Castelle im Interview: "Wir bekommen schon mit, dass …"
Wer bei Tabellenführer Viktoria Köln nach Niklas fragt, stößt auf mehr als zwei Ohren. Niklas Swider? Niklas Jahn? Oder doch der Niklas mit dem Straßenfußball-Gen? Auf dem Platz genauso unverwechselbar wie unberechenbar für seine Gegenspieler, spricht Niklas Castelle im Interview mit liga3-online.de über "Der hat doch seinen Bruder geschickt"-Witze, Leitplanken für sein Spiel sowie das kommende Spitzenspiel gegen den 1. FC Saarbrücken.
"Habe nie daran gezweifelt"
liga3-online.de: Vom Joker zum Schwungrad für die beste Offensive der 3. Liga: Können Sie verstehen, wenn – vor allem im Aachener Umfeld – Witze die Runde machen, dass ein ähnlich aussehender Zwillingsbruder jetzt im Viktoria-Trikot rasiert, Herr Castelle?
Niklas Castelle: Diese Gags sind auch schon bei mir angekommen (schmunzelt). Da mein zwei Jahre älterer Bruder Tim tatsächlich Fußball spielt und durchaus höher spielen könnte (aktuell Landesliga; d. Red.), wenn seine Prioritäten nicht anders verteilt wären, bekommt das noch mal einen lustigen Drive. Zu meiner Situation kann ich nur sagen: Ich selbst habe nie daran gezweifelt, wieder auf dieses Level in der 3. Liga zu kommen. Das Umfeld der Viktoria passt zu mir und macht – nicht nur auf meine Person bezogen – Spieler stark.
Zur ganzen Wahrheit gehört, dass es in Aachen schlichtweg kein Vorbeikommen am 49-Tore-Duo Mika Schroers und Lars Gindorf gab. Warum war – im Zuge des sich abzeichnenden Abgangs von Gindorf (jetzt Hannover 96) – nicht zumindest ein "Proof-it"-Jahr möglich?
Ich war vom SSV Ulm ausgeliehen. Die Alemannia wollte sich mit Blick auf 2026/27 viele Optionen offenhalten. Ohne zu wissen, wie es bei möglichen Abgängen aussieht, gab es auch noch einmal finale Gespräche. Diese waren aber eher von 'Ja, wenn und vielleicht' geprägt.
Stattdessen ging es zurück zum SSV Ulm, wo Ihr Vertrag durch den Abstieg in die Regionalliga Südwest seine Gültigkeit verloren hatte und sich die Anfragen nicht gerade gestapelt haben dürften, oder?
Ja, so ehrlich kann ich an dieser Stelle sein. Dafür war mein persönliches Jahr auch zu verkorkst, die Vertragssituation in Ulm kompliziert. Bis zum endgültigen Abschied dort war es ein Hin und Her. Teils wurde mir auch nachgesagt, nicht die körperliche Fitness für eine Rolle mit vielen Spielen am Stück mitzubringen. Frühzeitig signalisierte aber mit Viktoria Köln ein Drittligist echtes Interesse.
Zweifel ausräumen mussten Sie am Höhenberg also weniger, dafür gab es eventuell ein Chaos um Vor- und Spitznamen!
Ja, wir standen dann beim Training plötzlich zu dritt als Niklas da. In der Kabine nutzen wir 'Niki' für Niklas Jahn und 'Swidi' für Niklas Swider. Bei mir lief es etwas komplizierter, da 'Castello' den Jungs offenbar schon zu lang war (lächelt). Als Hommage an meinen Vater haben wir uns dann auf 'Ello' geeinigt.
Profitiert der Straßenfußballer Niklas Castelle mehr vom System und den Freiheiten unter Marian Wilhelm – oder profitiert der Viktoria-Architekt von der Unberechenbarkeit Ihres Spiels?
Fiese Frage, das geht im Viktoria-System eher Hand in Hand. Wenn ich den Ball am Fuß habe, spiele ich oft nach Gefühl und reagiere instinktiv auf Situationen, die sich bieten. Wenn du nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gespielt hast, gibt es auch keine festen Abläufe, die dir eingetrichtert wurden. Auch unter Coach Marian Wilhelm sind es jetzt eher taktische Leitplanken. Vor allem aber hilft es mir für mein eigenes Spiel, viele Jungs um mich herum zu haben, die der gleichen fußballerischen Idee folgen.
"Könnte ein offener Schlagabtausch"
Hinter der Viktoria liegt ein goldener Oktober mit elf von 15 möglichen Punkten sowie dem Sprung an die Tabellenspitze. Wirkt das Team gefestigt für das, was im November – sowohl auf dem Platz als auch medial – auf euch einprasselt?
Wir bekommen durchaus mit, dass mehr über die Viktoria gesprochen wird und auch Marian Wilhelm appreciated wird. Die Klarheit in der Kabine beziehungsweise in den Köpfen ist jedoch immer gegeben. Sobald ein Team uns taktisch challengen kann und mit einem bestimmten Pressing-Ansatz Erfolg hat, dürfte das schnell als taktische Schablone gegen uns benutzt werden. An der Viktoria-DNA ändert das aber genauso wenig wie der Tabellenplatz.
Besagte Viktoria-DNA macht selbst unscheinbar aussehende Siege wie den in Hoffenheim (1:0) zu einem Spektakel. Was erwarten Sie gegen Saarbrücken am Freitag?
Das wird alleine aufgrund der Konstellation in der Tabelle sicherlich ein echtes Spitzenspiel. Saarbrücken kommt seinerseits mit einer starken Offensivreihe. Es könnte also ein offener Schlagabtausch unter Flutlicht werden. Dass wir derart wilde Spiele über die Ziellinie bringen können, haben wir schon bewiesen. Das liegt auch am Impact unserer Joker von der Bank.
Und dann wäre da – passend zwischen Spitzenspiel gegen Saarbrücken und Mittelrheinpokal – noch der in Köln als Feiertag geltende 11. November!
Für mich als Münsterländer ist die Sessionseröffnung in Köln eine Premiere. Ich bin gespannt, ob und in welchen Kostümen die Jungs dann hier auftanzen. Es haben sich auch ein paar Freunde für den 11.11. in Köln angesagt, wobei ich eher der entspannte Party-Typ bin. Gerade im Hinblick auf das Pokalspiel einen Tag später hoffe ich doch, dass alle Vernunft walten lassen.
Viel scheint zur Glückseligkeit in Ihrem Fußballer-Leben derzeit nicht zu fehlen. Eventuell eine Prise "Viktoria-Fußball" für Ihren Herzensclub in der Bundesliga?
Ein sehr emotionales Thema. Ich bin seit meiner Kindheit großer Schalke-Fan und durfte mir dort als U23-Spieler in der Saison 2023/24 mit einem Kurzeinsatz vor 60.000 Zuschauern in der Arena einen Lebenstraum erfüllen. Danach hätte ich gefühlt meine Karriere gefühlt beenden können. Ich glaube an die Verantwortlichen, die den Klub aus einer schweren Zeit gerettet haben. Aber verkehrt wäre es mit Blick auf die aktuelle Torausbeute in der Bundesliga nicht, wenn sie mal in Höhenberg zuschauen (zwinkert).