Kommentar: Aue erwache!

"Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht!“, hallt es im Lößnitztal von den Rängen, doch der FC Erzgebirge Aue ist auf Grundgestein gestoßen. Nach einem miserablen Saisonstart ohne Sieg und zweidf schmerzlicher Derby-Niederlagen zu Hause ist die Euphorie des Sommers mehr als verflogen. Trainer Timo Rost und seine neu zusammengestellte Mannschaft haben bereits jeglichen Rückhalt und Kredit bei den Fans verspielt. Ein erneuter Trainerwechsel scheint unausweichlich, doch die Ursachen und Gründe für die anhaltende sportliche Misere liegen tiefer im erzgebirgischen Gestein. Ein Kommentar.

Versäumnisse von gestern sind die Sorgen von heute

Seit fast 20 Jahren sind die Veilchen zurück im Profifußball und konnten sich trotz aller Widrigkeiten und wirtschaftlicher Limitierungen dort etablieren. Im schnelllebigen Fußballgeschäft fanden die Vereinsverantwortlichen um die Familie Leonhardt einen ganz eigenen Weg, und dieser war lange Zeit erfolgreich. Eine nüchterne Geldpolitik mit sehr kleinen Strukturen bildete hierfür das Rückgrat, während es den Trainern immer wieder gelang, aus einem limitierten Kader das Maximum herauszuholen. Der Begeisterung und Treue der Fans konnte man sich in der 2. Bundesliga ohnehin auf jedem Tabellenplatz sicher sein.

Lange Zeit funktionierte dieses System, bis es den Verantwortlichen nicht mehr gelang, die richtigen sportlichen und strategischen Lösungen zu finden. Präsident Helge Leonhardt, der omnipräsent die Geschicke in den vergangenen Jahren lenkte, tauschte bislang zehn Trainer aus und verliert mit Timo Rost wohl bald den Elften. Damit übertrumpft Aue deutschlandweit im gleichen Zeitraum sogar den Hamburger SV und Schalke 04. Und mit jedem Trainer kamen und gingen neue Spielideen, Philosophien und Wunschspieler. Das Fundament, auf dem man stand, bröckelte mehr und mehr.

Fanklubs erheben sich zur Revolution

Ein Regulativ oder einen Planer und Sportdirektor und auch tieferreichende sportliche Strukturen gab es in dieser Zeit aber nicht. Mittel- und langfristige Pläne und eine Strategie suchte man vergebens. Stattdessen verfiel der FCE in der vergangenen Saison mehr und mehr in wirkungslosen Aktionismus. Das Experiment mit Aleksey Shpilevski wurde schnell und impulsiv beendet. Mit Marc Hensel wurde ein aussichtsreicher Jugendtrainer mit einer falsch zusammengestellten Mannschaft allein gelassen und verheizt. Aufstiegstrainer Pavel Dotchev übernahm einen Scherbenhaufen und durfte den Verein dann obendrein nur durch die Hintertür verlassen. Und das war nur eine der vielen Episoden in den vergangenen Jahren.

Nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte und dem Abstieg aus der 2. Liga war eine Reform unumgänglich. Doch Vorstand und Aufsichtsrat übergingen erneut die kritischen Stimmen aus dem Lager der Sponsoren und Fans. Man installierte mit Timo Rost einen Trainer, der ohne Erfahrung in der 3. Liga allein das Wunder vollbringen sollte. Statt im Wunderland befinden sie sich die Veilchen nun in einem Albtraum wieder, und nach dem 0:1 gegen den Erzrivalen FSV Zwickau wird nicht mehr nach Reformen verlangt. Die Fanklubs im Erzgebirge erheben sich gerade zur offenen Revolution.

Neue Ideen braucht der Schacht

Nach zehn Trainern in den letzten fünf Jahren sollte aber klar sein, dass ein Stühlerücken im Erzgebirge nicht allein die sportlichen Probleme löst. Der Verein muss sich neu ausrichten und endlich professionelle und tragende Strukturen schaffen, mit Fachpersonal, welches sich klar zu diesen bekennt und unterordnet. In einigen Punkten mag diese Neuausrichtung eine Wende um 180 Grad bedeuten. Diese Reformen müssen weit über die Schaffung eines dauerhaften Sportdirektor-Postens hinaus gehen. Auch im Hinblick auf das Scouting, die Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit muss sich der Verein weiter modernisieren und Rückstände zur Konkurrenz aufholen. Hierfür braucht es nicht zwingend neue, sondern pro-aktive Leute im Verein sowie unabhängige und wachsame Gremien. Das größte Plus hat der Verein immer noch in seinen Fans, die ihm selbst nach Jahren des sportlichen Niedergangs und der aktuell dramatischen Lage die Treue halten.

Dieser Prozess würde Zeit brauchen und Kraft kosten. Vermutlich würde er auch Mittel binden, ohne die der FC Erzgebirge in den nächsten Jahren nicht wieder oben angreifen kann. Jedoch könnte man als Verein gefestigt, breiter und gestärkt aus dieser Krise hervorgehen und wieder das Maximum aus den begrenzten Mitteln holen. In den nächsten Wochen wird sich die Zukunft des FC Erzgebirge Aue entscheiden. Gelingt es der alten Vereinsführungen die Weichen zu stellen und den Mitgliedern ihre Forderungen durchzusetzen? Wenn man das im Erzgebirge gemeinsam schafft, dann erhebt sie sich aus der Tiefe – die Macht aus dem Schacht. Aue erwache, wie es schon seit Jahren von den Fans gerufen wird.

   
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