Zwischenfazit Rostock: Punktuelle Missstände bremsen die Kogge

Ein Drittel der Saison 2013/2014 ist bereits absolviert. Grund genug, die 20 Drittligisten in einem Zwischenfazit unter die Lupe zu nehmen. Heute: Der F.C. Hansa Rostock. Das Team aus Mecklenburg-Vorpommern holte aus den ersten zwölf Partien 15 Punkte, liegt aktuell auf Rang 14 und hat sechs Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, bei gleichsam ebenfalls sechs Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz 3. Nach einem starken Start mit drei Siegen und einem Unentschieden gelangen aus den vergangenen acht Partien nur noch ein Sieg und zwei Unentschieden. Im Folgenden schaut sich liga3-online.de die bisherige Saison von Hansa Rostock einmal genauer an.

Das lief bisher gut: Die Stimmung im Verein

Bereits zum Saisonbeginn lobten einzelne Spieler der immerhin 14-köpfigen Gruppe von Neuzugängen das überragende Klima im Verein und in der Mannschaft. Bemerkenswert, weil der F.C. Hansa seinen dritten Umbruch im vierten Jahr vollzog. So wurden alleine durch die gute Stimmung im Team Erinnerung an die Aufstiegssaison 10/11 wach, als der F.C.H. ebenfalls 14 Spieler neuverpflichtete und diese sofort gemeinsam ein Wir-Gefühl entwickelten. Auch nach den zuletzt grob durchwachsenen Spielen hielt die Mannschaft als Einheit zusammen. Ähnliches gilt vom Trainerteam bis zur Chefetage. Man bemüht sich redlich, an einem Strang zu ziehen. Kritik, wie zuletzt durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Abrokat, wird kollektiv geäußert und unterstützt, auch von Trainer Andreas Bergmann. Auch die Kommunikation mit den Mitgliedern und Fans des Vereins hat sich seit der vergangenen Mitgliederversammlung im November 2012 erheblich gebessert.

Die Spielkultur

Trainer Andreas Bergmann trainierte der Mannschaft seit seinem Amtsantritt eine ballbesitzorientierte Spielweise an, die auch darauf abzielt, defensive Balleroberungen spielerisch zu erzwingen und gleichsam spielerisch zu verwerten. Unmotiviertes „Ball aus der Gefahrenzone dreschen“ war selbst im 0:6-Debakel gegen Darmstadt nicht zu erkennen, auch wenn man sich an diesem Tag mit besagter Variante wohl 2-3 Gegentore erspart hätte. Nichtsdestotrotz ist das Spiel der Hanseaten deutlich ansehnlicher geworden, auch das Erspielen von Torchancen funktioniert besser als bei vielen anderen Teams der Liga. Lediglich die Abschlussschwäche verhindert meist, dass aus dem schönen Spiel auch ein erfolgreiches wird.

Das lief bisher nicht gut

Die Balance

Die fehlende Balance ist das schwerwiegendste und deutlichste Problem der Kogge in der laufenden Saison. Dabei bezieht sich dieser Missstand auf verschiedenste Ebenen. In der Kaderzusammenstellung äußert sich die fehlende Balance darin, dass man der Vielseitigkeit und dem erwähnten schönen Spiel die Fachspezifik opferte. Konkret sah man das am Ausfall von Milorad Pekovic (und wohlgemerkt auch Ken Leemans) und an den Außenverteidigern. Tommy Grupe bot als umgeschulter Sechser  längst keine solche Stabilität wie die beiden Routiniers, Alex Mendy und Shervin Radjabali-Fardi haben zwar Offensivqualitäten, die im geordneten Spielaufbau von Bedeutung sind, müssen sich in der Defensive aber immer wieder von ihren Innenverteidigern helfen lassen. Die Mannschaft besitzt nach dem Abgang von Rick Geenen keinen gelernten Rechtsverteidiger. Auch auf der Trainerbank zeigt sich nach den ersten Spieltagen und dem ersten Tief ein Problem in der Balance. Andreas Bergmann wirkte vor allem nach der Niederlage in Darmstadt etwas ratlos, während Andreas Reinke keine Co-Trainer-Qualitäten zu besitzen scheint. Die Entscheidung, auf einen Co-Trainer zu verzichten sollte hier in der Winterpause dringend überdacht werden, allein schon, um Bergmann eine kontroverse Stimme zur Seite zu stellen, an der er sich im Zweifelsfall auch reiben kann. Das Dreiergestirn Bergmann-Reinke-Vester wirkte zuletzt etwas zu harmonisch.

Die Torhüterposition

Wenn es nach der Ausstrahlung gehen würde, hätte Hansa wohl die stärksten Torhüter der Liga. Johannes Brinkies und Jörg Hahnel sind Frohnaturen und strahlen das auch auf ihre Teamkameraden aus. Allerdings zeigen beide klare Defizite im Torwartspiel. Brinkies offenbart zwar regelmäßig starke Reflexe, leistete sich aber vermehrt folgenschwere Flugstunden durch den Strafraum, die der Kogge so auch das eine oder andere Gegentor bescherten. Hahnel verpatzte bereits am ersten Spieltag seinen Stammplatz zwischen den Rostocker Torpfosten und fristet seit dem sein gewohntes Dasein auf der Bank. Die Torhüterposition ist der vielleicht größte Schwachpunkt der Hanseaten und auch Jungtalent Fabian Künnemann ist noch zu grün hinter den Ohren um diesen Missstand zu beheben.

Bewertung der Neuzugänge

Steven Ruprecht

Der sympathische Berliner wechselte ablösefrei aus Halle an die Ostsee und mauserte sich zum Abwehrchef der Rostocker. Ruprecht ist ein starker Innenverteidiger, leistet sich aber immer wieder Aussetzer, wie das nicht geahndete Handspiel in Chemnitz oder den verlorenen Zweikampf in Darmstadt, der zum 0:6-Endstand führte. Klarer Pluspunkt für den 26-Jährigen: Er besitzt Courage, stellte sich nach dem Darmstadtspiel minutenlang den Fans, während die meisten seiner Kollegen schon in der Kabine verschwunden waren.

Halil Savran

Wie Ruprecht gehört Savran zu den Spielern im Team, die den Mund aufmachen, wenn es Probleme gibt. Er ackert unermüdlich in der gegnerischen Hälfte und ist sich auch für die eine oder andere Frechheit nah an der Grenze des Fouls nicht zu schade, was die Gegner zur Weißglut treibt. Seine Torgefahr von einst scheint dem 28-Jährigen aber noch etwas zu fehlen.

Nikolaos Ioannidis

Wenn er in der DKB-Arena trifft, erklingt der Sirtaki und er peitscht die Fans zum „AHU“, aus dem an die griechische Geschichte angelehnten Film „300“, an. Nikolaos Ioannidis, die 19-jährige Leihgabe aus Piräus ist vielleicht DIE Entdeckung der Rostocker Mannschaft in der Hinrunde. Sein Spielverständnis und seine Technik sind überdurchschnittlich, zudem besitzt er vor dem Tor eine überragende Kaltschnäuzigkeit. Vier Tore erzielte er bisher in neun Spielen, von denen er viermal eingewechselt wurde. Abgesehen von Andreas Bergmann ist ganz Rostock im „Zeus“-Fieber, der Trainer mahnt zur Ruhe und gibt dem Griechen immer wieder Denkpausen auf der Bank. Ob er ihn damit positiv oder negativ reizt wird die Saison noch zeigen.

Bester bisheriger Spieler: Milorad Pekovic

Nicht Ioannidis, nicht Haas, nicht Blacha: Milorad Pekovic ist der wertvollste Spieler im Kader der Hanseaten. Seitdem der montenegrinische Nationalspieler verletzt ist, läuft es für Hansa schlecht, läuft es auch für die drei Überraschungsspieler der bisherigen Saison schlecht. Haas kommt ohne „Pekos“ Rückendeckung nicht zur Entfaltung, Ioannidis und Blacha fehlen die Zuspiele, sowohl vom überforderten Haas, als auch von Pekovic. Das Problem: Der 36-Jährige will unbedingt zur WM 2014 und sowohl er als auch der Verein scheinen dieses Ziel als Priorität zu sehen bzw. im Falle des F.C. Hansa auch zu akzeptieren. Leider ist seine Verletzungsanfälligkeit hinderlich dafür, dass Pekovic  sowohl im Nationalteam als auch im Dress der Hanseaten Vollgas geben kann. Die Lösung könnte die Rückkehr von Ken Leemans sein, allerdings ist fraglich, ob der Belgier einen Schlüsselspieler wie Pekovic  eins zu eins ersetzen können wird.

Eher enttäuschend: Mustafa Kucukovic

Was Andreas Bergmann geritten hat, den formstarken Ioannidis in Darmstadt 90 Minuten auf der Ersatzbank versauern und stattdessen den schwammig wirkenden, unaustrainierten Mustafa Kucukovic spielen zu lassen, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Fakt ist, dass Kucukovic zwar beim Coach einen vorzüglichen Ruf genießt, diesen aber im Trikot der Hanseaten noch zu keiner Sekunde nachweisen konnte. Die Chance, die Bergmann ihm förmlich schenkte, trat der Deutsch-Bosnier nach nur wenigen Minuten mit einem Foul und anschließendem Platzverweis in die Tonne. Es ist unsicher, ob er hinter Johan Plat, Halil Savran und Nikolaos Ionannidis noch eine Chance bekommen wird.

Fazit

Die Grundlagen stehen im Spiel der Rostocker, doch allein die Feinabstimmung scheint nicht ausreichend zu sein, um die Kogge vom erneuten Negativkurs abbringen zu können. Viel mehr erscheint es, als gäbe es punktuelle Missstände, wie die schwach besetzten Torhüter- und Außenverteidigerpositionen. Zudem ist nach der Reihe schlechter Ergebnisse die Luft etwas raus aus der Mannschaft, auch, weil niemand nach dem guten Auftakt mit einem solchen Einbruch gerechnet hatte. Es muss etwas passieren in den Reihen der Hanseaten und es ist fraglich, ob Andreas Bergmann allein mit seiner Philosophie und seiner Ruhe den Funken überspringen lassen kann. Ein Gegenpart zu ihm wäre notwendig, möglichst auf der Co-Trainer-Position.

Ausblick

Es ist schwer einen Ausblick auf die weitere Rostocker Saison vorauszuahnen. Theoretisch müsste die Kogge mindestens im sicheren Mittelfeld landen, aber aktuell kann niemand sagen, wo die Reise nach den letzten Spielen hin geht. Zu viele Fragezeichen belasten den Traditionsverein von der Ostsee, zudem wird es interessant zu sehen, wie die Mannschaft das kreative Kombinationsspiel auf den winterlichen „Äckern“ der 3. Liga umsetzen wird. Schlüsselspiele werden die Auswärtspartien gegen die Stuttgarter Kickers und Wacker Burghausen, sowie das Traditionsduell gegen den Halleschen FC. Hier sind Siege eigentlich Pflicht und wenn diese Errungen werden, dürfte der F.C. Hansa bis zur Winterpause in ruhigen Gewässern schippern.

 

FOTO: Sebastian Ahrens / rostock-fotos.de 

   
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