Krämer: "Nicht denken, wir hätten den Fußball neu erfunden"

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Mit dem KFC Uerdingen belegt Stefan Krämer aktuell als bester Aufsteiger mit neun Punkten aus vier Spielen den zweiten Tabellenplatz. Im Interview mit liga3-online.de spricht der KFC-Coach über die Last-Minute-Qualitäten des Aufsteigers, das Probetraining von Mathis Pogba, die weitere Kaderplanung sowie Neuzugang Kevin Großkreutz. 

"Die letzten Spiele hätten auch anders laufen können"

liga3-online.de: Herr Krämer, mit 9 Punkten aus vier Spielen sind Sie gerade für einen frisch gebackenen Aufsteiger hervorragend gestartet und belegen aktuell Platz 2. Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Leistungen Ihrer Mannschaft?

Stefan Krämer: Ich bin mit der Punkteausbeute total zufrieden! Allerdings muss man auch sehen, dass die drei letzten Spiele, die wir nun in Folge gewonnen haben, auch anders hätten laufen können. Die 3. Liga ist eine Spielklasse, in der du in jedem Spiel gewinnen und gleichzeitig auch verlieren kannst. Die Liga ist extrem ausgeglichen, die Leistungsunterschiede gering. Da kann in jedem Spiel ganz viel passieren. Deswegen bin ich auch heilfroh, dass wir in den letzten beiden Spielen das Quäntchen Glück hatten und die Spiele nach hinten heraus für uns entscheiden konnten.

Ihr Team hat sich in den letzten beiden Ligapartien gegen Meppen und 1860 zu einem richtigen Last-Minute-Schreck gemausert. Beide Male stachen dabei Ihre Joker von der Bank. Einfach nur ein glückliches Händchen des Trainers oder wie erklären Sie sich diese "Lucky-Punch-Mentalität"?

Das muss man ein wenig differenzierter sehen. Wir haben noch aus der Aufstiegssaison eine gewisse Siegermentalität mitgenommen, allein schon aus dem Grund, weil wir da ja fast schon gezwungen waren, jedes Spiel zu gewinnen. Hätten wir in den letzten zwölf Spielen der Regionalliga auch nur ein Spiel Remis gespielt, hätte das schon dazu führen können, dass wir eben nicht aufsteigen. Dieser Druck hat die Mannschaft – von der ja aktuell noch viele mit dabei sind –  sehr eng zusammengeschweißt. Das hat im Endeffekt eben auch zu so einer Siegermentalität geführt. Auf der anderen Seite wollen wir bei ebensolchen Spielen, wo es kurz vor Ende noch Unentschieden steht, lieber das Risiko gehen, auch mal in einen Konter zu laufen, andersherum dann aber dadurch auch die Chance erhöhen, das Spiel am Ende noch zu gewinnen.

Zuletzt darf man aber auch nicht unterschlagen, dass wir in den letzten Partien einfach das nötige Quäntchen Glück hatten, das hätte auch anders laufen können. Man nehme nur mal beispielsweise das Spiel gegen Meppen: Da haben wir kein gutes Spiel gemacht und wenn der SVM da seine Konter besser ausspielt, dann verlieren wir das Spiel. Wir müssen jetzt also nicht denken, nur weil wir aktuell neun Punkte auf dem Konto haben, hätten wir den Fußball neu erfunden. Wir können einfach nur sehr froh sein, dass wir die neun Zähler eingefahren haben, in dem Wissen, dass die Spiele auch anders hätten laufen können.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken ihres Teams und in welchen Bereichen sehen Sie noch Steigerungspotenzial?

Wir haben eine sehr gesunde Mentalität bei gleichzeitig unglaublich hohem Konkurrenzkampf. Außergewöhnlich ist auch nach der extrem anstrengenden Vorbereitung, dass wir – Stand jetzt – keinen verletzten Spieler haben. Dadurch haben wir gerade auch von der Bank aus die Möglichkeit, spät im Spiel noch einmal Impulse zu setzen und zu reagieren, das haben ja gerade auch die beiden letzten Partien gegen Meppen und 1860 gezeigt. Wir können ohne Qualitätsverlust wechseln, haben sogar teilweise Spieler nicht einmal im Kader, die es von ihren Fähigkeiten aber sicherlich verdient hätten, im Kader aufzutauchen. Wir haben eine enorm große Trainingsqualität und ich bin ein großer Verfechter der Theorie, dass man so spielt, wie man auch trainiert.

Andererseits denke ich, dass wir noch Luft nach oben haben, was das Thema Ballbesitz angeht. Auch unser Pressingverhalten funktioniert noch nicht so gut, wie es das noch in der Aufstiegssaison getan hat, was aber natürlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass wir ein paar neue Spieler dazubekommen haben, die sich erst noch an unsere Art zu Spielen gewöhnen müssen. Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass wir einen sehr namhaften Kader haben. Solche Akteure wecken natürlich Erwartungen im Umfeld und im Club. Die 3. Liga ist aber eine Hundert-Prozent-Liga, eine absolute Mentalitätsliga. Und auch wenn ich es jetzt schon in diversen Interviews gesagt habe: Der Name auf dem Trikot gewinnt dir keine Ligaspiele. Man muss in die Köpfe der Spieler kriegen, dass mit nur 80 Prozent Einsatz in dieser Liga gar nichts geht. Du musst Woche für Woche an dein Limit kommen, wenn du stabil punkten willst. Wir haben daher noch viel Arbeit vor uns.

Stichwort ausbaufähig: Der KFC muss in dieser Saison zu den Heimspielen aufgrund DFB-Auflagen in die Schauinsland-Reisen-Arena zu Duisburg ausweichen. Stört es Sie sehr, dass man nicht in der heimischen Grotenburg antreten darf?

Ich finde es extrem schade, dass wir unsere Heimspiele nicht in der Grotenburg austragen dürfen. Auch wenn das Stadion aktuell vielleicht nicht mehr den modernsten Ansprüchen genügt, so haben wir uns in unserer Heimstätte doch alle sehr wohl gefühlt. Als es um die Meisterschaft in der Regionalliga ging, hatten wir immer eine Topatmosphäre und sind seit fast zweieinhalb Jahren in unserer Festung nicht mehr geschlagen worden. Ich glaube, dass sich gerade auch die Fans von diesem Traditionsverein schwer damit tun, über den Rhein in die Schauinsland-Reisen-Arena zu fahren. Natürlich ist das ein tolles Stadion, das auch seine Vorzüge hat. Aber wir müssen uns auch mit der Situation auseinandersetzen, dass wir faktisch diese Saison 38 Auswärtsspiele haben, dass macht die Spielzeit nicht gerade unkomplizierter. Ich respektiere die Entscheidung des DFB, aber wenn ich mir so manch anderes Stadion in der Liga angucke, wären wir mit unserer Grotenburg auch gut dabei gewesen.

Mit den neun Millionen, die jetzt in das Stadion gesteckt werden, hat man noch längst nicht alle Baustellen geschlossen. Das wird jetzt noch ein Jahr dauern, diese Saison müssen wir noch überbrücken. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass die Fans in den bisherigen "Heimspielen" trotz der Tatsache, dass sie auf dem Oberrang auch noch relativ weit weg vom Spielfeld sind, eine grandiose Stimmung erzeugt haben. Wir müssen als Mannschaft nun wiederum sehen, dass wir die Fans durch die Auftritte und die Spielweise dazu bewegen können, die Reise nach Duisburg jedes Heimspiel anzutreten. Wir versuchen in jedem Fall, das Beste draus zu machen.

 

"Haben alle Antennen auf Empfang"

Ausbaufähig ist ja auch noch der Kader des KFC. Zuletzt spielte mit Mathias Pogba der Bruder von Weltstar Paul Pogba bei Ihnen vor, konnte jedoch wegen körperlicher Defizite nicht überzeugen. Soll definitiv noch ein Stürmer bis Ende August kommen?

Ich möchte an dieser Stelle zunächst einmal betonen, dass sich Pogba total korrekt verhalten hat und auch ein guter Kicker ist. Er kommt aber leider aus einer längeren Verletzung und hat dadurch aktuell nicht die körperlichen Voraussetzungen, um uns direkt weiterzuhelfen. Wir werden jetzt aber auch nicht auf Teufel komm raus irgendwelche Schnellschüsse auf dem Transfermarkt wagen. Erfahrungsgemäß tut sich in den letzten Tagen auf dem Transfermarkt jetzt noch einmal einiges. Wir müssten bei einer potenziellen Neuverpflichtung aber schon der Meinung sein, dass uns der Spieler auch direkt hilft. Fakt ist: Der KFC Uerdingen steht aktuell in keinem engeren Kontakt zu irgendeinem Spieler. Wir beobachten den Markt aber mit Argusaugen und haben alle Antennen auf Empfang. Wenn dann ein Spieler dabei ist, von dem wir uns sicher sind, dass er uns auf der Neun weiterhilft, würden wir den Kontakt suchen, aber auch nur dann.

Ein gewisser Anthony Modeste soll sich ja derzeit auf der Suche nach einem neuen Verein befinden…

(lacht) Ich glaube, der Junge hat da noch etwas andere Möglichkeiten als den KFC.

Spaß beiseite: Zuletzt rankten sich auch die Gerüchte um einen Wechsel von Lucas Musculus, unter anderem Rot-Weiß Essen gilt als interessiert. Nun avancierte Musculus gegen 1860 als Vorlagengeber und gegen Meppen sogar als Torschütze zum absoluten Matchwinner. Ist ein Transfer ihres Edeljokers damit vorerst vom Tisch?

Ich habe zu Lucas – genau wie zu eigentlich jedem meiner Spieler – ein gutes Verhältnis. Lucas will natürlich spielen, hat am Anfang dann aber noch nicht seine Einsatzzeiten bekommen. Jetzt hat er innerhalb von 60 Minuten effektiver Spielzeit ein Tor gemacht und eins vorbereitet, was eine tolle Quote ist. Ich persönlich wäre sehr froh – gerade mit dem Wissen, dass Lucas möglichst viel spielen will und dass viele Interessenten wie beispielsweise RW Essen, Viktoria Köln oder auch Alemannia Aachen bei ihm Schlange stehen – wenn er bei uns bleiben würde.

 

"Großkreutz will keine Extrawurst"

Viel wurde ja auch im Vorfeld der Saison um einen ihrer Neuzugänge geschrieben und diskutiert. Die Rede ist natürlich von Kevin Großkreutz. Böse Zungen stempelten ihn schon als "gescheiterten Ex-Weltmeister am Boden seiner Karriere" ab. Wie sehen Sie ihren prominenten Neuzugang?

Kevin hat ganz bestimmt nicht die schönste Zeit seiner Fußballerkarriere hinter sich, musste und muss teilweise heute noch ziemlich viel einstecken. Da sind natürlich Dinge passiert, von denen Kevin selber weiß, dass diese Vorfälle nicht gerade glücklich verlaufen sind. Da sind andererseits aber auch Sachen veröffentlicht worden, die nicht zu hundert Prozent stimmen und die unnötig hochgekocht wurden. Er ist dadurch in so eine Schublade geraten, in die er in der Form, wie ich ihn bisher kennengelernt habe, absolut nicht reingehört. Kevin ist ein ganz zuverlässiger Junge, der keine Extrawurst gebraten haben will und der sich ganz normal im Training bewegt und vor allem ganz normal behandelt werden will, wie jeder andere Spieler auch. Er ist froh, dass der ganze Hype nach der Verpflichtung nun ein wenig abebbt, dadurch ein bisschen Normalität reinkommt und er einfach wieder Spaß am Fußball hat.

Ich finde, dass er sich zuletzt von Spiel zu Spiel gesteigert hat, was meiner Meinung nach auch damit zusammenhängt, dass wir ihn aus der Offensive auf den Rechtsverteidigerposten zurückgezogen haben. Dort hat er das Spiel vor sich, viel mehr Ruhe am Ball und kann seine Ballsicherheit wesentlich besser ausspielen. Ich glaube, dass ihm diese Position sehr guttut. Ansonsten kann ich bislang nur Positives über Kevin berichten, im Mannschaftskreis ist er total beliebt, hat seinen Status nie raushängen lassen, ganz im Gegenteil: Kevin hat immer betont, ich solle ihm keine Sonderbehandlung geben und ihn einfach ganz normal mittrainieren lassen und das passt einfach sehr gut zu unserem respektvollen Umgang miteinander und unserer Teamchemie.

Mit Erfurt, Cottbus und Arminia Bielefeld haben Sie schon mehrere Vereine in der 3. Liga trainiert. Was unterscheidet die Arbeit beim KFC Uerdingen vielleicht von dem Umfeld bei ihren vorigen Stationen?

In Erfurt waren nur wenig finanzielle Möglichkeiten gegeben, da wurde wirklich unter allerschwersten Bedingungen gearbeitet. Aber auch das hat Spaß gemacht, meine Begeisterung für den Fußball hängt ohnehin nicht in erster Linie von Geld und Erfolgen ab. Natürlich möchte ich gerne gewinnen, aber gerade in Erfurt war es auch extrem reizvoll, zwei Jahre hintereinander die Liga unter extrem schweren Bedingungen zu halten. Das ist uns solange gelungen, bis es leider mit dem Verein bergab ging. Ich hoffe sehr, dass sich Erfurt von den Negativentwicklungen schnell wieder erholt, auch weil dort viele tolle Menschen arbeiten und die Fankultur klasse ist. Ich drücke die Daumen, dass RWE schnell wieder hochkommt.

In Uerdingen haben wir deutlich mehr Möglichkeiten und hier ist die Art zu Arbeiten natürlich anders. Hier muss man vor allen Dingen gucken, dass man den großen Kader mit vielen Qualitätsspielern zu einer Einheit formt. Man muss in den Köpfen der Spieler eine Einstellung entwickeln, wo jeder weiß, dass die 3.Liga eine Mentalitätsliga ist, wo du in erster Linie rennen und fighten musst. Wenn die Spieler das verinnerlichen, können wir eine richtig gute Mannschaft werden. Davon abgesehen macht die Arbeit beim KFC aber einen Riesenspaß, weil die Qualität extrem hoch ist und man mit den Spielern einfach viele Dinge einstudieren kann, die man in Mannschaften mit geringerer Qualität vielleicht nicht einüben könnte.

 

"Neun Punkte aus den ersten vier Spielen extrem stolz"

Im Schnitt gewinnen Sie aktuell drei von vier Spielen, würde unter diesen Umständen am Ende knapp 86 Punkte und wohl den direkten Durchmarsch bedeuten. Ist der Aufstieg jetzt schon im Hinterkopf oder wo soll die Reise mit dem KFC am Ende hingehen?

Gerade mit dem Wissen, dass wir in den letzten Spielen sehr viel Glück auch am Ende hatten, mache ich mir in Richtung Aufstieg keine konkreten Gedanken. Spätestens in den angesprochenen Begegnungen dürfte auch dem Letzten klargeworden sein, dass du in dieser Liga nur bestehen kannst, wenn du auch Woche für Woche deine Leistung auf den Platz bringst. Nichtsdestotrotz machen uns die neun Punkte aus den ersten vier Spielen extrem stolz und wenn man mal die Jungs miteinbezieht, die seit letzter Saison dabei sind, haben wir von den letzten 18 Pflichtspielen 16 gewonnen. Das ist natürlich schon eine Bilanz, die ein gewisses Selbstvertrauen und auch Zutrauen zueinander schafft. Und wenn man diese Bilanz als Basis nimmt, um kontinuierlich weiterzumachen, dann ist hier sehr viel möglich.

Abschließend noch eine Frage zum kommenden Gegner: Zum Auftakt des fünften Spieltags empfängt der KFC Uerdingen die SG Sonnenhof-Großaspach. Auf was für einen Gegner stellen Sie sich mit der Truppe von Sascha Hildmann ein?

Großaspach ist eine hervorragende Umschaltmannschaft und ich würde mal behaupten, wir haben nicht unbedingt die allerschnellste Truppe. Wir müssen also für ein gutes Gegenpressing sorgen, dem Gegner möglichst wenig Räume und Kontermöglichkeiten anbieten und für genügend eigene Abschlüsse sorgen. Das gilt aber nicht unbedingt nur für Großaspach, sondern auch einen Großteil der Liga. In jedem Fall müssen wir uns aber auf genau diese Aspekte konzentrieren, dann werden wir sicherlich auch den ein oder anderen Zähler gegen Großaspach und auch die anderen Mannschaften in dieser spannenden Liga einfahren.

   

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