Warum sich Rot-Weiss Essen in der 3. Liga noch schwertut

Ein Fehlstart als Aufsteiger ist schon die erste schlechte Nachricht. Trifft es dann noch einen derart prominenten Namen wie Rot-Weiss Essen, ist der Saisonstart umso erstaunlicher. RWE muss nach nur vier Spieltagen hart um den Rest Aufstiegseuphorie kämpfen, noch wirkt der Verein auf mehrerlei Ebene nicht reif genug für die 3. Liga. Eine Spurensuche nach Ursachen.

Defensivarbeit

Zwölf Gegentore sind der schlechteste Wert, und das ist nach der Betrachtung der ersten vier Saisonspiele kein Zufall. Die Rot-Weißen tun sich auffällig schwer, über 90 Minuten konzentriert und balanciert gegen den gegnerischen Ballbesitz zu arbeiten. Mal sind es schwerste Stellungsfehler, mal ist es die Zuordnung, dazu kommen schwere Patzer wie der von Torhüter Jakob Golz jüngst beim 0:1 gegen den BVB II, auch er ist den Nachweis eines sicheren Rückhalts noch schuldig.

Nicht minder überraschend ist der wacklige Auftakt von Kapitän Daniel Heber, dem nach vielen starken Regionalliga-Jahren die höhere Klasse problemlos zugetraut wurde, der bislang aber viel dazulernen muss. Sandro Plechaty und Felix Herzenbruch haben vorerst ihre Stammplätze verloren. Als Ganzes ist die Kette, ob wie zu Beginn zu viert oder zuletzt im 3-4-3, ein Unsicherheitsfaktor und soll deshalb zeitnah verstärkt werden. Und auch das defensive Mittelfeld, in dem Toptransfer Björn Rother bislang unauffällig agiert, könnte einen weiteren, spielstarken Akteur noch gut vertragen.

Offensividee

Individuelle Klasse brachte Rot-Weiss Essen in der Saison 2021/22 in die 3. Liga: In den meisten Duellen verschanzte sich der Gegner tief in der eigenen Hälfte, mit Ballbesitz, Geduld, feinen Tempoverschärfungen und cleverer Positionierung öffnete sich RWE dann die Räume. Doch die herausragenden Spieler, exemplarisch dafür steht Flügelflitzer Isaiah Young, stoßen eine Klasse höher früher als erwartet an Grenzen. Positiv heraus sticht Hannover-Leihgabe Lawrence Ennali, der erfrischend und frech in die direkten Duelle geht und sich in der vielleicht besten Saisonhalbzeit beim 2:2 in Duisburg auch mit einem Tor belohnte. Auf die beiden Dribbler ist Essen auch angewiesen, dahinter nimmt die Qualität im Kader schnell ab.

Generell ist die Mannschaft von Trainer Christoph Dabrowski zwar oft in der Lage, wie im Aufstiegsjahr Ballbesitzphasen und somit optische Dominanz zu kreieren – allerdings selten in den gefährlichen Zonen. So wird auch Torjäger Simon Engelmann zu selten gefüttert, was dieser aber dringend benötigt. Dass er trotzdem schon zwei Treffer erzielt hat, in Dortmund hätte ein drittes dazukommen können, spricht für seine Vollstrecker-Qualität. Ganz nebenbei: Engelmann schaffte es am 3. Spieltag erstmals in die Startformation. Allerdings ist schon abzusehen: Besser zugeschnitten auf die 3. Liga ist der lauf- und kampfstarke Ron Berlinski, bei dem aber ungewiss ist, ob er zuverlässig seine Tore beisteuern wird.

Kaderstruktur

RWE hat ein Dilemma: 29 Akteure stehen bereits im Kader und für die, die den Klub verlassen können (Felix Schlüsselburg, Fabian Rüth und Erolind Krasniqi,), findet der Verein dabei teils seit Wochen keinen Abnehmer. Nun sollen allerdings bis zum Schluss des Transferfensters in zwei Wochen auch noch Verstärkungen her, zu groß ist die Sorge, dass bisherige Problematiken etwa in der Defensive nicht mit vorhandener Stärke gelöst werden können.

Es deutet sich ein leicht aufgeblähter Kader an, keine optimale Situation. Dazu fehlt es der Mannschaft offenkundig an Drittliga-Erfahrung: Durchaus routinierte Spieler wie Felix Bastians und Thomas Eisfeld, die bislang zu den Besseren gehörten, kamen ja aus noch höheren Spielklassen, gestandene Spieler aus der 3. Liga sind nur Björn Rother und Joker Oguzhan Kefkir. Genau hier will RWE zufolge nun auch ansetzen. Finanziell ist der Spielraum dank guter Wirtschaftskraft im Hintergrund sicherlich vorhanden.

Trainer

Allzu viele Pluspunkte hat Trainer Christoph Dabrowski in den ersten Wochen noch nicht sammeln können. Auch er zahlte Lehrgeld, als er dem Aufsteiger beim verpatzten Start gegen Elversberg (1:5) eine Spielanlage zutraute, die krasse Lücken im Mittelfeld offenbarte – der Mitaufsteiger bedankte sich herzlich. Die perfekte Formation ist bislang noch nicht gefunden, zuletzt ging es vom 4-2-3-1 über das 4-4-2 bis zum 5-4-1. Warum fast alle Spieler ihrer Bestform hinterherlaufen und die Stärken der Aufstiegssaison kaum auf den Rasen gebracht werden? Dabrowski muss bald Fortschritte liefern.

Die Rückendeckung aus der Vorstandsriege ist dem von Hannover 96 gekommenen Ex-Profi aber gewiss: "Christoph Dabrowski ist die richtige Wahl für uns, er arbeitet akribisch, er kommt gut bei der Mannschaft an", sagte Aufsichtsratsvorsitzender André Helf in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. "Wir haben Dabrowski nicht für kurzfristige, sondern mittelfristige Ziele verpflichtet." Er kann vorerst in Ruhe weiterarbeiten – ein Blick auf die Trainer-Vergangenheit in Essen zeigt aber: Zu sicher durfte sich der Mann an der Seitenlinie seines Postens nie sein.

Erwartungshaltung

Hohe Erwartungen waren und sind ein steter Begleiter der jüngeren Vereinsgeschichte an der Hafenstraße. Allerdings, so fair muss man sein, spielt der Druck von außen noch eine eher geringe Rolle: Auch nach der dritten Saisonniederlage, die mehr als 5.500 Gästefans im großen Dortmunder Stadion miterlebten, blieb die Atmosphäre wohlwollend und ruhig, vielmehr wurde die Mannschaft sogar gefeiert. Der Kredit eines langersehnten Aufstiegs ist noch nicht aufgebraucht.

Dass sich dies bei ausbleibendem Erfolg noch ändert, ist jedoch nicht auszuschließen. Zwar sind längst nicht alle der kommenden sechs Gegner eines Favoriten würdig gestartet, doch zählen in Ingolstadt, Aue, Osnabrück, Saarbrücken und Wehen Wiesbaden fünf zum Anwärterkreis, sind mit hoher Qualität bestückt. Vielleicht liegt RWE die Rolle als klar definierter Außenseiter ja – geht die Punkteflaute bis in den September weiter, wird aber rasch die ungeduldige Seite des emotionalen Traditionsvereins zum Vorschein kommen.

   
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