Strittige Szenen am 36. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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Die nicht gegebenen Elfmeter für Jena, Großaspach und Aalen, das 4:2 für Würzburg, der Schubser von Bachmann, der Elfmeter für Zwickau, die gelb-rote Karte gegen Weber, das 1:0 für Osnabrück, das 1:1 für Cottbus und der verwehrte Treffer für Uerdingen: Am 36. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Nachdem Würzburg eine Flanke von Justin Schau geklärt hat, kommt der Ball zu René Eckardt (Carl Zeiss Jena). Bei der Ballannahme wird er von Enes Küc (Würzburger Kickers) geblockt und geht zu Boden. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Markus Wollenweber nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:19:20]

Babak Rafati: Eckardt will im Strafraum von Würzburg zum Schuss ausholen, jedoch kommt Enes Küc vor ihm an den Ball und spitzelt diesen klar weg. Dabei nimmt er sein Bein nicht gestreckt, sondern angewinkelt und somit in fußballtypischer Form zu Hilfe, sodass diese Spielweise kein gefährliches Spiel darstellt. Zudem hat Eckardt sein Bein auf der gleichen Höhe wie Küc, nur dass Küc schneller am Ball ist. Weiterspielen ist daher die richtige Entscheidung.

Szene 2: Manfred Starke (Carl Zeiss Jena) will in den Strafraum eindringen, wird dabei jedoch von Peter Kurzweg (Würzburger Kickers) auf der Strafraumlinie zu Fall gebracht. Kein Elfmeter, sagt Wollenweber. [TV-Bilder – ab Minute 1:37:35]

Babak Rafati: Beim Abwehrversuch kurz vor dem eigenen Strafraum trifft Kurzweg nur den Ball und nicht Starke, der am Ball hängen bleibt und daher zu Fall kommt. Der Schiedsrichter steht sehr gut und entscheidet richtigerweise sofort auf weiterspielen.

Szene 3: Bei einem Pass von Elva zu Fabio Kaufmann (Würzburger Kickers) reklamiert Jena Abseits, das Spiel läuft weiter. Aus dem Angriff fällt das 4:2 für Würzburg. [TV-Bilder – ab Minute 1:52:55]

Babak Rafati: Der Assistent ist womöglich mit einem Auge auf das Spielgeschehen vor ihm fokussiert und wird dadurch nicht die volle Konzentration auf die Abseitsposition gerichtet haben. Verständlich, da tatsächlich auch ein Foulspiel in seinem  Bereich passieren könnte. Man kann in diesem Fall aber an der Rasenmarkierung sehr gut erkennen, dass Kaufmann im Abseits steht. Auch der Abstand der jeweiligen Spieler zur Höhe der Strafraumlinie ist eine gute Orientierung, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, das strafbare Abseits laufen zu lassen und den anschließenden Treffer anzuerkennen.

Szene 4: Jannik Bachmann (Würzburger Kickers) schubst Felix Brügmann (Carl Zeiss Jena) um. Es kommt zu einer Rudelbildung, bei der drei Spieler Gelb sehen. Jena forderte Rot für Bachmann. [TV-Bilder – ab Minute 1:55:20]

Babak Rafati: Unmittelbar nach dem Anschlusstreffer durch Jena in der 84. Minute zum 3:4 ist es natürlich klar, dass das Spiel einen anderen Charakter bekommt. Nach dem Anstoß kommt es unmittelbar zu einem Foulspiel von Brügmann. Daraufhin geht er zum gefoulten Spieler und will ihm "hochhelfen", weil er ein Zeitspiel vermutet. Das übliche Spiel, wie man es kennt.

Das Foulspiel und dieses Hochhelfen sind in der Summe eine gelbe Karte für Brügmann, denn Zeitspiel ist Sache des Schiedsrichters. Anschließend kommt Bachmann und schubst Brügmann heftig mit beiden ausgestreckten Armen zu Boden. Danach kommt es zu einer Rudelbildung. Das Wegschubsen ist nicht mehr eine Unsportlichkeit, sondern eine Tätlichkeit, sodass es eine rote Karte gegen Bachmann hätte geben müssen. Die dritte gelbe Karte wäre nicht mehr nötig, weil der Spieler nicht mehr macht als viele andere Spieler.

Natürlich ist es taktisch immer klug, jeweils einen Spieler mit der gleichen Strafe zu belegen. Aber hier liegt eine Fehlentscheidung vores nur bei Gelb zu belassen. Aufgrund der Heftigkeit und Intensität des Schubsens handelt es sich um eine Tätlichkeit.

 

 

Szene 5: Nach einer Ecke kommt es zu einem Zweikampf zwischen Davy Frick (FSV Zwickau) und Romuald Lacazette (1860 München). Der Zwickauer geht zu Boden, Schiedsrichterin Dr. Riem Hussein gibt Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 1:00]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von 1860 München geraten Frick und Lacazette aneinander, woraufhin der Zwickauer zu Fall kommt. Es ist überhaupt kein Foulspiel von Lacazette auszumachen, zumal er sogar beide Arme hochreißt, bevor der Stürmer zu Fall kommt. Eher hat sich der Angreifer ein wenig beim Rückwärtslaufen in Lacazette verheddert. Das ist ein normaler Zweikampf und somit liegt eine Fehlentscheidung vor, einen Strafstoß für Zwickau zu pfeifen.

Szene 6: Felix Weber (1860 München) sieht nach einem Zweikampf mit Mike Könnecke (FSV Zwickau) Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:35]

Babak Rafati: Dieser Zweikampf von Weber ist kompromisslos, jedoch spielt er nur den Ball und trifft überhaupt nicht den Gegner. Es liegt eine mustergültige Grätsche vor, die absolut sauber und fußballtypisch ist. Statt Freistoß und Gelb-Rot wäre Weiterspielen wäre die einzig richtige Entscheidung gewesen. Somit liegt auch hier eine Fehlentscheidung vor.

 

Szene 7: Timo Röttger (Sonnenhof Großaspach) wird im Strafraum von David Pisot (Karlsruher SC) gehalten und fordert Elfmeter. Diesen gibt Schiedsrichter Nicolas Winter jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 26:25]

Babak Rafati: Röttger will sich im gegnerischen Strafraum behaupten, kommt im Zweikampf mit Pisot aus dem Gleichgewicht und verstolpert ein wenig. Die Zweikampfführung von Pisot ist absolut regelkonform, auch wenn er Röttger mit den Armen "bearbeitet." Das ist aber im Rahmen des Erlaubten. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 8: Einen Schuss von Baku (Sonnenhof Großaspach) bekommt Damian Roßbach (Karlsruher SC) im Strafraum an die Hand. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:56:35]

Babak Rafati: Roßbach rutscht beim Abwehrversuch im eigenen Strafraum aus, hat den Arm in natürlicher Haltung und bekommt anschließend den Ball im Liegen an den Arm. Dabei geht der Arm nicht zum Ball, sondern andersherum. Somit liegt keine Absicht vor. Ich würde diesen Strafstoß auch nicht pfeifen. Aber nach aktueller Regelauslegung beim DFB ist das ein Strafstoß, da der Arm vom Körper abgespreizt ist, sodass es einen Strafstoß für Großaspach hätte geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung. Die Handspielregelauslegung – insbesondere in dieser Saison – ist Willkür, denn keiner steigt mehr durch. Selbst das Schiedsrichterwesen beim DFB ist meines Erachtens total überfordert.

 

Szene 9: Nach einer Vorlage von Marcos Alvarez trifft Benjamin Girth zum 1:0 für Osnabrück. Rostock reklamiert Abseits, Schiedsrichtering Katrin Rafalski gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: In dieser Szene kann man beide Entscheidungen – Abseits und nicht Abseits – begründen, aber nicht zweifelsfrei auflösen, wie es in der Bundesliga mit den kalibrierten Linien möglich ist. Im Zweifel sollen die Assistenten laufen lassen. Allerdings scheint der Osnabrücker Spieler tendenziell mit dem Oberkörper im Abseits zu stehen. In diesem Fall sollten wir die Entscheidung aber einfach akzeptieren.

 

Szene 10: Bei einer Ecke setzt sich Sebastian Mai (Hallescher FC) mit beiden Armen gegen Ole Kittner (Preußen Münster) durch und bringt zu Fall. Anschließend hat er freie Bahn und trifft zum 1:2. Schiedsrichter Harm Osmers erkennt den Treffer an. [TV-Bilder – ab Minute 1:30]

Babak Rafati: Nach einer Ecke von Halle nimmt Mai beide Arme ausgestreckt im Kampf um den Ball zu Hilfe, stößt Kittner deutlich in den Rücken und verschafft sich durch diese Aktion einen entscheidenden Vorteil. Anschließend köpft er ungehindert ins gegnerische Tor. Das ist ein klares Foulspiel und der Treffer hätte nicht zählen dürfen. Somit eine Fehlentscheidung.

 

Szene 11: Kevin Weidlich (Energie Cottbus) kommt bei einem Zweikampf mit Assani Lukimya (KFC Uerdingen) zu Fall, Schiedsrichter Martin Petersen gibt Freistoß, aus dem 1:1 resultiert. [TV-Bilder – ab Minute 42:10]

Babak Rafati: Sowohl Dorda als auch Lukimya begehen überhaupt kein Foulspiel vor dem eigenen Strafraum, es kommt noch nicht einmal zum Kontakt mit Weidlich – weder im Oberkörperbereich noch im Fußbereich. Hier einen Freistoß zu pfeifen, ist eine klare Fehlentscheidung, die man nicht erklären kann.

Szene 12: Nach einem Pass von Roberto Rodriquez trifft Osayamen Osawe zum 2:1 für Uerdingen, wird aufgrund einer Abseitsposition jedoch zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 1:31:30]

Babak Rafati: Links am Bildrand – von der Hintertorkamera aus – sieht man sehr gut, dass ein Cottbuser Spieler etwas mehr von der Strafraumlinie entfernt zur eigenen Torlinie steht – somit befindet sich Osawe nicht im Abseits. Das Problem für die Assistenten bei diesen Szenen sind die zeitgleich gegenläufigen Bewegungen. Der Stürmer läuft rein und der Verteidiger läuft heraus. Dadurch ergibt sich für die Assistenten eine optische Täuschung und es nicht immer einfach, beide Vorgänge mit dem entscheidenden Moment des Zuspiels für den Augenblick festzuhalten. In einem Bruchteil einer Sekunde entsteht ein verzerrtes Bild und der Stürmer steht plötzlich im Abseits – allerdings nach dem Pass. Hier wäre es richtig gewesen, weiterspielen zu lassen und den Treffer für Uerdingen anzuerkennen. Somit eine Fehlentscheidung.

 

Szene 13: Nicolas Sessa (VfR Aalen) geht im Zweikampf mit Marc Pfitzner (Eintracht Braunschweig) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Dr. Robert Kampka. [TV-Bilder – ab Minute 46:10]

Babak Rafati: Hier wäre es besser gewesen, wenn der Schiedsrichter näher zum Zweikampf eingerückt wäre, denn der Strafraum ist eine sehr kritische Zone und da ist eine besondere Aufmerksamkeit gefragt. Sessa wird von Pfitzner mit den Stollen kurz und ansatzlos auf dem Fuß getroffen – wenn auch unbeabsichtigt. Das ist aber nicht relevant, denn der kurze Tritt reicht aus, um Sessa aus dem Tritt zu bringen. Das ist ein Foulspiel und hätte einen Strafstoß für Aalen geben müssen, somit eine Fehlentscheidung. Aus einer besseren Position hätte es der Schiedsrichter sehen können.

 

   
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