Lok Coach Seitz: "Havelse-Drama darf sich nicht wiederholen“
Titelverteidigung statt Übergangsjahr, Déjà-vu statt Downfall?! Jochen Seitz hat den Regionalliga-Nordost-Meister Lok Leipzig abermals an die Schwelle zur 3. Liga geführt. Über die dramatische Relegationshistorie der Sachsen, die Unterschiede zwischen der Nordost- und Bayern-Staffel sowie ein Aufstiegs-Accessoire spricht der Unterfranke im Interview mit liga3-online.de.
liga3-online.de: Herzlichen Glückwunsch zum Titel in der Regionalliga Nordost. Im Vorjahr hatte – wie Sie in einem früheren Interview erklärten – niemand mit Lok Leipzig gerechnet, jetzt steht die Titelverteidigung. Welche Meistersaison hat sich emotionaler angefühlt, Herr Seitz?
"Die vielleicht feuchtfröhlichste Pressekonferenz meines Lebens"
Jochen Seitz: Die jetzige Saison beziehungsweise Meisterschaft schlägt auf der Emotionsskala schon noch mal höher aus. Das liegt vor allem an der Rückrunde, in der wir immer mal wieder Punkte gelassen haben und – in Form von Verletzungen oder Schiedsrichterentscheidungen – schlicht viel gegen uns lief. Das typische Spiegelbild davon und den Umgang dieser Mannschaft mit Rückschlägen konnte dann jeder beim Saisonfinale sehen – eine pure Willensleistung!
Unseren Beobachtungen nach hat auch die Anzahl der Bierduschen, die Sie über sich ergehen lassen mussten, zugenommen!
Stimmt. Erst auf dem Rasen, dann folgte die vielleicht feuchtfröhlichste Pressekonferenz meines Lebens (lächelt). Am Ende war ich zwar froh, aus den nassen Klamotten rauszukommen, aber ich war und möchte auch der Trainertyp bleiben, der seinen Jungs etwas gönnt, wenn sie so performen.
Entsprechend hatten Sie sogar einen Freifahrtschein ("Zwei, drei Tage die Sau rauslassen") ausgestellt. Was hat der Trainer selbst in dieser Zeit getrieben?
Am ersten Abend, als wir die Kabinenparty dann in die Leipziger Innenstadt verlegt hatten, war ich selbst mit Elan dabei. Danach ging es für zwei Tage in die Heimat nach Großwallstadt, um die Eindrücke zu verarbeiten und auch mal abzuschalten.
Nicht selten erleben Teams nach einer verlorenen Relegation einen mentalen Downfall und brauchen eine Art Übergangssaison. Hätten Sie heute vor einem Jahr gedacht, jetzt wieder an der Schwelle zur 3. Liga zu stehen?
Absehbar war das alles nicht, was hier in den letzten zwölf Monaten passiert ist. Gerade mit Blick auf den letztjährigen Kader und die Altersstruktur: Viele haben es nie in die 3. Liga geschafft und wurden davon angetrieben, jetzt mit Lok Leipzig die Aufstiegschance beim Schopfe zu packen. Nach der verlorenen Relegation brauchten wir dann frischen Wind und mussten auch mit vielen Einzel- und Gruppengesprächen gegensteuern.
"Müssen die Intensität klug steuern"
In diese Reihe fällt auch Ihr Kapitän Djamal Ziane, der im Alter von 34 Jahren nunmehr den dritten Anlauf über die Relegation nimmt. Herrscht ein Now-or-Never-Vibe in der Kabine?
Großartig anders dürfte der Vibe bei unserem Gegner aus Würzburg wohl auch nicht sein. Aber davon ab: Lok Leipzig hat es jetzt zwei Jahre in Folge geschafft, Teams mit größerem Etat hinter sich zu lassen, stand zweimal in der Relegation und ist – ohne ein einziges Spiel nach 90 Minuten zu verlieren – immer noch Regionalligist. Ich denke oft daran, wie wir in der Verlängerung gegen Havelse (0:3, Anm. d. Red.) unter die Räder gekommen sind. Wir werden als Team alles daran setzen, dass sich das Ganze nicht ein drittes Mal wiederholt.
Dass – im Fall der Fälle – diesmal der Relegationsgegner Würzburger Kickers heißen würde, ist durch den Verzicht anderer Teams aus der Bayern-Staffel seit April klar. Wie groß wiegt der Vorteil?
Tatsächlich empfinde ich das nicht als großen Pluspunkt. Unser Zweikampf mit Carl Zeiss Jena um den Titel war viel zu eng, um sich schon vorab mit Teams fernab unserer Nordost-Staffel beschäftigen zu können. Ich nutze das bayerische Landespokalfinale zum intensiven Scouting und stelle das Team auf 50:50-Spiele gegen die Kickers ein.
Glücklicherweise kennen Sie die Regionalliga Bayern aus Ihrer langjährigen Zeit bei Viktoria Aschaffenburg aus dem Effeff. Wie unterscheiden sich die Staffeln?
In der Strahlkraft der Klubs sehe ich größere Unterschiede als bei fußballerischen Ansätzen oder Elementen. Identifikation spielt für viele im Osten eben eine große Rolle und führt zu annähernd fünfstelligen Kulissen wie bei unserem Saisonfinale gegen den 1. FC Magdeburg II. Wenn wir die Spitzengruppe vergleichen, sind hier sechs, sieben oder acht Teams etwa auf einem Level, während in der Bayern-Staffel hinter Nürnberg, Würzburg und Unterhaching diese Breite und Balance schon an Grenzen stoßen.
So emotional das Herzschlagfinale und die Titelverteidigung waren, so groß scheint jetzt die Gefahr eines Spannungsabfalls bis zum Hinspiel am 28. Mai im heimischen Bruno-Plache-Stadion!
Wir müssen zehn Tage überbrücken und die Intensität klug steuern, nachdem die Mannschaft bis Dienstag frei hatte. Zunächst geht es jetzt darum, in den Alltag zurückzufinden, und es schadet auch nicht, in den ersten Einheiten den Spaßfaktor zu erhalten. Dann arbeiten wir am Wochenende den Matchplan für Würzburg aus.
Präparieren Sie sich – für mögliche weitere Bierduschen – vielleicht mit der "Meister-Brille" von Tobias Dombrowa?
Puh, die habe ich seit dem Wochenende nicht mehr gesehen. Mal sehen, ob ich sie mir bis zur Relegation organisieren und damit meine Augen schützen kann. Aber ob die Mannschaft sie mir überlassen würde, ist eine andere Frage (schmunzelt).