Warum beim VfL keine Trainerdiskussion entstehen sollte

In sozialen Medien und in Vereinsforen geht es teilweise hoch her – allen voran in Krisenzeiten. Nun steht der VfL Osnabrück und insbesondere Coach Joe Enochs deutlich unter Beschuss. Nachzuvollziehen ist das allenfalls bei einem Blick auf die letzten Ergebnisse, nicht aber im größeren Kontext. Die VfL-Fans täten gut daran, Enochs nun nicht in Frage zu stellen. Ein Kommentar.

Die Mechanismen im Profigeschäft sind unerbittlich

Es sind die Mechanismen im Profigeschäft, die immer wieder greifen müssen und nicht immer logisch nachzuvollziehen sind. Claudio Ranieri muss neun Monate nach seinem sensationellen Titelgewinn mit Leicester City seinen Stuhl räumen, weil sich der graue Mittelmaß-Klub wieder dort befindet, wo er sich in den letzten Jahren immer befand: Im Abstiegskampf. Valerien Ismael muss beim VfL Wolfsburg um sein Traineramt zittern, obgleich in der Autostadt gegen Werder Bremen das wohl beste Heimspiel der Saison abgeliefert wurde, sämtliche Chancen jedoch vergeben wurden. Und beim VfL Osnabrück wird von vielen Seiten der Abschuss des Trainers gefordert, der aus einem Team für die obere Tabellenhälfte nun schon zum zweiten Mal einen Aufstiegskandidaten geformt hat. Dies stößt bei vielen Kontrahenten in der 3. Liga auf Unverständnis – ein untrügliches Zeichen dafür, dass im Süden Niedersachsens aktuell irgendetwas nicht richtig läuft.

Leistung des VfL wird schlechter gemacht, als sie war

Was ist geschehen? Osnabrück lieferte gegen den FSV Mainz 05 II eine gute und eine schlechte Halbzeit, wurde dafür bitter bestraft. In Magdeburg ging Lila-Weiß recht unspektakulär mit 0:3 unter, und daheim gegen Bremen wurde viel Aufwand nicht belohnt. Unter dem Strich stehen in der bisherigen Rückrunde ebenso viele starke wie schwache Spielphasen – alles begleitet von den langfristigen Ausfällen von Halil Savran und Christian Groß, dazu fehlten in den letzten Wochen immer wieder weitere Schlüsselspieler wie Kwasi Wriedt, Anthony Syhre oder Marcel Appiah. Wenn es den VfL in puncto Verletzungen erwischt, dann sind es tatsächlich meist die stärksten Leute. Es ist ungewiss, ob ein anderer Drittligist diese Ausfälle überhaupt besser kompensieren könnte.

Was wird an Enochs kritisiert?

Was wird an Enochs kritisiert? Oft sind es etwa die Interviews nach Spielende, in denen der US-Amerikaner auch aus Niederlagen positive Aspekte zieht. Er ist kein Schreihals wieder Claus-Dieter Wollitz, auch längst nicht so emotional wie sein Vorgänger Maik Walpurgis. Als sachlicher Vertreter analysiert er kühl und effizient. Dass er nach Pleiten wie am Freitag ebenso viel Wut im Bauch besitzt wie Spieler und Anhänger, versteckt er beim öffentlichen Auftritt – eine ruhige Nacht hatte ihm das 0:1 jedoch mit Sicherheit nicht bereitet. Auch die Wechsel werden ihm vorgehalten, viele VfL-Anhänger wurden etwa gerne Publikumsliebling Addy-Waku Menga öfter in der Schlussphase sehen. Dass dieser aber mittlerweile nur noch wenig Spielpraxis erhält, wird Gründe haben. Joe Enochs verdient Vertrauen für seine Entscheidung, denn er kennt den Leistungsstand jedes Einzelnen durch die tägliche Trainingsarbeit am besten.

Muss Osnabrück seine Ansprüche zurückschrauben?

Denn Enochs ist nicht irgendjemand. Er ist eine VfL-Legende – was ihn freilich nicht weniger angreifbar machen sollte. Aber er identifiziert sich mit dem Klub und steht für ihn ein. Ganz nebenbei holte er Lila-Weiß in seiner ersten Spielzeit aus dem Keller und formte aus ihm eine Spitzenmannschaft. Er platzierte sich mit den Mitteln, die Osnabrück besitzt, fast durchgängig vor individuell deutlich besser besetzten Teams wie etwa Holstein Kiel oder dem Chemnitzer FC. Trotz nunmehr jahrelanger Drittliga-Zugehörigkeit hat sich im Umfeld jedoch der Anspruch etabliert, ein gefühlter Zweitligist zu sein. Dass Enochs in den vergangenen Jahren stets einen mehr als befriedigenden Job erledigte, bleibt auf der Strecke – weil eben die großen Erfolge knapp verfehlt wurden. Vielleicht täte der VfL gut daran, seine hohen Anforderungen im Umfeld zu reduzieren und so den großen Druck von Team und Trainer zu nehmen, anstatt den Kessel der Kritik weiter zu befeuern. Viele andere Drittligisten (sowie ehemalige Zweitligisten) wären aktuell froh, in der Tabellenregion des VfL Osnabrück platziert zu sein.

   
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