Fragen und Antworten zur Insolvenz des Chemnitzer FC

Der Chemnitzer FC hat am Dienstag die Notbremse gezogen und einen Insolvenzantrag gestellt. Damit stehen die Himmelblauen nach Rot-Weiß Erfurt als zweiter Absteiger fest. Was sind die Hintergründe? Welche Auswirkungen hat der Insolvenzantrag? Und wie geht es jetzt weiter? liga3-online.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

[box type="info" size="large"]Hintergründe[/box]

Warum hat der Chemnitzer FC einen Insolvenzantrag gestellt?

Wie der CFC im Rahmen einer Presseerklärung mitteilte, war es "trotz vielfältiger Bemühungen" in den vergangenen Monaten nicht gelungen, "den Rucksack der Vergangenheit" abzulegen. Der Verein hat Verbindlichkeiten aufgebaut, die vom Vereinsvermögen nicht gedeckt sind – konkret geht es um rund 2,5 Millionen Euro. Hinzukommen noch 1,5 Millionen Euro von einem Kredit der "eins Energie". Ein erarbeiteter Liquiditäts- und Finanzplan hat zudem ergeben, dass am Saisonende trotz der Einnahmen aus dem DFB-Pokal-Spiel gegen Bayern München eine "erhebliche Unterdeckung" vorhanden ist. Der Verein wird nach eigenen Angaben "voraussichtlich nicht in der Lage sein", trotz einer Stundungsvereinbarung bestehende Zahlungsverpflichtungen im Zeitpunkt ihrer Fälligkeit zu erfüllen. Eine positive Fortführungsprognose sei damit nicht mehr gegeben, so Präsident Andreas Georgi auf einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag. "Wir reden von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit."

Auch die Inanspruchnahme einer hinterlegten Bankbürgschaft in Höhe von 500.000 Euro hätte nach Vereinsangaben nicht ausgereicht, um die Verbindlichkeiten zu tilgen. Die Problematik der fehlenden Liquidität wäre somit lediglich erneut verschoben, jedoch nicht behoben worden und hätte sich im Falle eines Abstiegs in die Regionalliga weiter verschärft. Daher ist der CFC zu der Einschätzung gekommen, "dass die Sicherung des Fortbestandes des Vereines (…) nur im Ergebnis eines erfolgreichen Insolvenzverfahrens erzielt werden kann."

Wie verläuft das Insolvenzverfahren nun?

In den kommenden Tagen wird vom Amtsgericht Chemnitz ein Insolvenzverwalter bestellt. Dieser erstellt einen Insolvenzplan, der anschließend den Gläubigern vorgelegt wird. Damit das Verfahren erfolgreich durchgeführt werden kann, müssten letztlich 50 Prozent der Gläubiger dem Insolvenzplan zustimmen. Je nach Höhe der Masse erhalten die Gläubiger dann allerdings nur einen Bruchteil ihrer Forderungen. Beim VfR Aalen waren es im vergangenen Jahr 1,6 Prozent.

Wann könnte das Insolvenzverfahren abgeschlossen sein?

Das ist noch ungewiss. Zum Vergleich aber: Beim VfR Aalen stimmten die Gläubiger dem Insolvenzplan Anfang Mai 2017 zu – und damit knapp drei Monate nach Stellung des Insolvenzantrags. Ende Juni 2017 war das Verfahren schließlich abgeschlossen, sodass der VfR Aalen schuldenfrei in die neue Saison gehen konnte.

 

[box type="info" size="large"]Perspektiven[/box]

Werden die Spiele des Chemnitzer FC aus der Wertung genommen?

Wird der Spielbetrieb bis zum Saisonende fortgeführt – und das ist das klare Ziel – bleiben alle Spiele in der Wertung.

Was passiert im sehr unwahrscheinlichen Fall, dass der Spielbetrieb doch nicht fortgeführt werden kann?

Dann würde Paragraf 55a Nr. 4 der DFB-Spielordnung greifen: Scheidet ein Verein vor den letzten fünf Spieltagen aus, werden alle Saisonspiele des Vereins nicht gewertet. Scheidet ein Verein innerhalb der letzten fünf Spieltage aus, gilt Folgendes: Alle bereits ausgetragenen Partien werden gemäß des Spielausgangs gewertet, alle nicht ausgetragenen Spiele werden mit drei Punkten und 2:0 Toren für den Gegner gewertet.

Das heißt: Stichtag ist der 34. Spieltag am kommenden Wochenende. Sollte der CFC davor aus dem Spielbetrieb ausscheiden, würden alle Spiele aus der Wertung fallen und somit annulliert werden. Damit es nicht dazu kommt, müsste Chemnitz mindestens noch den 34. Spieltag austragen. Wenn die Sachsen erst danach aus dem Spielbetrieb ausscheiden, würden die nicht ausgetragenen Spiele – konkret gegen Würzburg, Münster, Magdeburg und Rostock – für den Gegner gewertet werden. Alle anderen Partien bleiben gemäß des Spielausgangs in der Wertung.

Wer zahlt jetzt die Gehälter der Spieler?

Die März-Gehälter wurden bereits überwiesen, für die Monate April, Mai und Juni zahlt die Agentur für Arbeit Insolvenzgeld.

Welche Konsequenzen drohen dem CFC?

Der DFB sieht in Paragraf 6 seiner Spielordnung einen Abzug von neun Punkten in der laufenden Saison vor. Nur in besonderen Ausnahmefällen kann von diesem Punktabzug abgesehen werden, beispielsweise wenn gegen den Hauptsponsor zuvor ein Insolvenzverfahren eröffnet worden ist. Weitere Konsequenzen über einen Punktabzug hinaus sind nicht vorgesehen.

Hat der Chemnitzer FC noch Chancen auf den Klassenerhalt?

Nein. Sobald der Punktabzug rechtskräftig ist, fällt der Chemnitzer FC 16 Punkte hinter das rettende Ufer zurück. Bei nur noch fünf ausstehenden Spielen ist der Abstieg somit besiegelt. Einzige Hintertür: Belegt der CFC trotz des Punktabzugs am Saisonende Platz 18 und erhält ein anderer Verein keine Zulassung für die 3. Liga (siehe 1860 München in der letzten Saison) würde Chemnitz in der 3. Liga bleiben – zumindest unter der Voraussetzung, dass Chemnitz selbst die Drittliga-Lizenz erhält. Den Punktabzug mit eingerechnet, fehlen dem CFC momentan drei Zähler zu Rang 18.

Droht die Gefahr, dass der CFC die restlichen Spiele abschenken wird?

Das ist unwahrscheinlich. Wie Sportvorstand Steffen Ziffert am Dienstag sagte, habe man der Mannschaft klar gesagt, "dass wir in den restlichen Spielen so viele Punkte wie möglich holen wollen." Vor allem als Zeichen für die Fans. Darüber hinaus werden sich Spieler wie Tom Baumgart, der seinen Abschied bereits angedeutet hat, sowie Florian Hansch und Myroslav Slavov für andere Vereine empfehlen wollen.

Wie plant der Chemnitzer FC für die neue Saison?

Trainer David Bergner, der auch in der Regionalliga auf der Bank sitzen soll, hat in den vergangenen Wochen bereits mit mehreren Spielern gesprochen – bis Ende April sollen Entscheidungen fallen. Parallel dazu läuft bereits die Suche nach Neuzugängen.

Spielt der Chemnitzer FC auch in der kommenden Saison in der Community4you-Arena?

Davon geht der CFC aus: "Ich kenne in der Stadt kein anderes Stadion, in dem das möglich wäre. Derzeit gehe die Tendenz dahin, dass der Verein das Stadion dann selbst vermarktet," sagte Aufsichtsrat Gunther Kermer am Dienstagnachmittag.

Ist der direkte Wiederaufstieg realistisch?

Völlig offen! Wie Aufsichtsratvorsitzender Uwe Bauch sagte, soll der Wiederaufstieg in die 3. Liga aber "schnellstmöglich" erreicht werden. Die gute Nachricht: Der Meister der Regionalliga Nordost steigt in der kommenden Saison direkt auf.

Hat der Chemnitzer FC eine Lizenz für die Regionalliga beantragt?

Ja, die Unterlagen sind in der vergangenen Woche fristgereicht eingereicht worden. Die Entscheidung über die Zulassungen trifft der Nordostdeutsche Fußballverband Mitte Juni.

 

[box type="info" size="large"]Warum kein Zwangsabstieg droht[/box]

Als Alemannia Aachen im November 2012 einen Insolvenzantrag stellte, stand ein Zwangsabstieg im Raum. Warum ist die Regelung nun kein Thema mehr?

Mit dem 1. Juli 2014 wurde Paragraf 6 der DFB-Spielordnung geändert. Bis dahin galt: Wurde über das Vermögen eines Vereins der 3. Liga das Insolvenzverfahren eröffnet oder die Eröffnung mangels Masse abgelehnt, stand er automatisch als erster Absteiger fest. Mittlerweile ist als Rechtsfolge, z.B. eines eigenen Antrags auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch einen Verein der 3. Liga, grundsätzlich der Abzug von neun Punkten vorgesehen. Die Regularien wurden diesbezüglich mit Beginn der Saison 2014/2015 an die Bundesliga und 2. Bundesliga angepasst, die bereits zuvor so verfahren waren. Heißt: Früher hatten ein bloßer Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens und die Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens noch gar keine spieltechnischen Konsequenzen. Der Zwangsabstieg wäre erst und nur dann erfolgt, wenn das Insolvenzverfahren später auch eröffnet oder dies mangels Masse abgelehnt worden wäre. Jetzt kommt es also zu einer milderen Rechtsfolge (Punktabzug statt Zwangsabstieg), diese greift allerdings ggf. bereits zu einem früheren Zeitpunkt.

Im Fall von Alemannia Aachen kam der Zwangsabstieg letztlich nicht zum Tragen, da das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag eröffnet worden ist. Aachen ist am Ende der Saison 2012/13 sportlich abgestiegen.

Wann entscheidet der DFB über den Punktabzug?

Zunächst wird der DFB eine schriftliche Stellungnahme anfordern. Für diese hat der Chemnitzer FC sieben Tage Zeit. Anschließend wird der DFB-Spielausschuss zeitnah über den Punktabzug entscheiden. Beim FC Rot-Weiß Erfurt lagen zwischen der Insolvenz-Anmeldung und dem Punktabzug rund zwei Wochen.

Würde der Punktabzug schon in dieser Saison greifen?

Ja. Wird der Insolvenzantrag während der laufenden Spielzeit gestellt, erfolgt der Punktabzug gemäß Paragraf 6 der DFB-Spielordnung in der aktuellen Saison. Wird das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag beantragt, erfolgt der Abzug mit Beginn der neuen Saison. Dies war zuletzt bei Viertligist Offenbach der Fall, der aufgrund eines nach Saisonende gestellten Insolvenzantrages mit neun Minuspunkten in die vergangenen Spielzeit gestartet war.

Welche Auswirkungen hätte der Punktabzug für die übrigen Vereine der 3. Liga?

Sofern der Spielbetrieb fortgeführt wird – wovon auszugehen ist -, hat die Insolvenzanmeldung keine Auswirkung auf das Punktekonto der anderen Vereine. Auch an der Tabelle ändert sich bis auf die Tatsache, dass Chemnitz vorerst auf den vorletzten Tabellenplatz zurückfallen würde, nichts.

 

[box type="info" size="large"]Historie[/box]

Gab es schon ähnliche Fälle in der Geschichte der 3. Liga?

Erst vor knapp vier Wochen meldete Rot-Weiß Erfurt Insolvenz an, in der letzten Saison waren mit dem VfR Aalen und dem FSV Frankfurt ebenfalls zwei Vereine zahlungsunfähig. Während Erfurt bereits als Absteiger feststeht und auch Frankfurt in der vergangenen Saison den Weg in die Regionalliga antreten musste, schaffte Aalen den Klassenerhalt trotz des Punktabzugs.

In den Jahren zuvor profitierten derweil gleich mehrere Vereine von finanziellen Problemen der Konkurrenz. In der Saison 2008/2009 blieb Wacker Burghausen durch den freiwilligen Rückzug der Kickers Emden in der 3. Liga. Zwei Jahre später profitierten Bremen II und erneut Burghausen von den Zwangsabstiegen von Rot Weiss Ahlen und der TuS Koblenz. Nach der Saison 2013/14 verweigerte der DFB-Lizenzierungsausschuss den Offenbacher Kickers wegen Regelverstößen die Drittliga-Lizenz für die kommende Spielzeit, sodass Darmstadt 98 in der 3. Liga blieb und den Durchmarsch in die Bundesliga schaffte.

Wie viele Vereine haben in der Drittliga-Geschichte bereits einen Insolvenzantrag gestellt?

Nach Rot Weiss Ahlen (2011), Alemannia Aachen (2012), dem VfR Aalen, dem FSV Frankfurt (beide 2017), Rot-Weiß Erfurt (2018) ist der Chemnitzer FC nun der sechste Verein – und der vierte innerhalb der letzten 14 Monate.

 

   

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