Ertrag stimmt, Leistung noch nicht: Wo Preußen noch nachlegen muss
Die Adlerträger atmen durch: Die Rückkehr in die 3. Liga ist irgendwie geglückt, die Ergebnisse stimmen. Mit den bisherigen Leistungen, das ist jedem im Lager von Preußen Münster klar, wird aber es noch einige Niederlagen geben. Was Hoffnung macht und wo derzeit der größte Handlungsbedarf ist.
Noch viel Wackliges
Vier Punkte aus zwei Spielen, was gibt es da schon zu meckern? Preußen Münster ist angekommen in der 3. Liga, hat mit Wiesbaden und Ingolstadt zwei traditionell unangenehme Aufgaben hinter sich und die Ergebnisse stimmen. Während bei Mitabsteiger Fortuna Düsseldorf bereits die große Hektik vor der Tür steht und über Spieler und Trainer diskutiert wird, ist Münster eine Oase der Ruhe. Doch wer die beiden Punktspiele der jungen Saison näher betrachtete, der sah auch noch viel Wackliges, viele Abläufe, die nicht richtig harmonierten. "Hätte man auch verlieren können" – so klang das Fazit sowohl nach dem 3:1-Auswärtssieg beim SVWW als auch nach dem 1:1 daheim gegen die Donaustädter, wo Preußen 45 Minuten lang im eigenen Stadion eindeutig das Nachsehen hatte.
"Zwei unterschiedliche Halbzeiten", so fasste es Trainer Thomas Wörle nach seinem Heimspiel-Debüt am vergangenen Samstag zusammen. Ein griffiger Gegner, offenkundig gut eingestellt von seiner Amtskollegin Sabrina Wittmann, hatte viel zu ungestört über die Flügel kombinieren und nach Flanken immer wieder in verlassene Preußen-Rückräume eindringen dürfen. Große Abstände zum Gegner, eine schwache Kommunikation innerhalb der Defensivreihe, ein auseinandergezogenes Mittelfeld: Der FCI füllte die Speicherkarte für das nächste schwarz-weiß-grüne Videostudium in Rekordzeit und erzielte – zum Glück aus Sicht der Adlerträger – aus all den entstehenden Situation nur einen Treffer. "Für uns war klar, dass wir in der zweiten Halbzeit eine Leistungssteigerung brauchten, und die haben wir gezeigt", sagte Wörle.
Wörles Notoperation an der Dreierkette
Was auch daran lag, dass er seine Dreierkette einer Notoperation im Eilverfahren unterzog. Zwei Innenverteidiger durften zur Pause duschen: Die Neuzugänge Tim Dietrich und Lucas Zeller mussten anschließend mitansehen, wie der zweitliga-erfahrene Torge Paetow und Antonio Tikvic viel mehr Souveränität ausstrahlten und die umtriebige Ingolstädter Offensive um Ex-Preußen Lars Lokotsch sowie Obed Ugondu an die kurze Leine nahmen. Gerade der 22-jährige Tikvic, im Vorjahressommer für eine stattliche sechsstellige Summe aus Watford verpflichtet und mit einem Kreuzbandriss für fast ein Jahr außer Gefecht, empfahl sich nachdrücklich für weitere Einsätze.
Um die müssen auch weitere Akteure kämpfen: Louis Kolbe im rechten Mittelfeld, Wesley Adeh und Rico Preißinger in der Zentrale, Felix Higl ganz vorne – es kamen doch einige Münsteraner zusammen, die kaum gelungene Aktionen verzeichneten. Den Preußen kommt hier der Konkurrenzkampf im Kader zugute: Eigene Nachwuchsspieler wie Marvin Schulz II, Mikail Demirhan und Leon Tasov kämpfen um die offensiven Tickets, aktuell verletzte Routiniers wie Joshua Mees und Marvin Schulz werden bald zurückerwartet. Schweden-Stürmer Oscar Vilhelmsson kam nach endloser muskulärer Verletzungsgeschichte immerhin zu einem Kurzeinsatz und deutete mindestens seine auffällige Sprungkraft wieder an, der kürzlich von 1860 München verpflichtete Samuel Althaus feierte am Samstag ein kurzes Debüt. Parallel beobachtet man den Transfermarkt opportunistisch mit Blick auf die wahrscheinlichsten Baustellen – zuverlässige Torjäger und stabile Schienenspieler.
Neue Fankurve beflügelt, aber macht auch nervös
Trotz vier erzielten Toren bleibt der eigene Ballbesitz die Problemzone. Ein erzwungener Torwartfehler, ein Strafstoß, ein Konter in der Nachspielzeit und ein Sololauf des Hoffnungsträgers Ryan Johansson – so fielen die Treffer. Ein Tor aus dem eigenen Spielaufbau heraus erzielten die Münsteraner in 180 Minuten bis dato nicht, das Selbstvertrauen für mutige Spielzüge mit hohem Passtempo ist kaum ausgeprägt. "Wir können besser spielen", analysierte Johansson im Vereins-TV, "haben zu viele Ballverluste, müssen in die Abläufe kommen. Aber das kommt noch." Überhaupt scheint den Preußen derzeit jede weitere Trainingswoche gutzutun, sich als runderneuerte Mannschaft zu finden – immerhin sieben Sommerneuzugänge standen gegen Ingolstadt in der Startelf.
Hoffnung macht nicht nur der Faktor Zeit, sondern auch das neue Herzstück des im Umbau befindlichen LVM-Preußenstadions. Mit knapp 7.000 Zuschauern wurde die "Fiffi-Gerritzen-Kurve" nicht nur feierlich eröffnet, sondern direkt lautstark bezogen. "Vor so vielen Fans habe ich noch nie gespielt", bekannte Johansson, auch Preißinger sprach vor einer "Wahnsinnskulisse". Dank mundloch-freier Bauweise wirkte die Stehtribüne, die nach Vollendung des letzten Bauabschnittes sogar fast 9.000 Preußenfans aufnehmen wird, bereits wie eine schwarz-weiß-grüne Wand – und sorgte wohl nicht nur Johansson für plötzliche "Nervosität", wie der 25-Jährige anschließend verriet.
Pokalduell mit dem KSC wartet
Weil Preußen Münster spürbar noch einige Zeit zur Bestform benötigen wird, kämen lange Trainingswochen genau richtig. Doch aufgrund der DFB-Pokalteilnahme ist ihnen dies nicht vergönnt: Freitagabend reist der Karlsruher SC an die Hammer Straße, ein Spiel, in dem sich der kompakte Ansatz von Trainer Wörle erneut auszahlen könnte. Was für die meisten der knapp 14.000 Zuschauer, die derzeit ins Preußenstadion passen, definitiv überfällig wäre, ist ein Heimsieg: Seit 13 (!) Partien und fast zehn Monaten wartet der SCP auf einen Erfolg. Ein solcher am Freitag wäre mehrere Hunderttausend Euro wert.