Das erste Zwischenfazit der Saison: Die untere Tabellenhälfte

Kult-Trainer Hans Meyer sagte einmal, dass die Tabelle frühestens nach zehn Spielen aussagekräftig sei. Passend zur Länderspielpause sind in der 3. Liga sogar schon elf Runden gespielt. Grund genug, ein erstes Zwischenfazit zu ziehen. Wer kam gut rein, wer muss sich jetzt erstmal sammeln? Im ersten Teil schauen wir auf die untere Tabellenhälfte.


Lage: Es erscheint ein wenig pietätlos, aber es ist nunmal so, dass auf die erste Trainerentlassung in einer Saison oftmals gewettet werden kann. Allerdings wird sich die Quote für den neutralen Betrachter in der 3. Liga dieses Jahr nicht gelohnt haben. Der zehnte Platz und zwölf Punkte konnten Petr Ruman nicht davor bewahren, seinen Posten bereits nach neun Spieltagen räumen zu müssen. Konstanten beim Transfergiganten (18 Zugänge/17 Abgänge)? Höchstens Torhüter René Vollath oder Offensivspieler Sercan Sararer. Und ein Mittelfeldplatz. Allerdings stellte Türkgücü sowohl gegen Dortmund II (2:1) als auch gegen den 1. FC Magdeburg (0:4) unter Beweis, dass der Kader durchaus über Potenzial für höhere Ambitionen verfügt.

Prognose: Neu-Coach Peter Hyballa wird erfahrungsgemäß nicht viel Zeit bekommen, um aus dem vielfältig zusammengestellten Kader eine Einheit zu formen. Klar ist, dass der TV-Experte der Europameisterschaft 2020 viel Fußballfachwissen mitbringt, aber auch einen exzentrischen Charakter pflegt. Wie so oft kann es bei Türkgücü München in alle Richtungen gehen.

 

Lage: Eigentlich waren die Emsländer schon abgestiegen, aber Rico Schmitt und seine Mannschaft erhielten im Sommer durch den Zwangsabstieg des KFC Uerdingen eine zweite Chance. Nicht viele trauten dem Kader große Sprünge zu, zumal die späte Planungssicherheit nicht viele Transfers zuließ. Doch Meppen hält sich mit großem Zusammenhalt und starkem Teamgeist im Mittelfeld der Tabelle, hat zudem stets Antworten auf Niederlagen parat. Nur einmal gab es zwei Pleiten hintereinander. Ein cleverer Freistoß aus dem Mittelkreis von David Blacha beim 1:0-Sieg in Duisburg zeugt dazu von einem fast schon ungewohnten Selbstverständnis.

Prognose: Meppen bleibt kämpferisch, Meppen bleibt frech. Über diese Tugenden wird Rico Schmitt seine Mannschaft durch die Saison führen, um die persönliche Bilanz von drei (sportlichen) Drittliga-Abstiegen in Folge zu durchbrechen. Aktuell zeigt der Coach, dass er es mit der entsprechenden Vorbereitung kann. Ruhig und sachlich wurde an Stellschrauben gedreht, sodass ein gesicherte Mittelfeldplatz nicht unrealistisch erscheint.

 


Lage: Sieben Mal spielten die Münchener Löwen in dieser Saison bereits 1:1, weswegen das Team von Cheftrainer Michael Köllner schlichtweg nicht vom Fleck kommt. Dazu gab es gegen Zwickau (0:2) die erste Niederlage nach langer Zeit vor eigenem Publikum – und das wird aufgrund von sechs sieglosen Spielen in Serie zunehmend unruhig. Leistungsträger und Verantwortliche stehen in der Kritik, demonstrieren aber Geschlossenheit. Das große 1860-Problem ist dagegen die Abschlussquote, denn abgesehen vom Sieg gegen Viktoria Köln (3:0) gelang in keinem Spiel mehr als ein Treffer. Und das macht durchaus Sorgen, schließlich stellte die Löwen in der vergangenen Saison noch die beste Offensive – mit nahezu identischem Kader.

Prognose: Michael Köllner scheut sich nicht vor Veränderungen. Torschützenkönig Sascha Mölders (erst drei Tore) ist im Sturm nicht mehr gesetzt, dazu nahm der Übungsleiter auch zweifelsohne talentierte Spieler wie Dennis Dressel oder Richard Neudecker aufgrund ihrer Leistungen bereits heraus. Ein Ansporn, wie Mölders zuletzt mit seinem Treffer gegen Viktoria Berlin bewies – und falls der Knoten in der Offensive platzt, haben die Münchener auch wieder gute Chancen, die anvisierten Spitzenplätze zu erreichen – wenngleich der Rückstand auf Platz zwei bereits sieben Punkte beträgt.

 

Lage: Cheftrainer Guerino Capretti hat seine Handschrift bei den Ostwestfalen nicht verändert, sodass es kaum verwundert, dass die Verler – trotz eines großen Umbruchs im Sommer inklusive des Verlusts zahlreicher Leistungsträger – mit 16 Toren das offensivstärkste Team der zweiten Tabellenhälfte bilden. Allerdings musste die Defensive auch schon 19 Gegentreffer schlucken – selbst bei den Spielen gegen Halle (4:4) und Viktoria Berlin (3:3) reichten die eigenen Abschlüsse nicht aus. Verls einzige Siege gegen Würzburg, Köln und Zwickau zeigen aber, dass die Ostwestfalen gerade gegen kriselnde Teams zur Stelle sind.

Prognose: Der SCV muss sich mit bewährten Mitteln neu erfinden. Viel Zeit bleibt der Elf von Capretti jedoch nicht, denn viele formschwächere Gegner bleiben den Ostwestfalen (nur ein Sieg aus den letzten acht Spielen) nicht mehr. Es gilt nun, sich gegen den Trend zu stemmen, um wieder in die Spur zu finden – und das wird angesichts der wechselhaften Ergebnisse alles andere als leicht.

 

Lage: Benjamin Uphoff, Keven Schlotterbeck, Nils Petersen – die Befürchtungen der neutralen Beobachter, dass die U23-Mannschaft mit Bundesliga-Kräften für ungleiche Verhältnisse in der Liga sorgt, gehen zumindest bislang nicht auf. In zwei von drei Fällen, wenn SCF-Coach Thomas Stamm auf die Profis zurückgriff, unterlagen die Freiburger ihrem Gegner. Zu Saisonbeginn kam der Aufsteiger ohnehin schwer in die neue Spielzeit hinein, doch zuletzt konnte sich das Nachwuchsteam stabilisieren. Nur ein Gegentor aus den letzten vier Spielen sprechen eine klare Sprache.

Prognose: Nach dem Aufstieg aus der Regionalliga musste Freiburg II viele personelle Veränderungen verarbeiten, darunter den Abgang von Cheftrainer Christian Preußer. Nachfolger Stamm brauchte Zeit, um die Mannschaft einzuspielen und scheint nun gute Lösungen gefunden zu haben. Das formstärkste Team der zweiten Tabellenhälfte (acht Punkte aus den letzten vier Spielen) wird weiter angreifen.

 

Lage: Bei den Schwänen stand Joe Enochs schon oft auf der Kippe, doch wenn es richtig ernst wurde, dann lieferte der US-Amerikaner mit seiner Mannschaft bisher ab. So auch nach acht sieglosen Spielen zu Saisonbeginn, seitdem gab es gleich acht Punkte aus den letzten vier Partien. Besonders beeindruckend: Gegen formstarke Teams wie Halle (2:2) und Freiburg II (0:0) gab es genauso frische Zähler wie auch gegen favorisierte Mannschaften wie 1860 (2:0) und Osnabrück (1:0). Wieder einmal schlägt Enochs allen Kritikern ein Schnippchen.

Prognose: Zwickau wird weiterhin das machen, wofür der FSV bekannt ist. Dem körperbetonten Spiel mit langen Bällen kommt jedoch zugute, dass sich die Schwäne allmählich von Routinier Ronny König emanzipieren. Dennoch ist der älteste Feldspieler der Liga (38 Jahre) zusammen mit Marco Schikora weiterhin der Top-Torschütze beim FSV (drei Tore). Mit einer guten Balance zwischen Langholz und Finesse kann es für den FSV durchaus weiter hinauf gehen.

 

Lage: Die Zebras sind wieder in der Abstiegszone angekommen, obwohl der MSV ausgerechnet gegen alle drei Zweitliga-Absteiger aus Osnabrück (1:0), Würzburg (2:0) und Braunschweig (3:2) gewonnen hat. Der Auftakt gegen Havelse (3:0) kam zeitlich günstig, sodass der Erfolg noch obligatorisch erschien. Nach einer schwierigen Vorbereitung, die aufgrund einer zweiwöchigen Corona-Quarantäne einen unglücklichen Verlauf nahm, sollte der MSV nach elf Spielen mit der Qualität im Kader eigentlich in der Liga angekommen sein. Dass Cheftrainer Pavel Dotchev in der Länderspielpause nach eigenen Angaben "praktisch bei Null anfangen" muss, erscheint daher kurios – und offen ist immer noch, ob der Rekordtrainer der 3. Liga dazu überhaupt die Gelegenheit bekommt.

Prognose: Top oder Flop beim MSV – das ist die Bilanz der Zebras, die schon vier Partien gewinnen konnten, aber auch bereits sieben Pleiten kassierten. Trotz aller individueller Qualität bringen die Zebras derzeit keine Einheit auf den Platz, was aktuell wenig Anlass zur Hoffnung auf Verbesserung gibt. Zudem scheint derzeit das Tischtuch zwischen Spielern und Fans zerschnitten zu sein, nachdem Abwehrspieler Dominik Schmidt nach Pfiffen im letzten Heimspiel in Tränen ausbrach und Kapitän Moritz Stoppelkamp wild mit Teilen des Publikums diskutierte. Bekommt der MSV keine Konstanz in seine Leistungen, läuft es auf eine weitere Saison im Abstiegskampf hinaus.

 

Lage: Zu Saisonbeginn fehlten Cheftrainer Olaf Janßen etliche Spieler im durchaus gut besetzten Kader. Der Coach griff auf die eigene Jugend zurück und erzielte mit Youssef Amyn oder Niklas May echte Volltreffer. Zwei U19-Spieler können das Ruder bei der Viktoria allerdings nicht alleine herumreißen – es fehlt vor allem ein treffsicherer Stürmer und eine stabile Defensive. Mit 20 Gegentoren grüßt Köln von fast ganz unten. Wenn es läuft, dann derzeit nur über die Außenbahnen, über die zehn von 13 Toren gefallen sind.

Prognose: Albert Bunjaku? Timmy Thiele? Den bisherigen Top-Stürmern der Viktoria fehlt aktuell die Form, um die Kölner aus dem Tabellenkeller zu holen. Youngsters wie Lenn Jastremski oder Nikolaj Möller zünden noch nicht. Obwohl die Viktoria, wenn sie siegte, auch hohe Siege einfuhr (3:1, 4:2), fehlt die Konstanz. Zuletzt war das Team von Janßen jedoch auf einem leichten Formhoch (vier Punkte aus zwei Spielen) – doch das allein wird noch nicht ausreichen, um sich aus dem Keller zu befreien. Vorerst werden die Höhenberger wohl unten hängenbleiben.

 

Lage: Beständigkeit ist nicht die große Stärke am Dallenberg, sodass Cheftrainer Torsten Ziegner und Sportvorstand Sebastian Schuppan am Montag ihre Koffer packen mussten. Nur ein Sieg (2:1 gegen Magdeburg) aus elf Partien waren beim Zweitliga-Absteiger zu wenig, um das Vertrauen in die Verantwortlichen aufrecht zu erhalten. Dabei stand Würzburg hinten meistens sogar stabil – und kassierte nur in drei Partien mehr als einen Gegentreffer (15 insgesamt). Vorne läuft allerdings trotz bester Chancen überhaupt nichts zusammen, gleich siebenmal blieben die Kickers ohne eigenen Treffer. Wenigstens ein Trainingsstreit zeugte zuletzt davon, dass die Offensive um Marvin Pourié überhaupt lebt.

Prognose: Würzburg sucht wieder einmal einen neuen Trainer, doch die Aufgabe wird angesichts des Rückstandes von fünf Punkten auf das rettende Ufer schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison nicht leicht. Wenn, dann aber jetzt – doch der nächste Schuss muss sitzen. Leichte Gegner gibt es für den FWK schon jetzt nicht mehr, und Würzburg läuft akut Gefahr, dass sie sich in die Riege der Zweitliga-Absteiger einreihen, die am Saisonende nach unten durchgereicht worden waren.

 

Lage: Das Profi-Team ohne Fußball-Profis – ein Slogan, der längst ausgedient hat. Denn Havelse ist mittlerweile in der 3. Liga angekommen – auch wenn das 0:6-Debakel gegen den 1. FC Kaiserslautern am Samstag (es war die höchste Heimpleite der Havelser Vereinsgeschichte) wieder etwas anderes vermuten ließ. Doch mit sieben Punkten aus den drei Spielen davor meldete sich das Team von Rüdiger Ziehl nach dem Drittliga-Negativrekord mit sieben Pleiten zum Auftakt in der Liga an – und zwang trotz dreifachen Rückstands mit Viktoria Berlin den Zweitplatzierten in die Knie.

Prognose: Havelse wird bis zum 38. Spieltag der Abstiegskandidat Nummer eins bleiben – davon gehen alle aus. Kann der TSV den letzten Auftritt gegen Lautern schnell ungeschehen machen, dann wird der Aufsteiger womöglich auch bis zu diesem Tag Zeit bekommen, um die Liga zu halten. Dass sich die Niedersachsen allerdings sang- und klanglos verabschieden, scheint inzwischen widerlegt.

   
  • Gittan Schilling

    Ich habe Türkgücü sowohl gegen Dortmund II als auch gegen Magdeburg gesehen. Wo der Autor eine Mannschaft mit zwei Gesichtern gesehen haben will, bleibt mir ein Rätsel. Vielmehr sah ich eine Mannschaft, die selbst gegen die beiden spielerisch stärksten Mannschaften der Liga mit konsequenten Pressing aufwartet und durchweg nach vorn marschiert. Das ist offenbar vom neuen Trainer so gewollt. Das belegen beide Spiele aber auch seine Reaktion auf die Reporterfrage bei der PK nach dem Magdeburg-Spiel, ob es nicht besser gewesen wäre, gegen solchen Gegner sich hinten rein zu stellen. Hyballa meinte sinngemäß, das seine Mannschaft so spielen will wie sie spielt mit Pressing und nach vorn. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, wolle er sich in der Spielweise ein Beispiel an Magdeburg nehmen. Und dass das Montagsspiel ein rassiges war, ist auch Türkgücü zu verdanken. Und das, weil sie genauso so und ebenso stark spielten wie gegen Dortmund II.

    • liga3-online.de

      Danke für die Anregung. Wir haben die Passage umformuliert.

      • Gittan Schilling

        Danke.

    • DM von 1907

      Dass TG München so hoch angelaufen ist, war für mich die falsche Taktik. Für so eine Spielweise braucht man sehr gute Abwehrspieler, und die haben die Münchener nicht. Eine gute Mannschaft wie Magdeburg nutzt dann die entstehenden Räume konsequent aus.

      Und stark hat TG München gestern nur in der ersten Halbzeit gespielt. Die zweiten 45 Minuten gab es einen deutlichen Leistungsabfall.

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