Saarbrückens Renaissance: Wie der FCS plötzlich zum Maßstab wird

Der Saisonstart hatte so etwas schon angedeutet, das 6:1 beim SV Meppen in spektakulärer Form bestätigt: Was als Umbruch angekündigt war, wird beim 1. FC Saarbrücken mehr und mehr zu einer sportlichen Renaissance. Mit erfrischenden Impulsen von Trainer Argirios Giannikis und einem über sich hinauswachsenden Kapitän sind die Blau-Schwarzen plötzlich einer der Maßstäbe in der 3. Liga – doch kann dies auf Dauer so bleiben?

Euphoriewelle im Saarland

Maßstäbe, Fußballfelder und das Saarland waren schon immer miteinander verknüpft, das ist ungeschriebenes Gesetz. Kein kanadischer Waldbrand, kein Gletscherabbruch in der Antarktis und kein Ölteppich im Pazifik, der in seiner Ausdehnung nicht bereits mit dem kleinsten Bundesland außerhalb der deutschen Stadtstaaten verglichen worden ist. 360.000 Fußballplätze passen übrigens ins Saarland selbst, und auf den zwei wichtigsten von nachgezählten rund 440 tatsächlichen Sportfeldern ist derzeit pure Party angesagt:

Hoch oben in der Bundesliga marschiert die SV Elversberg mit zwei Auftaktsiegen weit weg von der Abstiegszone und erfrischt die Nation mit frechem, unbekümmertem Fußball. Zwei Etagen tiefer mag mancher beim 1. FC Saarbrücken mit feuchten Augen in Richtung des nur 15 Autominuten entfernten Vorortes gucken. Doch man mag der SVE den Erfolg gönnen, schließlich nimmt der große Nachbar die Euphoriewelle derzeit einfach mit. Surft darauf aber ein paar ganz eigene Manöver.

Saarbrückens Spezialität: Kantersiege in der Fremde

5:2 gegen RW Essen, 1:0 in Regensburg, 2:4 gegen Rostock, nun das 6:1 in Meppen: Saarbrücken steht für absolutes Spektakel. 21 Treffer fallen in Begegnungen der Giannikis-Elf, keiner bietet mehr in der 3. Liga. Das halbe Dutzend im Emsland bot die beste Offensivleistung seit ziemlich genau vier Jahren, als der FCS mal mit 6:0 in Bayreuth gewann. Kantersiege in der Fremde sind – zumindest alle paar Spielzeiten – eine Spezialität des Fußballclubs, der 2010 mal 7:0 in Jena gewann, was noch heute als höchster Sieg der Drittliga-Historie seinen Platz in den Geschichtsbüchern hat. Doch auch der Samstag bot ein Novum: Noch nie in knapp 7.000 Spielen endete eine Begegnung mit dem Ergebnis 1:6 aus Sicht des Heimteams, jedenfalls bis zu jenem 5. September 2026.

Aus Sicht der Rivalen besonders beängstigend ist die Kaltschnäuzigkeit, mit der Saarbrücken auftreten kann. Erkennbar war das schon beim Auftaktmatch gegen Essen, wo ein 0:2-Rückstand mit wenigen Aktionen egalisiert wurde und in einer beeindruckenden Energieleistung mündete. So viel Kraft musste der FCS beim Aufsteiger im Nordwesten gar nicht aufwenden: Die eigene Führung fiel mit der ersten Chance nach nur fünf Minuten, zur Pause hatte Saarbrücken das phasenweise flotte Spiel dennoch deutlich mit 3:1 im Griff, die kurze Meppener Drangphase nach der Pause war mit dem vierten Tor nach rund einer Stunde besiegelt – der Rest fühlte sich schon stark nach dem Treiben eines Spitzenteams an, garniert von weiteren Treffern. Und: Statt sich bei gegnerischen Standards anfällig zu zeigen, kehrten die Südwestdeutschen die Schwäche kurzerhand in eine Stärke um und fanden immer wieder Lücken in der überforderten SVM-Defensive.

Alleskönner Pick macht den Unterschied – aber nicht alleine

Auf der Suche nach dem Unterschiedsspieler führt – wie bereits in der Frühphase der Vorsaison – kein Weg an Florian Pick vorbei. Mit unbändiger Mentalität, schnellen Richtungswechseln und begnadeten Allround-Fähigkeiten von guter Übersicht bis hin zum trockenen Abschluss war der 30-Jährige, schier beflügelt von der Kapitänsrolle, mindestens eine Nummer zu groß für den SV Meppen. Grandiose acht Scorerpunkte, verteilt auf zwei Tore und sechs Vorlagen, hat Pick bereits angehäuft und sich damit zur Lebensversicherung des FCS aufgeschwungen. Allein in Meppen war er an vier Toren direkt beteiligt und verdiente sich damit eine Eins mit Sternchen.

So wie übrigens auch Innenverteidiger Siemen Voet nach seinem Doppelpack. Als zweiter Etablierter trumpft Kai Brünker auf, der fünf Tore mitverantwortete und in jedem Spiel mindestens einen Scorer sammelte. Im Schatten von Pick schwingt sich unterdessen der 21-jährige Daniel Gleiber, der als Leihgabe von Mainz 05 II im Sommer wohl nur wenigen Experten ein Begriff war, zum Taktgeber im zentralen Mittelfeld auf: Seine präzisen Freistöße und Eckbälle führten schon des Öfteren zu Gefahr, in Meppen belohnte sich das Talent mit den ersten beiden Torvorbereitungen.

Qualität in der zweiten Reihe (noch) unklar

Auch wenn der 1. FC Saarbrücken in dieser frühen Saisonphase so einige Elemente eines künftigen Spitzenteams vereint, so wäre es verfrüht, ihm diese Rolle dauerhaft anzuhängen. Noch ist der Kader den Nachweis schuldig geblieben, nach dem großen Sommer-Umbruch – 18 Profis verließen den Verein, 15 Neuzugänge kamen hinzu – auch die nötige Tiefe zu besitzen, um Formkrisen oder größeres Verletzungspech abzufedern. Kurioserweise ist gerade die 14-Tore-Offensive in vorderster Reihe qualitativ dünn besetzt, gelten doch die Sturm-Routiniers Dominic Baumann und Patrick Schmidt als aussortiert und braucht der 18-jährige Alexander Staff offenkundig noch Anlaufzeit. Auch auf den offensiven Flügeln, wohl kein Klub ist so abhängig von einem Spieler wie der 1. FC Saarbrücken von Florian Pick, und in der Innenverteidigung fehlen Alternativen.

Der Saarbrücker Anhang hat unterdessen ein gutes Gespür dafür, wann die Euphorie so richtig durch die Stadt ziehen darf und wann sie sich eher durch die Hintertür anschleicht. So gibt es für das kommende Heimspiel gegen den FC Ingolstadt noch einige tausend Karten im Ticketshop – ganz scheinen die Blau-Schwarzen dem sprichwörtlichen Braten trotz des 2. Platzes als Momentaufnahme noch nicht zu trauen. Ändern wird sich das ganz bestimmt in den folgenden Partien, sollte der FCS weiter für Aufsehen sorgen. Und wer weiß, vielleicht gelingt ja ein weiterer doppelter Paukenschlag auf die saarländische Art. Wobei die SV Elversberg sich mit einem bayrischen Gegner anderen Kalibers messen wird: Sie empfängt am Sonntagabend den FC Bayern München.

 

   

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