Was aus früheren Drittligisten geworden ist #32: Viktoria Berlin
Insgesamt 70 Mannschaften spielten seit der Saison 2008/2009 in der 3. Liga. Während einige Klubs den Sprung in die Bundesliga geschafft haben, sind andere Vereine vom Radar der breiten Öffentlichkeit verschwunden. liga3-online.de holt diese Klubs nun wieder hervor. Heute: Der FC Viktoria 1889 Berlin, der nur eine Saison dabei war und auf Rang 65 der Ewigen Tabelle liegt.
Nach Abstieg 2026: Angekommen in der 6. Liga
Berlin-Liga. Die sechsthöchste Leistungsklasse in der Bundeshauptstadt ist seit Sommer 2026 das Zuhause von "Viki", wie der Verein aus Lichterfelde im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf liebevoll von seinen Fans genannt wird. In diesen Gefilden wollen die Hauptstädter aber nicht lange bleiben. Das ist jedenfalls die Zielsetzung des neuen Sportlichen Leiters, Lars Schieler.
Ein Insider im Verein, trainierte Schieler doch zuvor die zweite Mannschaft des ehemaligen Drittligisten. Er wirkte vor seiner Trainertätigkeit beim Landesliga-Team auch als Klub-Berater beim Niedersächsischen Fußballverband. Entsprechend leicht fiel ihm die Entscheidung, nach dem Abstieg aus der NOFV-Oberliga Verantwortung zu übernehmen. "Für mich war klar, dass ich bei diesem Projekt mitarbeiten möchte. Die Viktoria hat mir vor eineinhalb Jahren ein Zuhause im Berliner Fußball geboten und jetzt möchte ich gern etwas zurückgeben", sagte Lars Schieler bei seiner Vorstellung im Juli.
Acht Jahre zuvor: Hoffnung auf Millionen-Investment und große Ziele
Das hatte man in Berlin acht Jahre zuvor ganz anders gehört. Ein ganz neues Anspruchsdenken kam durch den Einstieg des chinesischen Investors Advantage Sports Union (ASU) von Alex Zheng im Mai 2018 in den Verein. Aber: Ausbleibende Zahlungen aus China brachten schon 2019 Ernüchterung – und vor allem den ersten Insolvenzantrag.
Erst die Ankunft der SEH Sports & Entertainment Holding GmbH während der Saison 2018/2019 stabilisierte die Lage – und sorgte für neue sportliche Ziele. Viktoria sollte "die dritte Kraft in Berlin" hinter Hertha BSC und Union Berlin werden. Höhepunkt dieses Aufschwungs war die Aufstiegs-Saison 2020/2021, als "Viki" die ersten elf Spiele in der Regionalliga Nordost allesamt gewann und am Ende durch den coronabedingten Abbruch der Saison in die 3. Liga aufstieg.
Abenteuer 3. Liga: Erst ohne Stadion, dann Spitzenreiter
Vor der bis heute einzigen Drittliga-Saison gab es für die Vereinsverantwortlichen hohe Hürden. Es brauchte ein Stadion, das den Regularien des DFB entsprach, der Berliner Senat musste hierfür die Betriebsgenehmigung für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark reaktivieren, der vor dem Umbau stand.
Trotz der Stadionfrage konnte die Viktoria anfangs alle überraschen und stürmte mit drei Siegen aus den ersten drei Spielen (2:1 gegen Viktoria Köln, je 4:0 bei Eintracht Braunschweig und gegen den 1. FC Kaiserslautern) an die Tabellenspitze. Obwohl zwischen Dezember 2021 (4:1 bei Viktoria Köln) und April 2022 bis zum 2:1 gegen Tabellenführer 1. FC Magdeburg drei Monate kein Sieg zu Buche stand, blieben die Berliner bis zum 36. Spieltag über dem Strich. Erst nach dem 3:4 gegen den SV Meppen am abschließenden 38. Spieltag stand der Abstieg aus der 3. Liga fest.
Tobias Gunte erzielte mit dem 3:3 gegen Meppen das 44. und letzte Drittliga-Tor für Viktoria Berlin. Tolcay Cigerci, zuletzt mit 30 Torbeteiligungen in 37 Drittligaspielen ein Aufstiegsheld des FC Energie Cottbus, ist mit sieben Treffern Rekordtorschütze der Viktoria in der 3. Liga. Er wechselte damals nach dem Abstieg zu Samsunspor in die türkische Süper Lig.
Heute: Tiefpunkt der jüngeren Vereinsgeschichte mit 23 Saison-Niederlagen
Zurück in die Gegenwart. Und die ist – anders als die Vereinsfarben – nicht himmelblau, sondern eher grau. Die Saison 2025/2026 war die schlechteste, die der Verein, der 2013 aus einer Fusion des zweimaligen Deutschen Meisters BFC Viktoria 1889 (in den Jahren 1908 und 1911) und Lichterfelder FC (LFC) Berlin hervorgegangen war, in seiner vergleichsweise jungen Vereinshistorie gespielt hat. Die Viktoria gewann nur drei Spiele und kassierte 23 Niederlagen. Das ist Vereins-Negativrekord, ebenso wie die 109 Gegentore. Für den Klub-Präsidenten Ulrich Brüggemann gab es vor dem Saisonstart nur eine Zielsetzung: "Es muss alles dafür getan werden, den Niedergang zu stoppen."
Nach dem Abenteuer in der 3. Liga 2021/2022 und zwei Abstiegen seit 2022 befanden sich die Himmelblauen praktisch dauerhaft in Turbulenzen. Im Juni 2025 erfolgte die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens des Amtsgerichts Charlottenburg gegen den jetzigen Sechstligisten. Bis zum Saisonstart war überhaupt nicht gesichert, ob die Viktoria überhaupt spielen kann. Dieser Insolvenzantrag wurde zwei Monate später zwar eingestellt, doch die Querelen blieben.
Spieler verklagen den Verein, Zuschauerschnitt sinkt auf unter 100
Zehn Spieler verklagten den Verein aufgrund offener Gehaltszahlungen, die Fans wandten sich ab. Die Zahl der Heim-Zuschauer im Stadion Lichterfelde (4.300 Plätze) sank auf unter 100 pro Spiel. Schon am 25. Spieltag 2025/2026 stand der Abstieg aus der Oberliga fest, im Sommer 2026 verließen Spieler wie das Torwart-Talent Laurenz Pohlmann (Hertha Zehlendorf) oder Offensivspieler Enes Küc, den es zu Delay Sports Berlin zog, den Verein. Viktoria 1889 Berlin startet nun in der 6. Liga in eine Saison voller Fragezeichen. Geht es nach dem bisherigen Tiefpunkt wieder aufwärts – oder sogar noch weiter runter für den einstigen Drittligisten?