Darmstadt treibt Stadionneubau voran

Sportlich mit guten Chancen auf den Klassenerhalt und finanziell wieder auf gesunden Beinen plant der SV Darmstadt 98 nun seine weitere Zukunft im bezahlten Fußball. Da das Stadion am Böllenfalltor den Ansprüchen einer modernen Fußballarena nicht mehr genügt, wurde nun von der Stadt Darmstadt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die klären soll, wo und wie ein neues Stadion realisiert werden soll.

„Jetzt fahr halt emol weider“

Es ist warm an diesem 28. Mai 2011. „Jetzt fahr halt emol weider“, schimpft ein entnervter Mann in seinem dunklen Volvo und drückt auf die Hupe. Blechlawinen quälen sich gegen 13 Uhr durch die mittlerweile völlig verstopfte Nieder-Ramstädter Straße, der fußballerischen Heimat des SV Darmstadt 98. 17.000 Zuschauer wollen heute dabei sein, wenn der SV Darmstadt 98 nach 18 langen Jahren die Rückkehr in den bezahlten Fußball feiert. Die letzte Hürde am 34. Spieltag heißt: FC Memmingen. Die letzte Hürde ist am Ende allerdings keine. Mit 4:0 schicken wie entfesselnd aufspielende „Lilien“ ihren völlig überforderten Gegner zurück nach Bayern und feiern anschließend mit ihren Fans das große Comeback auf die Bühne des nationalen Fußballs.

Doch in den Siegestaumel mischen sich auch gleichzeitig Fragen. Wie geht es jetzt mit dem traditionsreichen Stadion am Böllenfalltor weiter? Denn spätestens nach dem Aufstieg in die dritte Liga war klar: Die Spielstätte des SV Darmstadt 98 ist nicht mehr zeitgemäß. Eingeweiht im Jahre 1921 und nach dem Krieg mit Trümmern der zerstörten Stadt aufgestockt, rostet und bröckelt es im traditionsreichen Rund an nahezu jeder Ecke. Auch die 1975 ausgebaute Haupttribüne bietet mittlerweile den Komfort einer Wartehalle. Holzbänke und teils bereits gesprungene Schalensitze bescheren den meisten Besuchern eher Rückenschmerzen, denn ein genussvolles Fußballerlebnis.

„Hier wird seit Jahren Geld in einer Bauruine versenkt“

„Ei, des is ewwe unser Bölle“, erklärt mir ein beleibter Mittfünfziger, der die große Blütezeit der „Lilien“ in den siebziger und achtziger Jahren noch hautnah miterlebt hat. Damals spielten die Hessen gar zweimal in der ersten Bundesliga. „Man muss es einfach möge´. Des is halt net so en sterile Betonklotz wie annerswo“. Für viele Anhänger versprüht das weite Rund mit den riesigen Flutlichtmasten noch immer ein ganz eigenes Flair. Und doch gibt es in den eigenen Reihen auch kritische Stimmen. Vor allem der bei den Fans beliebte Präsident Hans Kessler forciert seit geraumer Zeit den Neubau einer multifunktionalen Arena. Für die Nutzung des Stadions am Böllenfalltor sieht Kessler mittelfristig keine Zukunft: „Hier wird seit Jahren Geld in einer Bauruine versenkt“, sagte er beim traditionellen Neujahrsempfang des SV 98 im Januar.

Die Probleme liegen auf der Hand: Das Stadion kostet den Verein mittlerweile mehr, als es einbringt. Die Vermarktungsmöglichkeiten sind begrenzt, es fehlen VIP-Logen, heutzutage ein elementarer Bestandteil zur Generierung von Einnahmen. „Im VIP-Bereich gibt es sicherlich neues Potenzial, da kommt Darmstadt derzeit zu kurz. Hochrangige Geschäftspartner kann man am Böllenfalltor in der jetzigen Form kaum bewirten“, erklärt Arnd Zinnhard vom Hauptsponsor Software AG. Reinhard Geise vom Sportrechtevermarkter Sportfive legt sogar nach: „Der SV 98 ist national eine Marke, die aber in den letzten Jahren nicht richtig gefüttert wurde. Wenn die Infrastruktur nicht stimmt, schwimmt man irgendwann hinterher“.

Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben

Um diese Problematik anzugehen hat nun die Stadt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die klären soll, wie eine neue Arena realisiert werden kann. Zwei Dinge stünden laut Kessler dabei besonders im Fokus: Zum einen die Finanzierbarkeit und zum anderen der Standort der neuen Spielstätte. Darmstadts neuer Oberbürgermeister Jochen Partsch (GRÜNE) hat dem Verein seine Unterstützung trotz leerer Stadtkassen bereits zugesichert: „Wir sind bereit, mit reinzugehen. Das haben auch andere Städte hinbekommen, warum nicht auch Darmstadt“, so der OB. Bis zum Ende des Jahres sollen erste Ergebnisse der Studie vorliegen, hofft Kessler.

Im Gespräch steht neben einem kompletten Neubau am derzeitigen Standort, den der Lilienpräsident  respektvoll als „Kultstätte“ bezeichnet, unter anderem auch das riesige Gelände in der Eschollbrücker Straße. Dort waren bis vor wenigen Jahren noch US-amerikanische Streitkräfte stationiert. Ein Neubau an dieser Stelle böte den Fans gute Anbindungsmöglichkeiten an Bahnhof und Autobahn. Dies könnte zumindest das Problem der Zufahrtswege lösen, die am derzeitigen Standort bei größeren Zuschauermassen kaum mehr in den Griff zu bekommen sind.

„Jetzt fahr halt emol weider“

Das Spiel gegen Memmingen ist vorüber. Diejenigen, die nicht im Stadion weiterfeiern, machen sich auf den Weg nach Hause oder in die Innenstadt, wo an diesem Wochenende das alljährliche Schlossgrabenfest, eines der größten Open-Air Musikfestivals in Deutschland, stattfindet. Natürlich wird wieder gehupt und geschimpft, die Blechlawine quält sich durch die Straße – diesmal in die andere Richtung. Ein Pärchen aus Memmingen kommt mir lachend entgegen. Sie haben ihren Ausflug nach Darmstadt trotz der Niederlage ihrer Mannschaft genossen und lassen diesen nun auf dem Schlossgrabenfest ausklingen. „Wir nehmen dafür aber die Straßenbahn. Das ist doch viel entspannter“, lacht die Frau. Recht hat sie, während es hinter mir hupt und eine Stimme ruft: „Jetzt fahr halt emol weider“.

FOTO: Frank Leber

   

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