Kammlott im Interview: "Nur nach unten schauen"

Carsten Kammlott vom FC Rot-Weiß Erfurt spricht im Interview mit unserer Redaktion über den spektakulären Treffer gegen Dresden, den Fehlstart in die Saison und er erklärt, warum RWE eine Saison gegen den Abstieg bevorsteht.

Fast auf dem Kopf stehend, einen Salto machend mit der Hacke! So erzielte Carsten Kammlott am vergangenen Donnerstag den zwischenzeitlichen Treffer zum 1:1 bei Dynamo Dresden. Über 500.000 Mal wurde das Video dazu weltweit bereits aufgerufen. So sehenswert der Treffer auch war, Punkte brachte er den Thüringern nicht ein – das Spiel ging spät mit 1:3 verloren. Überhaupt läuft die Saison für Rot-Weiß bisher noch nicht optimal. Im Interview mit liga3-online.de spricht Kammlott über das Jahrhundert-Tor, den enttäuschenden Saisonstart und er gibt ein Ziel für die kommenden drei Spiele aus.

Hallo Herr Kammlott. Ihre Mannschaft hat am Donnerstag gegen Dresden verloren, Sie allerdings haben ein Jahrhundert-Tor erzielt. Mit welchen Gefühlen gehen Sie persönlich aus dieser Partie?

Durch die Niederlage natürlich mit einem schlechten Gefühl. Klar, das Tor war klasse und hat ungeahnte Wellen geschlagen, aber das nützt der Mannschaft leider nichts.

Schildern Sie uns mal den Treffer. Gewollt war er in dieser Form wahrscheinlich nicht, oder?

Nein, das natürlich nicht. Da war einfach eine Menge Glück dabei. Nach der Flanke von Luka Odak war ich schon vor dem Ball und wollte eigentlich mit dem Kopf hin. Dass ich den Fuß dann hochziehe, war zwar schon Absicht, aber dass ich den Ball dann so treffe, war natürlich pures Glück.

Zurück zum Spiel: Ihre Mannschaft hielt lange gut mit, musste sich aber – genau wie gegen Magdeburg –  spät geschlagen geben. Woran liegt es, dass in zwei von drei Spielen ein Punktgewinn in letzter Minute verschenkt wurde?

Wir müssen einfach konsequenter sein und die individuellen Fehler im Abwehrbereich abstellen – es fängt aber auch schon vorne an. Vielleicht sollten wir auch einfach mal den Ball auf die Tribüne schlagen, damit hinten nichts mehr anbrennt. Sonst stehen wir wieder da, schauen uns an und hatten – wie in diesem Fall – ein katastrophales Wochenende.

Mit nur einem Punkt aus drei Spielen belegt RWE derzeit den vorletzten Tabellenplatz. Kann man da schon von einem Fehlstart sprechen?

(überlegt) Nein, würde ich nicht. Die Punkteausbeute sagt zwar etwas anderes aus, aber mit Wiesbaden und Dresden haben wir nunmal gegen zwei Aufstiegskandidaten gespielt. Hinzu kommt Magdeburg, die immer noch voller Euphorie stecken – da werde noch einige andere verlieren.

Wir sind bisher niemals untergegangen und konnten immer gut mithalten. Dass wir mit einer jungen Mannschaft Zeit brauchen, ist natürlich klar. Viele Spieler müssen sich erstmal an die Liga gewöhnen, vor allem an die großen Kulissen. Einige der Jungs, die aus der Regionalliga zu uns gekommen sind, haben bisher nur vor einigen hundert Zuschauern gespielt – das ist natürlich schon ein Unterschied. Von daher kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Dass es in dieser Saison schwer werden würde, war vorauszusehen.

Sie können die Fans also beruhigen und sagen: ‚Es wird alles gut, allerdings dauert es noch ein bisschen‘?

Ja, es wird brutal schwer in dieser Saison. Wir müssen nur nach unten schauen, nach oben brauchen wir gar nicht erst gucken. Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich die 40 Punkte zu holen.

Eigentlich wollte Erfurt im Rahmen der „Mission 2016“ in dieser Saison den Aufstieg schaffen, hat davon aber bereits im Vorfeld Abstand genommen. Die richtige Entscheidung aus Ihrer Sicht?

Komplett richtig. Wenn man sieht, dass wir viele Spieler aus der Regionalliga geholt haben, sollte es klar sein, dass wir um den Aufstieg nicht mitspielen können. Wir haben oben in der Tabelle nichts zu suchen – es geht nur nach unten.

Rot-Weiß befindet sich derzeit in einem Umbau: Der Kader wurde neu zusammengestellt, mit Christian Preußer ein sehr junger Trainer installiert und schließlich wird auch das Stadion umgebaut. Wann ist die 2. Bundesliga realistisch?

Das ist eine gute Frage. Wenn es RWE schafft, für zwei bis drei Jahre eine Mannschaft zusammenzuhalten und konstant auf guten einem guten Niveau zu spielen, könnten wir vielleicht mal angreifen. Aber wenn jedes Jahr sieben Spieler gehen und sieben neue kommen, wird es natürlich schwer.

Anfang April haben Sie Ihren Vertrag in Erfurt vorzeitig bis 2018 verlängert. Was haben Sie mit dem Verein noch vor?

Das angesprochene Ziel: der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Bis mein neuer Vertrag ausläuft, sind es ja noch drei Jahre – da wird sich hoffentlich noch einiges tun. Ich hatte einfach große Lust, weiter in der Heimat für Rot-Weiß zu spielen.

Welche Rolle hat Trainer Christian Preußer bei der vorzeitigen Verlängerung gespielt?

Ich kenne ihn schon sehr lange. In der Jugend war er Co-Trainer meiner U19. Da hat man schon gewusst: ‚Der kann was‘. Genauso denken wir auch heute noch über ihn – er hat großes Potential. Wenn wir das immer sagen, hört sich das natürlich immer etwas abgedroschen an, denn im Endeffekt müssen wir die Punkte holen.

In der letzten Saison haben Sie die Mannschaft in der Rückrunde als Kapitän auf das Feld geführt, in dieser Serie übernimmt Sebastian Tyrala diese Aufgabe. Was hat zu dem Wechsel geführt?

In der letzten Saison war ich ja eigentlich erst nur Vize-Kapitän, habe aber dann kurzfristig die Binde von Laurito übernommen. Für mich hat sich mit dem Wechsel nicht viel geändert, Basti (Sebastian Tyrala, Anm. d. Red.) macht das super. Ich bin auch nicht traurig darüber, schließlich fällt so vielleicht etwas Last von meiner Schulter. Es ist ganz ok, so wie es gelaufen ist.

Werfen wir zum Abschluss einen Blick auf die bevorstehende englische Woche. Münster, Großaspach und Stuttgart II heißen die Gegner. Sind da nicht mindestens sechs Punkte Pflicht?

Absolut! Zuhause gegen Münster wird es schwer, aber wir müssen wirklich Punkte holen – eigentlich schon sieben bis neun. Gerade gegen Großaspach und Stuttgart II müssen wir auf jeden Fall gewinnen – das muss man so klar und deutlich sagen.

Wenn das nicht klappt, wird man sich aber vermutlich erstmal für längere Zeit in der unteren Tabellenhälfte einsortieren, oder?

Das könnte im schlimmsten Fall natürlich das ganze Jahr so gehen, dass wir da unten drinstecken. Aber wir dürfen nicht die Nerven verlieren. Wir wussten schließlich, dass es schwer werden würde. Da darf man jetzt nicht verzweifeln und schlechte Laune bekommen, sondern nach vorne schauen.

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