Kommentar: Rot-Weiß Erfurt lässt Feingefühl vermissen

"Der FC Rot-Weiß plant in Zukunft nicht mehr mit Mittelfeldspieler Marco Engelhardt. Der Verein möchte im Hinblick auf die Mission 2016 in seiner Personalplanung auf jüngere Kräfte setzen", verkündete der Klub am Dienstag in einer Mitteilung. Diese Nachricht kam für (fast) alle überraschend, Anzeichen für eine vorzeitige Trennung gab es keine. In der letzten Saison hatte der 33-Jährige das Vertrauen von Trainer Walter Kogler und fehlte nur aufgrund zweier Gelbsperren, absolvierte sonst jede Partie und war an acht Treffern direkt beteiligt – die Art und Weise, wie er nun sprichwörtlich vom Hof gejagt wird, ist vom Verein daher unprofessionell und wirft ein schlechtes Licht auf diesen. Das Gemeinschaftsgefühl, das durch die ins Leben gerufene "Mission 2016" entstehen soll, wird so nie zustande kommen. Fans kritisieren häufige Wechsel der Spieler und das Nicht-Einhalten von Verträgen, nun lebt es der Verein in einer ebenso negativen Art vor.

Schritt aus sportlicher Sicht nachvollziehbar

Über die Leistungen des ehemaligen Bundesligaspielers und DFB-Pokalsiegers von 2007 kann gestritten werden. Viele Anhänger der Thüringer sahen Engelhardt als eine der wenigen Identifikationsfiguren des Klubs – allerdings war er zuletzt nur selten dazu in der Lage, die Mannschaft bei Rückständen oder in schwierigen Phasen zu führen, so wie es von einem Spieler mit seiner Vergangenheit und Erfahrung verlangt wird. Daher ist der Schritt des Vereins zumindest aus sportlicher Sicht durchaus nachvollziehbar. Gleiches galt für Ex-Kapitän Nils Pfingsten-Reddig, der seine Schuhe mittlerweile für den Regionalligisten aus Nordhausen schnürt. Doch nicht nur diesen Fakt haben beide Routiniers gemeinsam – auch die Art und Weise, wie der Verein mit diesen umgeht, teilen sich beide. Pfingsten-Reddig, immerhin vier Jahre bei RWE, wurde nicht einmal offiziell verabschiedet. Erst bei seiner Auswechslung im letzten Heimspiel gegen Rostock wurde allen klar, dass es sein letzter Auftritt im Steigerwaldstadion war. Stadionsprecher Tom Bertram forderte die Zuschauer auf, kräftigen Applaus zu spenden, nach dem Abpfiff gab der 32-Jährige bekannt, dass er den Verein verlassen wird. Eine Verabschiedung seitens des Vereins, die im Verhältnis zu seinen Leistungen und erbrachten Diensten steht, ist bis heute ausgeblieben.

Engelhardt war eines der wenigen Aushängeschilder des Klubs

Das gleiche Schicksal droht nun Engelhardt. Mit Christoph Menz und Sebastian Tyrala haben die Thüringer ihre Wunschspieler auf seiner Position verpflichten können, nun ist kein Platz mehr für ihn. Dass er noch ein Jahr Vertrag hat, spielt dabei keine Rolle mehr. Bereits von Kindesalter an spielte er bis 2001 für die Rot-Weißen, schaffte es in die Bundesliga und die Nationalmannschaft, wurde dabei auch immer mit seinem Jugendverein in Verbindung gebracht und ließ diesen so auch außerhalb Thüringens zum Gesprächsthema werden. Er war in den letzten Jahren somit eines der wenigen Aushängeschilder des Klubs. Im Januar 2012 erfolgte dann schließlich seine Rückkehr in die Blumenstadt. Doch all das zählt nun nicht mehr. Scheinbar gehört die viel benannte Romantik im Fußball längst der Vergangenheit an. Verträge haben bei Spielern und Vereinen nicht mehr die Aussagekraft wie es einst war und wie es sich viele Fans wünschen. Wer für sein Geld nicht die geforderte Leistung bringt, muss gehen. Vielleicht gab es aber auch interne Unstimmigkeiten zwischen Spieler und Verein. In der Kabine – so hört man aus internen Kreisen – soll es wohl auch nicht immer gepasst haben. Nun bleibt abzuwarten, ob eine Einigung gefunden werden kann oder die Nummer 23 seinen Vertrag aussitzt .

"Wir bedanken uns für seine Zeit beim RWE und wünschen Marco für seine Zukunft alles Gute und viel Erfolg", heißt es am Ende der Vereins-Mitteilung – glauben kann es Engelhardt aktuell sicherlich kaum.

FOTO: Marcel Junghanns / Klettermaxe Photographie / Fototifosi

   

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