Strittige Szenen am 12. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati
Die Platzverweise gegen Dajaku, Fleckstein und Müller, die nicht gegebenen Elfmeter für Rostock, Fortuna Köln, Münster und Verl, das 2:0 von Duisburg, ein Handspiel von VfB-Keeper von der Felsen außerhalb des Strafraums, die Elfmeter für Stuttgart II und Fortuna Köln, der verwehrte Treffer von Havelse sowie Foulspiele von Wurm, Schönfelder, Krauß, Lührs und Kühlwetter. Am 12. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 17 strittige Szenen genauer angeschaut.
Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Leopold Wurm (Regensburg) geht mit offener Sohle und gestrecktem Bein in einen Zweikampf mit Yannick Michaelis (Rostock) und trifft ihn oberhalb des Knöchels. Schiedsrichter Timon Schulz belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 44:20]
Babak Rafati: Wurm verspringt der Ball vom Fuß, er setzt dann im Zweikampf gegen Michaelis mit gestrecktem Bein und offener Sohle oberhalb des Knöchels nach und bringt ihn zu Fall. Das ist ein Foulspiel, bei dem die Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers billigend in Kauf genommen wird. Zudem ist bei dem Trefferbild, der Dynamik und die Chance zum Ball nur eine rote Karte eine richtige Entscheidung, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, nur die gelbe Karte zu zeigen.
Szene 2: Sowohl für ein Ballwegspitzeln als auch für ein Foul gegen Nassim Boujellab (Regensburg) sieht Leon Dajaku jeweils Gelb und muss vom Platz. [TV-Bilder – ab Minute 1:25]
Babak Rafati: Beim Foulspiel trifft Dajaku seinen Gegenspieler am Fuß. Dieser Einsatz ist rücksichtslos, sodass die Aktion gelbwürdig ist. Die Aktion mit dem Ballwegspitzeln ist eine klassische Unsportlichkeit (Zeitspiel bei einer eigenen Führung), sodass auch hier eine gelbe Karte eine richtige Entscheidung ist. Daher ist die gelb-rote Karte für diese beiden Aktion eine richtige Entscheidung.
Szene 3: Der bereits verwarnte Oscar Schönfelder (Regensburg) steigt gegen Andreas Voglsammer (Rostock) ein, kommt bei Schulz aber mit einer Ermahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:55]
Babak Rafati: Der bereits verwarnte Schönfelder tritt von hinten in die Beine von Voglsammer und bringt ihn zu Fall. Das ist ein rücksichtsloser Einsatz, sodass eine gelb-rote Karte vorgeschrieben ist. In dieser Szene keine Karte zu zeigen, ist eine Fehlentscheidung. Das darf auch deshalb nicht passieren, weil es unmittelbar vor den Augen des Assistenten passiert und dieser helfen und dem Schiedsrichter die Schwere des Vergehens mitteilen sollte.
Szene 4: Maximilian Krauß (Rostock) dringt in den Strafraum ein und geht gegen Erik Majetschak (Regensburg) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt der Schiedsrichter. [TV-Bilder – ab Minute 2:03:30]
Babak Rafati: Krauß dringt in den Strafraum ein. Philipp will den Ball spielen, verpasst das Spielgerät aber, tritt stattdessen auf den Fuß des Angreifers und bringt ihn zu Fall. Auch wenn die Aktion sicherlich unbeabsichtigt ist, liegt ein „Stempeln“ vor, sodass es sich um ein Foulspiel handelt und es einen Elfmeter hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und den fälligen Elfmeter nicht zu geben.
Szene 5: Maximilian Krauß (Rostock) stoppt als letzter Mann Regensburg David Philipp. Schulz belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 2:11:00]
Babak Rafati: Das Foulspiel von Krauß ist unumstritten. Bei der Frage, ob eine Notbremse vorliegt oder nicht, muss festgehalten werden, dass auch wenn der Keeper aufgerückt ist, das Foulspiel circa 10 Meter vor dem gegnerischen Strafraum stattfindet. Dabei von einer klaren Torchance zu sprechen, ist daher schwierig, da ein Verteidiger circa 5 Meter hinterher läuft und die Entfernung zum Tor noch sehr groß ist. Es liegt daher eher eine 50:50 Chance vor und weniger eine klare Torchance. Somit ist die gelbe Karte eine richtige Entscheidung.

Szene 6: Auf Vorlage von Can Coskun trifft Lex Tyger Lobinger nach einem Freistoß zum 2:0. Stuttgart reklamiert Abseits, Schiedsrichter Martin Wilke gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]
Babak Rafati: Zum Zeitpunkt der Freistoßausführung durch Coskun steht Mitspieler Lobinger (mit der Schulter) in Abseitsposition, sodass der Treffer nicht hätte zählen dürfen. Somit eine Fehlentscheidung, diesen Treffer anzuerkennen. Der Assistent ist eigentlich gut postiert, aber die Schwierigkeit besteht darin, abzuwarten, wohin der Ball final hinkommt. Dieses Standbild zum Zeitpunkt der Freistoßausführung muss sich ein Assistent fotografisch in seinem Gedächtnis festhalten, damit er im Nachhinein beurteilen kann, wo sich der entsprechende Spieler zu dem Zeitpunkt befunden hat. Man darf nämlich nicht vergessen, dass sich nach der Freistoßausführung das Spielgeschehen verlagert und ein komplett anderes Bild mit komplett anderen Positionen zustande kommt.
Szene 7: VfB-Keeper Jerik von der Felsen kommt bei einem Angriff des MSV aus seinem Kasten und spielt den Ball außerhalb des Strafraums mit der Hand. Wilke lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 43:15]
Babak Rafati: Bei diesem Rettungsversuch außerhalb des Strafraumes von Keeper von der Felsen springt der Ball zwar an den Arm, aber die entscheidende Frage ist, ob der Keeper den Ball mit Absicht spielt oder nicht. Man sieht sehr gut, dass von der Felsen mit dem rechten Bein zum Ball springt und sein linker Arm, mit dem er anschließend den Ball berührt, zum Abstützen eingesetzt wird. Der Ball springt schlussendlich vom Bein an diesen Arm. Dadurch aber, dass der Arm in natürlicher Haltung ist und nicht vorher zur Vergrößerung der Körperfläche eingesetzt wurde, liegt kein strafbares Handspiel vor, sodass es eine richtige Entscheidung ist, weiterspielen zu lassen und kein Handspiel zu pfeifen.
Szene 8: Tobias Fleckstein (Duisburg) hält Oliver Rölke (Stuttgart II), der dabei zu Fall geht. Der Schiedsrichter wertet die Aktion als Notbremse und zeigt Fleckstein die rote Karte. Beim anschließenden Freistoß moniert der MSV, dass die Stuttgarter zu nah an der Mauer der Zebras stehen. Der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 2:00]
Babak Rafati: Beim Laufduell kommt es zwar im Fußbereich zu einem leichten Kontakt an Fleckstein, aber dieser ist nicht ausreichend für ein (Stürmer-)Foulspiel. Anschließend hält Fleckstein seinen Gegenspieler am Trikot und verhindert, dass dieser weiterlaufen kann und bringt ihn zu Fall. Das ist ein Foulspiel, und dadurch, dass eine klare Torchance vereitelt wird, liegt eine Notbremse vor. Somit eine richtige Entscheidung, auf Freistoß für Stuttgart und Rot gegen Fleckstein zu entscheiden.
Anschließend geht es um die Frage, ob die Angreifer den Abstand von mindestens einem Meter zur Mauer (wenn diese aus drei oder mehr Spielern besteht) einhalten. Für mich ist die Distanz zur Mauer okay (der eine Spieler, bei dem die zwei Stuttgarter stehen, zählt nicht als Mauer, da sie nicht aus drei Spielern besteht), zumal der Schiedsrichter kein Maßband dabei hat und die Distanz schätzen muss. Also auch hier alles richtig.
Szene 9: Rasim Bulic (Duisburg) hält Tim van der Leij (Stuttgart II) im Strafraum fest und verursacht einen Elfmeter. Der Schiedsrichter belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]
Babak Rafati: Das Foulspiel von Bulic an Leij ist unumstritten. Somit kommt es richtigerweise zu einem Elfmeter. Bei der Frage, ob die gelbe Karte richtig oder aber auch eine rote Karte vorgeschrieben ist, ist folgendes festzuhalten: Es liegt ein gegnerorientiertes Vergehen vor, sodass es im Strafraum im Normalfall zu einer roten Karte kommen würde. Da aber Leij keine Ballkontrolle hat, liegt keine klare Torchance vor, sodass man eine gelbe Karte geben kann. Eine Ballkontrolle kann aber regeltechnisch auch bedeuten, dass es gleich dazu kommen wird. Da aber der Ball noch in der Luft ist, bestehen Zweifel, in wie weit die Ballkontrolle wirklich eingesetzt hätte. Für mich eine richtige Beurteilung des Schiedsrichters, keine Ballkontrolle zu interpretieren und es schlussendlich bei der gelben Karte zu belassen.
Szene 10: An der Seitenlinie wird Peter Remmert (Duisburg) in vollem Lauf von Julian Lührs (Stuttgart II) zu Fall gebracht. Wilke zeigt nur Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:53:30]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf foult Lührs seinen Gegenspieler Remmert an der Seitenlinie durch Beinstellen. Das ist ein rücksichtsloser Einsatz und somit ist die gelbe Karte eine richtige Entscheidung. Für eine härtere Strafe, liegen keine Argumente vor, da es kein entsprechendes Trefferbild gibt und auch kein Tor verhindert wurde.

Szene 11: Im Strafraum bekommt Ebrahim Farahnak (Würzburg) den Ball womöglich an den Arm, Schiedsrichter Leonidas Exuzidis lässt weiterlaufen . [TV-Bilder – ab Minute 1:40]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf sieht es so aus, dass Farahnak den Ball an den Arm bekommt, da der Ball plötzlich abstoppt. Aber selbst, wenn eine Berührung vorgelegen haben sollte, diente der Arm zuvor zum Abstützen und war nicht derartig eingesetzt, dass die Körperfläche vergrößert werden sollte. Er versucht sogar, im letzten Moment den Arm noch wegzuziehen. Somit kein strafbares Handspiel, falls der Ball an den Arm gegangen sein sollte. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.
Szene 12: Romeo Aigbekaen (Köln) geht im Strafraum im Duell mit Ebrahim Farahnak (Würzburg) zu Fall, Exuzidis gibt Elfmeter für die Fortuna. [TV-Bilder – ab Minute 3:00]
Babak Rafati: Mit den vorliegenden TV-Bildern ist nicht zweifelsfrei aufzulösen, ob es zu einem Kreuzen der Füße kommt und deshalb Aigbekaen gegen Farahnak zu Fall kommt oder nicht.

Szene 13: Schiedsrichter Yannick Sager pfeift einen Zweikampf zwischen Andreas Müller (Düsseldorf) und Ersin Zehir (Meppen). Danach schlägt der bereits verwarnte Düsseldorfer aus Frust dreimal auf den Boden und sieht dafür Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 4:10]
Babak Rafati: Diesen Zweikampf gegen Zehir als Foulspiel zu werten, ist okay, auch wenn es lediglich einen minimalen Treffer gibt. Anschließend regt sich Müller sehr stark auf und schlägt aus Frust dreimal auf den Boden. Man erkennt sehr gut, dass sich der Unmut gegen den Schiedsrichter richtet (zuerst fragender Blick zum Schiedsrichter und anschließend das Gesicht zuhalten), sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, dem bereits verwarnten Müller für diese Aktion die gelb-rote Karte wegen Reklamierens bzw. Unsportlichkeit zu zeigen.
Ich kann aber den Ärger über den Freistoßpfiff von Müller und auch das Einfordern von Fingerspitzengefühl in dieser Szene nachvollziehen, allerdings kann sich ein junger Schiedsrichter einfach nicht erlauben, die Aktion ohne Karte durchzuwinken, weil er beobachtet wird und Abzüge in der Note bekommen würde.

Szene 14: Der bereits verwarnte Christian Kühlwetter (Saarbrücken) foult Julian Rieckmann (Mannheim), kommt bei Schiedsrichter Felix Prigan mit einer Ermahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:40:50]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf rutscht der bereits verwarnte Kühlwetter Richtung Ball, verpasst das Spielgerät aber und trifft stattdessen Rieckmann in die Beine. Das Foul ist aber nicht so schlimm, und einen richtigen Treffer, der gelbwürdige wäre, kann man auch nicht ausmachen, eher ein Beinstellen. Durchaus denkbar, dass der Schiedsrichter die gleiche Wahrnehmung hatte und keinen klaren Treffer ausmachen konnte, sodass er zu dieser, wie ich finde, richtigen Entscheidung kommt.

Szene 15: Nach einer Kerze bekommt Petros Bagkalianis (Aachen) den Ball im Strafraum an den Arm, einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Tom Bauer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:36:15]
Babak Rafati: Wenn der Ball so lange in der Luft ist, kerzengerade herunterkommt und wie in dieser Szene an den Arm geht, liegt regeltechnisch ein strafbares Handspiel vor. Der Verteidiger hat nämlich lange genug Zeit gehabt, den Arm wegzuziehen. Somit eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.

Szene 16: Nach einer Hereingabe geht Alem Japaur (Verl) im Strafraum gegen Florian Hübner (Wiesbaden) zu Fall und fordert einen Elfmeter, den Schiedsrichter Simon Schreiner aber nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 2:01:40]
Babak Rafati: Nach einer langen Flanke in den Strafraum kommt es zu einem Zweikampf zwischen Japaur und Hübner, bei dem ein Foulspiel nicht erkennbar ist und der Ablauf wie ein handelsüblicher Zweikampf aussieht. Für einen Elfmeter mit verheerenden Folgen muss eine Situation klar erkennbar sein, um diesen zu pfeifen. Daher eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.

Szene 17: Kwasi Okyere Wriedt trifft zum 2:1 für Havelse, allerdings wird der Treffer von Schiedsrichter Michael Näther aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition nicht anerkannt. [TV-Bilder – ab Minute 3:00]
Babak Rafati: Ob nach der Ballverlängerung auf Wriedt tatsächlich eine Abseitsposition vorliegt oder nicht, kann aufgrund der vorliegenden TV-Bilder nicht zweifelsfrei aufgelöst werden. Dafür bräuchte man die kalibrierten Linien, die wir vom Videobeweis aus der Bundesliga kennen.
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