Der 1. FC Magdeburg in Halle: Längst kein Derby mehr

Aufsteiger, Aufsteiger! Sie jubeln beim 1. FC Magdeburg, und sie haben allen Grund dazu. Es gibt nur ein kleines Problem, das sich Derby schimpft. Oder zumindest schimpfte. Denn obwohl sich der FCM in Kürze nicht nur aus 3. Liga, sondern bis auf weiteres auch von seinem Erzfeind verabschieden wird, hat er mal so gar keine Lust auf Rivalität. Wer will es ihm verübeln?

Abgestumpfte Emotionen und Betroffenheit

Die Geschichte muss eigentlich nicht nochmal erzählt werden, doch für den 1. FC Magdeburg ist es seit Oktober 2016 ein Teil des eigenen Grundverständnisses: Derbys gegen den HFC sind Geschichte. Die Emotionen sind abgestumpft. Gedanken an die Spielpaarung erzeugen keine Vorfreude, sondern einen merkwürdigen Mix aus Trauer, Wut und Betroffenheit. Ein "Weiter so" konnte und kann es nach dem Tod von Hannes nicht mehr geben. Er war einer der ihren, umgekommen unter nie restlos aufgeklärten Umständen beim Sturz aus einem fahrenden Zug, offenbar umgeben von Hallenser Anhängern. Es sind Menschen, die vielleicht am kommenden Samstag wieder im Stadion sein werden. Umtrieben von solchen Gedanken kann der Fokus nicht mehr beim Sport liegen.

Vielleicht das letzte Duell für Jahrzehnte

Es ist nicht nur eine völlig logische, sondern eine schlaue Entscheidung der FCM-Fanszene, dem HFC in dessen Stadion aus dem Weg zu gehen. In Halle ist wieder Normalität eingekehrt. Vielleicht nicht alle, aber viele an der Saale haben das Geschehene kritisch aufgearbeitet, soweit es aufzuarbeiten ist. Ein Aufeinandertreffen des harten Kerns beider Szenen könnte schlimme Folgen haben, solange der gefühlte Anspruch auf Rache beim 1. FC Magdeburg nicht abgeklungen ist. Es wird noch einige Jahre dauern, bis das auch beim Letzten der Fall ist. Vielleicht spielt der Fußballclub dann bereits in der Bundesliga, vielleicht wird er Halle über Jahrzehnte nicht begegnen. Vielleicht aber wird das direkte Aufeinandertreffen von Magdeburg und Halle schon 2019 wieder ein Thema – in welcher Spielklasse auch immer.

Zum Glück nicht in Halle aufgestiegen

Keine Lust hat Magdeburg jedenfalls auf den kommenden Samstag. Da heißt es zum letzten Mal: Hoch die A14, vorbei an Schönebeck, Bernburg und dann kommt Halle. Zumindest für die Mannschaft – und für die wenigen Widerstandsfähigen, die auch beim jüngsten Erfolg im Landespokal mitgereist waren. 150, 200 Leute waren es damals im Gästeblock. Es sah nicht nach dem Gästeanhang von Magdeburg, sondern nach dem von Nordhausen, Luckenwalde oder Meuselwitz aus. Zum Glück, sagt sich der FCM heute, hat das mit dem Aufstieg am vergangenen Samstag so gut funktioniert. Kaum auszumalen, hätte man ausgerechnet auf Grund und Boden des Rivalen, der boykottiert wird, die 2. Bundesliga klargemacht. Es wäre wirklich strange, es wäre makaber gewesen. Und mit Sicherheit der unwirtlichste Ort der 3. Liga, an dem der 1. FC Magdeburg eine angemessene Aufstiegsfeier hätte abhalten können.

Kreatives Alternativprogramm

Und was machen die Fans anstatt dessen? Sie veranstalten einen Tag rund um den Verein, an dem insbesondere die Jugendmannschaften im Fokus stehen. So werden an den Trainingsplätzen des künftigen Zweitligisten allerhand Spiele der Youngster besucht. Eine Initiative der Fans erhebt dafür einen symbolischen Eintritt von wenigen Euro, verkauft Getränke und Würstchen – der Erlös kommt der Nachwuchsförderung des Vereins von der Elbe zugute. Was eine gute Autostunde weiter südlich im Erdgas-Sportpark passiert, werden viele FCM-Fans nur über ihre Smartphones mitbekommen. Es kann ihnen eigentlich egal sein, wie es ausgeht. Aber machen wir kein Geheimnis, wo keines ist: Schnappt der FCM den Hallensern sogar die goldene Ananas weg, wird das für diebische Freude sorgen. Selbst bei einem Derby, das keines mehr ist.

   
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