"Kommt an Grenzen": DFB sieht keine Mitschuld am Türkgücu-Aus

Der Rückzug von Türkgücü München in der laufenden Saison stellt nicht nur ein Novum in der Liga-Historie dar, sondern trifft die 3. Liga und seine Klubs bis ins Mark. Manuel Hartmann, beim DFB als Geschäftsführer Spielbetrieb für die 3. Liga zuständig, spricht von einem "traurigen Tag", sieht aber keine Mitschuld des DFB.

"Fall muss einmalig bleiben"

Die 3. Liga hat in den letzten Jahren schon so manche Hiobsbotschaft ihrer Klubs hinnehmen müssen, doch der vorzeitige Rückzug von Türkgücü München stellt nun den mit Abstand größten Einschnitt in der Geschichte der Liga dar. Nie zuvor hat sich ein Verein aus dem laufenden Wettbewerb zurückgezogen. "Das ist ein trauriger Tag für die 3. Liga. Den größten Schaden haben natürlich Türkgücü München und seine betroffenen Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig ist es für die gesamte Liga und den Wettbewerb negativ, wenn ein Klub während der Saison ausscheidet", so Hartmann in einem Interview auf der DFB-Homepage. "Ziel muss sein, dass dieser Fall in der 3. Liga einmalig bleibt."

Durch das Türkgücü-Aus werden sämtliche Partien der Münchner gemäß Paragraf 55a der DFB-Spielordnung mit sofortiger Wirkung annulliert, was die Tabelle vor den letzten sieben Spieltagen nochmal ordentlich durcheinanderwirbelt. Eine Alternative zu dieser Regelung sieht Hartmann aber nicht: "Der Wettbewerb würde ebenfalls verzerrt, wenn alle Spiele, zu denen der Klub nicht mehr antritt, automatisch für die jeweiligen Gegner gewertet werden würden. Das wären jetzt sieben Spiele, in denen die Gegner kampflos zu Punkten kommen würden." Der Geschäftsführer muss allerdings einräumen, dass es "in einem solchen Fall keine optimale Lösung" gebe. "Die in der Spielordnung gezogene Grenze vor den letzten fünf Spieltagen versucht, den Einfluss auf den Wettbewerb so gering wie möglich zu halten."

Wie es zum Aus der Münchner kommen konnte, erklärt Hartmann so: "Der Klub hat im Rahmen des Zulassungsverfahrens vor der Saison einen Personalaufwand Spielbetrieb von zirka drei Millionen Euro angegeben." Dies sei eine "realistische Größe" gewesen, die in die Bestätigung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eingeflossen sei. Mittlerweile sei der Personalaufwand jedoch auf rund fünf Millionen Euro angewachsen. "Diese zwei Millionen Euro Differenz sind ziemlich genau die Liquiditätslücke, die dem Klub nun zum Verhängnis geworden ist."

Keine Mitschuld des DFB

Eine Mitschuld des DFB sieht Hartmann aber nicht. Zwar werde man "selbstkritisch (…) prüfen, ob Fehler im Rahmen des Zulassungsverfahrens gemacht wurden", allerdings komme das Zulassungsverfahren in diesem Fall "an seine Grenzen, da die Klubs natürlich eigenständig Verträge mit Spielern und Trainern abschließen", so Hartmann. "Wir können nur im Nachgang die Einhaltung der Planwerte überprüfen, diese in künftige Bewertungen einfließen lassen und Fehlverhalten sanktionieren. Das ist konsequent erfolgt."

Vor der Saison habe Türkgücü die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nachweisen können, so der DFB-Geschäftsführer. Aufgefallen sei die Finanzlücke dann im Rahmen einer Überprüfung im November. Zurückzuführen sei die Liquiditätslücke, "ähnlich wie im Vorjahr beim KFC Uerdingen", auf höhere Aufwendungen des Klubs, die zwischen Juni und Oktober in der Transferperiode entstanden. Eine frühere Überprüfung sei "gemäß der gültigen Richtlinien im DFB-Statut 3. Liga" nicht möglich gewesen.

Ab 2023 strengere Maßnahmen

Eine "hundertprozentige Sicherheit" gebe es ohnehin nicht, "das muss jedem klar sein", macht Hartmann deutlich. Verantwortungsvolles Wirtschaften aus eigenem Antrieb bleibe unerlässlich. Die wirtschaftliche Stabilität sei immer eine Kombination aus strenger Überprüfung durch die verpflichtenden Wirtschaftsprüfer und das Zulassungsverfahren des DFB sowie verantwortungsbewusstem Handeln der Klubs. "Wir sind auch grundsätzlich der Überzeugung, dass die Klubs und deren Mitglieder kein Interesse daran haben, durch risikovolles Management den Klub in die Gefahr einer Insolvenz zu bringen."

Um Fälle wie Türkgücü künftig dennoch möglichst zu vermeiden, hat das DFB-Präsidium auf Vorschlag einer Task Force bereits im Oktober Maßnahmen wie die Eigenkapitalauflage deutlich verschärft. "Zudem wird das bisherige Financial Fairplay 3. Liga, das derzeit noch als reines Belohnungssystem angelegt ist, modifiziert und fest im Zulassungsverfahren verankert. Beide Beschlüsse greifen ab der Saison 2023/2024 und sollen helfen, die wirtschaftliche Situation der 3. Liga weiter zu stabilisieren", erklärt Hartmann, betont jedoch, dass es keinem Ligaträger möglich sei, "die Geschäftstätigkeiten der Teilnehmer täglich zu kontrollieren".

 
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