. Beim anschließenden Foulspiel von Bauer trifft er Viet zum Glück nicht voll in die Beine, vielmehr räumt er ihn ab. Viet tut sich hauptsächlich deshalb weh, weil als er am Boden liegt und unglücklicherweise von Strauss auf den Fuß getroffen wird. Somit liegt kein entscheidender Tritt von Bauer vor, sodass die gelbe Karte gegen Bauer eine richtige Entscheidung ist. Aber in der Entstehung hätte es erst gar nicht zu dieser Szene kommen dürfen wie oben bereits beschrieben, sodass insgesamt eine Fehlentscheidung vorliegt.

Szene 5: Kurz vor dem Strafraum geht Jan-Simon Symalla (Duisburg) im Duell mit Oscar Schönfelder (Regensburg) zu Fall, Tanimoto lässt weiterspielen. [TV-Bilder – ab Minute 1:34:50]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf klemmt Symalla den Arm von Schönfelder ein und lässt sich dann fallen. Das ist ein klares Stürmerfoul in Verbindung mit einer Schwalbe. Hier wäre es optimal gewesen, abzupfeifen und Symalla die gelbe Karte wegen einer Schwalbe zu zeigen. Weiterspielen zu lassen, ist aber auch okay, denn das Stürmerfoul muss man nicht unbedingt abpfeifen, da der Torhüter den Ball bekommt und somit eine Vorteilsituation eintritt. Die Schwalbe muss man zudem auf dem Platz erst einmal genauso auch sehen, um sie zu ahnden.

 

Szene 6: Über André Leipold und Janne Berner kommt der Ball zu Tim Heike, der zum 1:0 für Verl trifft. Mannheim reklamiert Abseits beim Pass von Leipold, Schiedsrichter Assad Nouhoum gibt das Tor. [TV-Bilder – ab Minute 1:20]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Abspiels von Leipold steht Berner mit dem rechten Fuß im Abseits, sodass der anschließende Treffer nicht hätte zählen dürfen. Das erkennt man recht gut an der Distanz zur nächsten Rasenmarkierung. Dadurch, dass der Assistent bemüht ist, dem Spielgeschehen zu folgen und nicht schnell genug auf seiner notwendigen Position ist, kann er die Situation nicht zu 100 Prozent einordnen. Wäre er circa einen halben Meter weiter vorne gewesen, hätte er eine optimale Position und hätte womöglich die richtige Entscheidung treffen können. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und die strafbare Abseitsposition nicht zu ahnden.

 

Szene 7: Im Strafraum geht Jonas Oehmichen (Aachen) gegen Elias Decker (Ingolstadt) zu Fall. Schiedsrichter Florian Lechner entscheidet auf Notbremse und zeigt Decker die rote Karte. [TV-Bilder – ab Minute 0:25]

Babak Rafati: Kurz vor dem Strafraum stellt Decker im Laufduell seinem Gegenspieler Oehmichen ein Bein und bringt ihn zu Fall. Das ist ein Foulspiel, das zu Recht geahndet wird. Zudem ist Oehmichen in einer sehr guten Position und hat eine klare Torchance, weil der mitgelaufene Plath nicht mehr hätte entscheidend eingreifen können, sodass eine Notbremse vorliegt. Somit eine richtige Entscheidung, obendrein die rote Karte gegen Decker zu zeigen.

 

Szene 8: Im Strafraum geht Noah Maboulou (Köln) im Duell mit Nick Bätzner (Essen) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Simon Schreiner. [TV-Bilder – ab Minute 2:55]

Babak Rafati: Bätzner stellt im Strafraum nur seinen rechten Fuß in den Laufweg von Maboulou und bringt ihn dadurch entscheidend zu Fall. Das ist ein klares Foulspiel, bei dem es einen Elfmeter hätte geben müssen. Der Schiedsrichter ist einfach zu weit weg vom Geschehen (ca. 15 Meter), sodass er den Vorgang aus seiner Position natürlich nicht zweifelsfrei erkennen kann. Eine Fehlentscheidung, dieses Foulspiel nicht zu ahnden und keinen Elfmeter zu geben.

 

Szene 9: David Kopacz (Rostock) dringt in den Strafraum ein und geht gegen Jordy Gillekens (Wiesbaden) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Jonah Besong. [TV-Bilder – ab Minute 1:02:45]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf ist kein Kontakt, geschweige denn ein Foulspiel von Gillekens an Kopacz erkennbar. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu pfeifen.

 

Szene 10: Für ein Foul gegen Tim Kraus (Würzburg) sieht Julian Lüers (Stuttgart II) von Schiedsrichter Timon Schulz die rote Karte. [TV-Bilder – ab Minute 3:20]

Babak Rafati: Das ist unumstritten ein Foulspiel durch Beinstellen von Lüers an Kraus. In dieser Szene die rote Karte zu zeigen ist eine klare Fehlentscheidung, denn es liegt keine brutale Spielweise oder ähnliches vor. Zudem gibt es auch kein entsprechendes Trefferbild, das eine rote Karte rechtfertigen würde. Der Schiedsrichter hat zunächst auch gar nicht vor, die rote Karte zu zeigen, denn er pfeift und läuft zum Geschehen ohne irgendwelche Anstalten zu machen, dass es gleich eine rote Karte geben wird. Er wird womöglich einen Hinweis von einem seiner Assistenten bekommen haben. Vielleicht hat er sich auch vom Verhalten von Kraus am Boden beeinflussen lassen oder er wollte einfach abwarten, was passiert.

 

Szene 11: Nach Vorlage von Patrick Sontheimer trifft Florian Pick zum 2:0 für Saarbrücken. Meppen reklamiert Abseits, Schiedsrichter Koji Takasaki gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 0:45]

Babak Rafati: Bei den vorliegenden TV-Bildern ist nicht zweifelsfrei aufzulösen, ob Pick zum Zeitpunkt des Zuspiels von Mitspieler Sontheimer im Abseits steht oder nicht.

 

Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde

   

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