Ehemalige vergessene Drittligisten #4: Kickers Emden

Insgesamt 57 Mannschaften spielten seit der Saison 2008/2009 in der 3. Liga. Während einige Klubs den Sprung in die Bundesliga geschafft haben, sind andere Vereine vom Radar der breiten Öffentlichkeit verschwunden. liga3-online.de holt diese Klubs nun wieder hervor. Heute: die Kickers Emden, die in der Saison 2008/2009 in der 3. Liga spielten.

Absturz nach einem starken Jahr

Erst die Auswärtsfahrt, dann der Urlaub: Es gibt diese Drittligisten, die einladen und einluden zu einer Kombination von Fußball und Fernweh. Wer schon einmal bei Hansa Rostock gastierte, um sich kurz darauf an den Stränden von Kühlungsborn bis Binz zu sonnen, dürfte dieses Gefühl kennen. Der BSV Kickers Emden boten die einmalige Verknüpfung von Stadionbesuch und Inselurlaub – am nordwestlichsten Fleck von Deutschland, nahe der Dollartbucht, wurde in der Saison 2008/09, der Gründungsspielzeit, drittklassig gespielt. Emden sollte sportlich ein tolles Jahr erwischen, mit 59 Punkten Sechster werden und sich aber direkt danach aus wirtschaftlichen Gründen freiwillig in die fünfte Liga zurückziehen. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen sympathischen, schwer zu bespielenden Verein, der bei seinem Abschied einen heutigen Erstligisten besiegte.

3.423 Zuschauer waren ganz sicherlich keine würdige Kulisse an einem herrlichen Frühsommertag. "Nie mehr, nie mehr, 3. Liga, nie mehr, nie mehr", schallte es durch das Stadion. Dabei handelte es sich nicht um Emdener Anhänger mit böser Vorahnung, sondern um jubelnde Fans von Union Berlin. Die Eisernen waren seit Wochen aufgestiegen, hatten die großen Partys hinter sich und spielten auch so. 2:0 lag Kickers Emden in Führung, dann stand es 2:2. Fünf Minuten vor Schluss aber ließ es sich Enrico Neitzel nicht nehmen, die so starke Saison zu krönen. Es war der sechzehnte Saisonsieg für die Ostfriesen. Keiner ahnte: Union Berlin würde an diesem Tag die 3. Liga dauerhaft verlassen – und Emden ebenfalls, allerdings in gänzlich andere Richtung.

Kein taugliches Stadion, kein Geld, keine Lizenz

Unter anderem hatte damals in Rudolf Zedi ein Aushängeschild der Gastgeber getroffen. Zedi, den sie alle nur "Rudi" nannten, war fast 35 Jahre alt und obwohl er schon einige Jahre Zweitliga-Erfahrung gesammelt hatte in seiner verdienten Karriere, auf fußballerischen Hochglanz polierte er seine Karriere in der Heimat von Otto Waalkes. Verletzungen kannte der beinharte Sechser nicht, dazu schoss der Mannschaftskapitän noch Tore: Sieben in der damaligen Regionalliga Nord 2007/08, dann weitere sechs in der 3. Liga, die im Sommer 2008 aus der Taufe gehoben wurde. Zedi, aufgewachsen im tiefsten Ruhrgebiet, fühlte sich offenbar pudelwohl: Nach der aktiven Karriere wurde er Trainer und Sportlicher Leiter beim BSV, heute coacht er die Spielvereinigung Aurich – die beiden Städte trennen nur gut 25 Kilometer.

Der Jubel, die Zufriedenheit währte damals etwas länger als zwei Wochen. Der 9. Juni 2009 ging als schwarzer Tag in die Vereinsgeschichte ein: Der BSV Kickers Emden kündigte an jenem Datum an, freiwillig seinen Lizenzantrag auf ein weiteres Drittliga-Jahr zurückzuziehen. Der Grund für den Rückzieher ist brandaktuell: Das romantische, aber schlicht zu kleine Ostfriesland-Stadion mit seinen 7.200 Plätzen genügte den Anforderungen des DFB nicht, für einen Ausbau fehlte das Geld und ein anderes, taugliches Stadion gibt es in Ostfriesland nicht. "Die gleichzeitige Finanzierung eines Stadionneubaus in Emden und die Unterhaltung einer drittligatauglichen Fußballmannschaft hat sich in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation als unmöglich erwiesen", hieß es in der folgenreichen Mitteilung vor knapp elf Jahren. Sie löste ein kleines Erdbeben aus: Plötzlich jubelte Wacker Burghausen, als Achtzehnter vermeintlich abgestiegen, über den Klassenerhalt am grünen Tisch. Die Niedersachsen rutschten direkt ab bis in die fünftklassige Oberliga.

Es ging bis in die sechste Liga

Höher als drittklassig spielten die Blau-Weißen dabei nie. Es fehlt am wirtschaftlichen Background in einer Region, die maßgeblich von ihrem Außenhafen, dem Tourismus und einem riesigen VW-Werk mit 10.000 Arbeitsplätzen lebt, und auch deshalb an der professionellen Infrastruktur. Volkswagen unterstützt den Fußballverein seit zwei Jahrzehnten – es ist aber nicht verwunderlich, dass der Fokus des Sportsponsorings beim Autokonzern gänzlich bei einem anderen norddeutschen Klub liegt. So ging es zwei Jahre nach dem Absturz in die fünfte Liga gar noch tiefer: Emden meldete 2011 Insolvenz an und stürzte in die sechstklassige Landesliga Weser-Ems. Tiefer ist bis heute kein Ex-Drittligist gefallen.

Ferne Gedanken an Siege über Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf vor mehr als 6.000 Zuschauern blieben den wenigen Hundert verbliebenen Fans in den vergangenen sechs Jahren, als die Gegner Georgsmarienhütte, Westrhauderfehn und Holthausen-Biene hießen. Zum Lichtblick wurde der vergangene Sommer: Nach einigen Jahren in der Spitzengruppe qualifizierte sich Kickers Emden für die Oberliga, in der man unter dem drittliga-erfahrenen Trainer Stefan Emmerling (zuletzt Erfurt und Paderborn) aktuell Platz 11 belegt. Im Schnitt schauen 700 Zuschauer die Heimspiele – das Duell mit Atlas Delmenhorst lockte sogar fast 2.000 Neugierige ins Ostfriesland-Stadion. Es mochte sich zumindest ein wenig nach 3. Liga angefühlt haben. Doch Fakt ist: Eine Rückkehr der Norddeutschen in diese Spielklasse wäre eine mittelschwere Sensation und ist nicht absehbar. Schade eigentlich.

 

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  • OSNASE

    Weil Emden damals betrogen hatte, mußte Magdeburg in Liga 4 absteigen, da ist wohl immer noch eine alte Rechnung offen…

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