Die Eintracht ist wieder zweitklassig: Über Gründe und Chancen

Es dauerte tatsächlich nur ein Jahr, da hat sich Eintracht Braunschweig bereits zurückgemeldet: In der Saison 2022/23 ist der BTSV wieder zweitklassig, es warten Derbys mit Hannover und ein hochspannendes Teilnehmerfeld, in dem sich Braunschweig besser etablieren will als beim direkten Wiederabstieg. Wie sind die Voraussetzungen dafür?

Stabile Achse

Wirklich fassen konnte sein Glück kaum einer derjenigen, die am Sonntagnachmittag vom eigenen Sofa aus zum Stadion strömten und mit der Eintracht-Mannschaft den Aufstieg feierten. Irgendwie passte es doch zu dieser Saison, dass der Erfolg durch eine Niederlage der so lange souveränen Lautrer besiegelt wurde. Jenen Verein, den der BTSV nie so ganz aus den Augen verlor, an den er sich mit etlichen guten, selten spektakulären Leistungen krallte – und dafür in der Endphase selbst Spitzenteam 1. FC Magdeburg nach hartem Kampf in die Knie zwang. Doch das Erreichte des Tabellenzweiten, der in der Hin- als auch Rückrunde eine ungeheure Konstanz an den Tag legte, allein auf Glück zu reduzieren, das käme zu kurz. Auftritte wie das 2:3 in Meppen am Samstag, ein einfacher, aber letztlich verzeihbarer Fehler, waren schließlich die absolute Seltenheit.

Sechs Spieler im Braunschweiger Kader gibt es, die mindestens 32 Saisonspiele bestritten haben. Jeder von ihnen ist mindestens 27 Jahre alt und jeder ist im Herzstück der Mannschaft zu finden: Bryan Henning, Robin Krauße und Jannis Nikolaou als eingespielte Mittelfeldzentrale, die dazu auch noch Impulse nach vorne zu setzen wusste. Brian Behrendt und Michael Schultz als Innenverteidiger-Duo auf höchstem Drittliga-Niveau. Und der alte Recke, Torhüter Jasmin Fejzic, der – wie zuletzt in Meppen – zwar nicht völlig fehlerfrei war, aber auch diverse starke Spiele zeigte und einen bedeutenden Anteil an der derzeit zweitbesten Defensive der 3. Liga hat. Zudem ging Fejzic, ohnehin eine eindrucksvolle Erscheinung, als Kapitän und Führungsfigur voran, wusste aber die genannten Stützen vor sich, um die herum es junge Spieler wie Lion Lauberbach und Jomaine Consbruch leichter hatten, sich zu entwickeln.

Oft konzentriert, manchmal spektakulär

Zwölf der 18 Saisonsiege waren solche mit einer Weißen Weste. Ein kleines Kunststück: Vom 1:0 bis zum 6:0 schaffte die Eintracht jedes "Zu-Null" im Verlauf der Spielzeit mindestens einmal. Hervor stach der Sechs-Tore-Kantersieg bei Viktoria Berlin, auch der SV Meppen (5:0) und der TSV Havelse (4:0 in Hannover) bekamen die theoretische Offensivkraft des BTSV zu spüren. Zur ganzen Wahrheit gehört ebenso, dass die Braunschweiger das Kunststück Aufstieg ohne einen echten Torjäger schafften: Lauberbach ist mit zwölf Toren der beste Angreifer, gefolgt von Maurice Multhaup mit sieben Treffern. Ungewöhnlich niedrige Werte, die trotz der erzielten 61 Saisontore darauf schließen lassen, dass sich die Blau-Gelben im Sommer auf die (teure) Suche nach einem zweitliga-erfahrenen Stürmer machen müssen. Einer, wie es John Verhoek für Hansa Rostock ist, der mit seinen 17 Saisontoren den Vorjahres-Aufsteiger fast im Alleingang zum Ligaverbleib schoss.

In Würzburg wurde Michael Schiele nie die große Dankbarkeit für seinen Zweitliga-Aufstieg im Jahr 2020 zuteil, zumindest nicht in den Klubgremien – er wurde kurz nach dem Beginn der neuen Saison schon entlassen. Kurioserweise schafft er die Zweitliga-Rückkehr mit jenem Klub, der damals ebenfalls aufstieg und sich ebenso von seinem damaligen Trainer, ein gewisser Marco Antwerpen, trennte. Alle Parteien werden gelernt haben aus ihrer damaligen Ungeduld, Eintracht Braunschweig hat nun die Chance zur Kontinuität. Gleichwohl muss Schiele, der sich am Aufstiegssonntag eigentlich auf den Weg zu seiner Familie in Süddeutschland gemacht hatte und auf halbem Weg umdrehen musste, seine Zweitliga-Tauglichkeit als Trainer nun noch nachweisen. Einfacher wird es ihm eine gewisse Bescheidenheit im Umfeld machen: Braunschweig muss über den Klassenerhalt wieder in den Top 36 Deutschlands ankommen, erst dann sind am traditionsreichen Standort höhere Ziele denkbar.

Was aus 2020/21 gelernt werden muss

Hoch und runter, immer wieder: Normale Spielzeiten gibt es an der Hamburger Straße nicht mehr. 2017 der verpasste Bundesliga-Aufstieg, 2018 der Abstieg in die 3. Liga, 2019 haarscharf den Absturz in die Regionalliga verhindert. 2020 dann das Gegenteil und der direkte Aufstieg in die Zweitklassigkeit, 2021 der Wiederabstieg – und nun also die abermalige Rückkehr in die 2. Bundesliga. Zeit, aus dem Fahrstuhl auszusteigen! Um diese Tür so weit wie möglich zu öffnen, gilt es die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen. Nach unsicheren Jahren wird der Etat weit von dem entfernt sein, was in Braunschweig früher im Zweitliga-Vergleich möglich war. Doch Sportchef Peter Vollmann hat gegenüber dem "NDR" bereits angekündigt: "Wir müssen deutlich mehr investieren als vor zwei Jahren." Teile der Mannschaft seien "absolut zweitliga-tauglich", führte Vollmann aus, aber eben nicht das gesamte Team. Ein prominenter Abgang dürfte Martin Kobylanski sein, der den BTSV 2020 zum Aufstieg schoss, seitdem aber immer geringere Einsatzzeiten erhalten hat.

Vor zwei Jahren hatte Braunschweig trotz schwacher Offensivausbeute alle Chancen, den Klassenerhalt zu packen – verspielt wurde es aufreizend leichtfertig, unter anderem mit einer Heimniederlage gegen schon abgestiegene Würzburger. Auch passte die Balance im Kader nicht, Torgefahr versprühte die Eintracht kaum, unter anderem weil es an Flügelstürmern fehlte, während das defensive Mittelfeld mit einem halben Dutzend Akteuren – aber keinen Unterschiedsspielern – überbesetzt war. Die Beteiligten werden ihre Lehren daraus gezogen haben. Vollmann hat nun die nächste Chance, mit gezielten Verstärkungen eine harmonierende, aber in der 3. Liga spielerisch nicht derart überragende Truppe wie den 1. FC Magdeburg auf Zweitliga-Niveau zu hieven. Da das Teilnehmerfeld der kommenden Saison kaum noch klare Außenseiter verspricht, ist die schnelle Adaption dringend erforderlich: Braunschweig wird dort einer der ersten Abstiegskandidat sein.

   
  • Betze97

    Ich traue Braunschweig Platz 11-18 zu. Wir sehen es aktuell an Rostock, die schaffen es mit einer geschlossenen Teamleistung und immer mit 100% Leistung sich in der zweiten Liga zu halten. Sollte der BTSV konstant gut auftreten, könnten sie es schaffen. Ansonsten bleiben sie in dem Dilemma Fahrstuhlmannschaft stecken. Für die dritte Liga zu gut, für die zweite zu schlecht.

    • Worf

      Defensive und Teile des Mittelfelds sind durchaus zweitligatauglich.

      Noch 3 gute Offensivspieler, die in der ersten Liga nur auf der Bank sitzen….
      Aber das kostet natürlich und ob dieses Geld da ist. Wir werden sehen.

      💙💛

    • fehlerkette

      Stop mal, Hansa hat seit dem Aufstieg fast die komplette Mannschaft ausgetauscht. 18 neue Spieler seit dem Aufstieg sagt wohl alles.

      • Jadra

        Trotzdem geht es bei uns nur über Kampf, Wille und Geschlossenheit. Und dass man sich bei einem Aufstieg in die 2. Bundesliga (die besonders diese Saison extrem stark besetzt ist) auf einigen Positionen verstärken muss, ist doch logisch. Was passiert, wenn man es nicht tut, sieht man gut an Ingolstadt.

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