Jens Härtel, der geradlinige Akribiker

Nun hat es ihn also wieder zu einem Verein in den neuen Bundesländern verschlagen. Jens Härtel unterschrieb am Mittwoch einen Vertrag beim F.C. Hansa Rostock. Seine nächste Trainerstation im Osten. Der Region in Deutschland, wo er sich, nach eigener Aussage, am wohlsten fühlt, weil er weiß, wie die Leute dort ticken und von der er glaubt, nur dort Trainer werden zu können.

Bescheidenheit

Hansa Rostock kann man zu dieser Entscheidung an der Seitenlinie nur gratulieren. Denn auch wenn sich Härtel bezüglich seines regionalen Wirkungskreises stets etwas unter Wert verkaufte, spätestens mit seiner Station beim 1. FC Magdeburg diktierte der gebürtige Rochlitzer seinen Namen auch in die Notizbücher arrivierter Fußballvereine Deutschlands. Denen dürfte der bemerkenswerte Weg von der Regionalliga in die 2. Bundesliga aufgefallen sein, auf dem Jens Härtel stets mit bescheidenen Mitteln etwas Erfolgreiches zu formen vermochte.

Bescheidenheit ist ohnehin ein Wort, das oft fällt, sobald die Vita des heute 49-Jährigen erklärt wird. Um nach seiner Spielerkarriere etwas Handfestes aufbauen zu können, macht er eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet als Disponent in einem Autohaus. Abends steht er dreimal die Woche auf dem Trainingsplatz und führt Germania Schöneiche von der Verbandsliga Brandenburg in die Oberliga. Als der Weg an der Seitenlinie nach und nach in erfolgreichere Gefilde führt, setzt Härtel im Jahr 2011 mit der Fußball-Lehrer-Lizenz an der Hennes-Weisweiler-Akademie auf die Karte Profifußball.

Kein Mann der großen Worte

Der neue Hansa-Coach hat sich seinen Aufstieg als Trainer erarbeitet. Geholfen haben ihm dabei eine nüchterne Sachlichkeit und eine akribische Arbeitseinstellung.  Jens Härtel ist kein Mann der großen Worte. Den manchmal kritisierten Mangel an Kommunikation – sowohl mit Mannschaft und Medien als auch zur Eigenwerbung – behebt er schrittweise in seiner Karriere, doch sein Fokus liegt auf anderen Dingen. So lebt und arbeitet er für seine Aufgabe mit einer nahezu perfektionistischen Motivation: Testspiele, vergangene Saisons, Spielabläufe, gegnerische Kader, Tore, Statistiken, fußballerische Details  – das alles speichert er für sich und ruft es bei Gelegenheit ab. Dieser Drang, das Spiel zu lesen, auf jede Situation vorbereitet und abgesichert zu sein, macht einen großen Teil seines Charakters als Trainer aus.

Solch ein Arbeitsalltag kostet ihn unheimlich viel Energie. Kraft holt er sich in seiner Freizeit bei seiner Familie, bei der er vom hektischen Geschäft abschalten kann, die ihm ein essentieller Fixpunkt ist. Härtel und seine Frau haben zwei Söhne und bewohnen ein kleines Einfamilienhaus. Dieser ausgleichende Gegensatz zum schnelllebigen Räderwerk des Fußballs ist dem Trainer ein inneres Heiligtum. Nicht ohne Grund dringt wenig aus dem Privatleben des 49-Jährigen nach außen.

Kein starres Spielkonzept

Die Leidenschaft, die er für den Fußball vorlebt, verlangt er dabei auch von seinen Spielern. Als gelernter Defensivspieler gibt er seinen Akteuren die Philosophie vor, aus einer stabilen Grundordnung heraus zu agieren. In diesem System lässt Härtel sein Team gnadenlos auf Balleroberung trimmen. Überfallartig umkreisen seine Spieler den ballführenden Gegenspieler, um dann im Umschaltspiel zum Erfolg zu kommen. Doch die Härtel’sche Methode kennt mehrere Varianten. So ist er niemand, der starr an einem Spielkonzept festhält, sondern er vermag es, seinen Spielern binnen weniger Augenblicke ganze System-Rochaden einzuimpfen.

Zugleich baut er auf Spieler, die er formen kann und die seiner Vorstellung vom Fußballspiel entsprechen. In Magdeburg entwickelte er einen festen Stamm an Spielern weiter und führte sie von der viertklassigen Regionalliga ins Erstliga-Unterhaus. Akteure hingegen, die sich dem Credo Härtels nicht unterordnen können, werden über kurz oder lang aussortiert. Härtels Geradlinigkeit zeigt sich in solchen Momenten als Kompromisslosigkeit, der Weiterentwicklung alles unterzuordnen. In den viereinhalb Jahren in Magdeburg, die nahezu durchweg von Erfolg geprägt waren, gab es diese Momente auch.

Ära beim FCM geprägt

Nach der an leidvollen Jahren und vielen Trainerwechseln nicht armen Geschichte des 1. FC Magdeburg in der jüngeren Vergangenheit leitete Härtel bei den Elbestädtern einen Wendepunkt und eine Ära der Kontinuität und des Erfolgs ein. In einem außergewöhnlichen Dank erhoben ihn die Magdeburger Ultras nach dem Zweitliga-Aufstieg zum legitimen Nachfolger von Club-Ikone Heinz Krügel. Es sind also zumindest nicht die schlechtesten Voraussetzungen, dass Jens Härtel in Rostock auf ein ähnlich begeisterungsfähiges Umfeld mit großer Vergangenheit trifft.

 
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