Wie geht es weiter? Fragen und Antworten zur Türkgücü-Insolvenz

Es hatte sich angedeutet, am Montag wurde es Realität: Türkgücü München ist insolvent. Das ehrgeizige Projekt, innerhalb weniger Jahre aus der Landesliga in die 2. Bundesliga aufzusteigen, ist vorerst gescheitert. Wie geht es nun weiter? liga3-online.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Hintergründe & Folgen

Was ist der Grund für den Antrag auf Insolvenz?

In einer Mitteilung gibt der Klub an, dass im Zuge der Nachlizenzierung "ein für die weitere Planung der Spielzeit 2021/22 erforderlicher Finanzbedarf festgestellt" worden sei, der durch "Gesellschaftermittel hätte ausgeglichen werden sollen". Doch nachdem "zunächst zugesagte Gesellschaftermittel nicht flossen", sei der Schritt des Antrages auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens "unumgänglich" gewesen. Im Klartext: Investor Hasan Kivran, der 2015 eingestiegen war und den Klub auf direktem Wege von der Landesliga in die 3. Liga geführt hatte, war nicht bereit, die notwendigen Zahlungen zu tätigen. Dem Vernehmen nach soll eine Summe von zwei Millionen Euro notwendig gewesen sein.

Bereits vor etwas mehr als einem Jahr stand Türkgücü vor dem Aus, nachdem Kivran seinen Rückzug angekündigt hatte, es sich nach vier Wochen aber doch nochmal anders überlegte. Nun scheint der 55-Jährige endgültig die Lust verloren zu haben.

Wie kam es zu den finanziellen Problemen bei Türkgücü?

Die Gründe für die finanzielle Schieflage sind vielfältig: Zum einen fehlt dem Klub ein Haupt- und Trikotsponsor, zum anderen haben die Geisterspiele der letzten Wochen und in der vergangenen Saison ein Loch in die Kassen gerissen – auch, wenn Türkgücü über keine allzu große Fanbase verfügt. Doch allein das Stadtduell gegen 1860 München hätte wohl mindestens 20.000 Zuschauer angelockt. Wenn auch hauptsächlich Löwen-Fans.

Um neues Kapital zu generieren, hatte Türkgücü im vergangenen August angekündigt, an die Börse gehen zu wollen. Sieben Wochen lang konnten 666.666 Aktien zum Preis von je zwölf Euro gekauft werden, was dem Klub rund acht Millionen Euro eingebracht hätte. Doch offenbar wurde das Ziel deutlich verfehlt, sodass Türkgücü den Börsengang ohne weitere Stellungnahme vertagt hat.

Darüber hinaus soll nach "Bild"-Angaben zuletzt zweimal der Versuch gescheitert sein, neue Investoren zu gewinnen. Auch die wenig attraktive sportliche Bilanz sorgte offenbar dafür, dass potenzielle Investoren absprangen. Die finanziellen Probleme führten zuletzt dazu, dass die Januar-Gehälter offenbar noch nicht gezahlt worden sind und die Mannschaft für die Partie in Freiburg am vergangenen Dienstag ein Hotelzimmer aus eigener Tasche zahlen musste. Über Spieler-Abgänge am Deadline Day hätte Türkgücü noch Gehälter einsparen können, wollte aber keine Akteure ablösefrei ziehen lassen.

Welche Folgen hat der Insolvenzantrag?

Gemäß Paragraf 6 der DFB-Spielordnung geht der Antrag auf Insolvenz mit einem Abzug von neun Punkten in der laufenden Saison einher. Noch ist der Punktabzug aber nicht rechtskräftig, sondern muss zunächst vom DFB-Spielausschluss bestätigt werden – das dürfte in den kommenden Wochen der Fall werden. Zum Vergleich: Nach der Insolvenz beim KFC Uerdingen im vergangenen Jahr hatte es rund drei Wochen gedauert, ehe der Punktabzug rechtskräftig war. Nach aktuellem Stand fallen die Münchner auf den letzten Tabellenplatz zurück, haben zehn Punkte Rückstand auf das rettende Ufer und somit kaum noch realistische Chancen, den Liga-Verbleib zu realisieren.

Warum hat der 1. FC Kaiserslautern im Sommer 2020 nach dem Insolvenzantrag keine Punkte abgezogen bekommen?

Aufgrund der Auswirkungen durch die Corona-Pandemie hatte der DFB für die Saison 2019/20 beschlossen, dass ein Insolvenzantrag keinen Punktabzug zur Folge hat – davon profitierte der 1. FC Kaiserslautern. Auch in der vergangenen Spielzeit galt eine befristete Ausnahmeregelung, die einen reduzierten Punktabzug von drei Zählern vorsah – so geschehen beim KFC Uerdingen. Seit Beginn dieser Saison ist die ursprüngliche Regelung (Neun-Punkte-Abzug) wieder in Kraft.

 

Spielbetrieb & Zukunft

Kann der Spielbetrieb fortgeführt werden?

Türkgücü hofft darauf, die Saison regulär zu Ende spielen zu können. "Der Klub steht hierzu mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter und dem DFB in Verbindung", teilte der DFB mit. Ziel sei es, "den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten". Ob das gelingt, ist aber noch ungewiss.

Was passiert, wenn Türkgücü den Spielbetrieb vorzeitig einstellen muss?

In diesem Fall würden alle Spiele der Münchner annulliert und aus der Wertung genommen. Türkgücü stünde dann zudem als erster Absteiger fest und würde zu den restlichen Partien in dieser Spielzeit nicht mehr antreten. Wie die Tabelle dann aussehen würde, ist hier zu sehen.

Sollte Türkgücü den Spielbetrieb innerhalb der letzten fünf Spieltage einstellen, blieben derweil alle Partien in der Wertung, während die nicht ausgetragenen Spiele mit drei Punkten und 2:0 Toren für den Gegner gewertet werden würden.

Hat das Projekt Türkgücü noch eine Zukunft? Und wenn ja, in welcher Liga?

Das ist völlig offen. In welcher Spielklasse ein Neuaufbau erfolgen kann, sei von "sportlichen sowie finanziellen Faktoren abhängig", teilte Türkgücü mit. Die Rückkehr in den Profifußball sei mit "einem langfristigen, stabilen und wirtschaftlich-nachhaltigen" Plan zwar "nicht ausgeschlossen" sei, allerdings ist noch unklar, ob Hasan Kivran zu weiteren Investitionen bereit ist. Falls nicht, bräuchten die Münchner neue Geldgeber. Die Suche läuft bereits. Geschäftsführer Max Kothny sieht die Insolvenz als Chance, "uns ohne Belastungen aus der Vergangenheit und mithilfe von möglichen neuen, starken Förderern neu auszurichten".

Könnte Türkgücü eine Lizenz für die kommende Saison beantragen, falls der Klassenerhalt trotz des Punktabzugs gelingen sollte?

Das ist grundsätzlich möglich – siehe VfR Aalen 2017. Auch der KFC Uerdingen beantragte nach der Insolvenz im vergangenen Jahr eine Zulassung, erhielt sie aber nicht, weil es dem Klub nicht möglich war, die wirtschaftlichen Anforderungen zu erfüllen. So hatte der DFB die Hinterlegung einer Summe in Höhe von sieben Millionen Euro gefordert.

Wie geht es für die Spieler weiter?

Solange der Spielbetrieb aufrecht erhalten werden kann, stehen weiterhin alle Spieler und Trainer unter Vertrag. Jedoch mit dem Unterschied, dass die Gehälter nun von der Bundesagentur für Arbeit übernommen werden – allerdings nur bis zu einer Beitragsbemessungsgrenze von 6.900 Euro und maximal für drei Monate. Wie es anschließend weitergeht, ist offen. Sollte Türkgücü den Spielbetrieb einstellen müssen, wären alle Spieler vereinslos, könnten aber frühestens zur neuen Saison bei einem neuen Verein in Deutschland unterschreiben. Denn bekanntlich ist das Verpflichten von vereinslosen Akteuren nach dem Ende der Transferperiode am 31. Januar nicht mehr möglich.

Wer ist der Insolvenzverwalter und was sind die nächsten Schritte?

Zum Insolvenzverwalter wurde der Münchner Rechtsanwalt Max Liebig bestellt, der im vergangenen Jahr auch die Insolvenz von Star-Koch Alfons Schuhbeck abgewickelt hatte. Laut der "Süddeutschen Zeitung" soll Liebig am Montag bereits erste Gespräche mit Vertretern der Türkgücü GmbH geführt und einen Blick auf die Liste der Gläubiger geworfen haben.

Sobald die Bestandsaufnahme abgeschlossen ist, wird das Verfahren offiziell eröffnet. Liebig wird anschließend, sofern ausreichend Masse zur Verfügung steht, einen Insolvenzplan erstellen, über den die Gläubigerversammlung zu einem noch nicht bekannten Zeitpunkt abstimmen wird. Stimmen die Gläubiger dem Plan zu, erhalten sie einen geringen Teil – meist einen geringen Prozentanteil – ihrer Forderungen zurück, der Rest des Geldes ist weg. Die Türkgücü GmbH wäre dadurch saniert und schuldenfrei. Sollte das Insolvenzverfahren scheitern, würde die Türkgücü GmbH abgewickelt werden. Der Türkgücü München e.V. ist durch den Insolvenzantrag unterdessen nicht betroffen.

 
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