Strittige Szenen am 8. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Magdeburg, Braunschweig und Großaspach, das Foul von Ernst an Stoppelkamp, der Elfmeter für Würzburg, die verwehrten Treffer für Mannheim und Zwickau, das Foul von Otto an Pepic und die Tätlichkeit von Boyd. Am 8. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de neun Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).[/box]

Szene 1: Nach einer Ecke des 1. FC Magdeburg bekommt Marvin Compper (MSV Duisburg) den Ball im Strafraum an die Hand. Schiedsrichter Jonas Weickenmeier lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 2:33:30]

Babak Rafati: Nach einer Ecke in den eigenen Strafraum verspekuliert sich Compper, in dem er annimmt, dass die Spieler vor ihm an den Ball kommen. Als diese den Ball verpassen, ist er vollkommen überrascht, nimmt aktiv den Oberarm heraus und spielt den Ball. Es kann gut sein, dass sowohl dem Schiedsrichter als auch dem Assistenten durch die Spielertraube die Sicht verdeckt ist. Das ist aber ein klares Handspiel und es hätte einen Strafstoß für Magdeburg und eine gelbe Karte gegen Compper geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 2: Für ein rüdes Foul an Moritz Stoppelkamp (MSV Duisburg) sieht Dominik Ernst (1. FC Magdeburg) lediglich Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 2:45]

Babak Rafati: Ernst rauscht in der gegnerischen Hälfte an der Seitenlinie mit voller Dynamik heran, trifft Stoppelkamp mit hoher Intensität mit seinem rechten Fuß und linken Nachziehbein und befördert ihn dadurch auf die Laufbahn. Ernst nimmt eine Gefährdung der Gesundheit von Stoppelkamp billigend in Kauf, sodass es für dieses Foulspiel nur die rote Karte geben kann. Eine Fehlentscheidung, es nur bei der gelben Karte zu belassen.

 

Szene 3: Fabio Vrenezi (Würzburger Kickers) geht im Duell mit Dorian Diring (Waldhof Mannheim) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Arne Aarnink gibt Elfmeter für Würzburg. [TV-Bilder – ab Minute 1:20]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht gut, hat freie Sicht und sieht, wie Diring beim Zweikampf im eigenen Strafraum seinen Gegenspieler Vrenezi unglücklich und ungeschickt, aber dennoch klar am linken Knie trifft und ihn somit zu Fall bringt. Eine richtige Entscheidung, in dieser Situation einen Strafstoß für Würzburg zu verhängen.

Szene 4: Nach einer Hereingabe von Kevin Conrad lässt Kickers-Keeper Eric Verstappen den Ball prallen. Schuppan klärt zunächst und bleibt zusammen mit Kevin Koffi direkt vor Verstappen auf dem Boden liegen. Als Dorian Diring anschließend aus der Distanz abzieht und trifft, gibt der Schiedsrichter den Treffer nach Absprache mit dem Linienrichter nicht, weil Koffi im Abseits die Sicht des Würzburger Torhüters behindert haben soll. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati:  Nach dem Schuss von Diring auf das Würzburger Tor sieht man sehr gut, wie fokussiert und konzentriert der Assistent auf die Situation vorbereitet ist. Zum Zeitpunkt des Schusses liegen Schuppan und Koffi im Fünfmeterraum am Boden und befinden sich in unmittelbarer Nähe des Torhüters Verstappen. Koffi ist sehr gut erkennbar mit den Füßen im Abseits und greift aktiv ein, in dem er versucht den Ball zu berühren. Auch wenn er den Ball nicht mehr berührt, irritiert er sichtbar den Torwart, sodass eine strafbare Abseitsposition vorliegt. Eine richtige Entscheidung durch das Schiedsrichtergespann und ein Riesenkompliment an den Assistenten, der durch ein hohes Maß an Konzentration die Ruhe bewahrt und richtig entscheidet.

 

Szene 5: Yari Otto (Eintracht Braunschweig) trifft Mirnes Pepic (Hansa Rostock) im Mittelfeld am Knöchel. Während es Schiedsrichter Benjamin Cortus bei einer Ermahnung belässt, muss Pepic verletzt ausgewechselt werden.

Babak Rafati: Otto springt im Mittelfeld mit den Stollen voraus und will vielleicht auch den Ball spielen, trifft dabei aber nur seinen Gegenspieler Pepic auf Knöchelhöhe, der sich bei dieser Szene verletzt. Wer so unkontrolliert mit den Stollen reinspringt, nimmt die Gefährdung des Gegenspielers billigend in Kauf, was in dieser Szene zur Folge hat, dass der Gefoulte nicht weiterspielen kann und ausgewechselt werden muss.

Wenn der Schiedsrichter nicht von hinten auf diesen Zweikampf geschaut hätte (wie es hier der Fall ist), käme er natürlich zu einem ganz anderen Ergebnis als nur eine Ermahnung auszusprechen. Er hat sicherlich gar nichts gesehen, da die beiden beteiligten Spieler seine Sicht versperren. Optimal wäre, sich flexibel in Position zu bringen, um den Vorgang von der Seite zu sehen und zu bewerten. Dann wäre die richtige Entscheidung die rote Karte wegen grobem Foulspiel gegen Otto gewesen. Das zeigt, dass häufig die Ursache für eine Fehlentscheidung die unglückliche Position des Schiedsrichters ist und durch kluges Stellungsspiel vieles gelöst werden kann. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 6: Im Duell mit Nico Rieble (Hansa Rostock) geht Orhan Ademi (Eintracht Braunschweig) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Cortus. [TV-Bilder – ab Minute 1:52:40]

Babak Rafati: Rieble und Ademi gehen im Strafraum von Rostock ballorientiert in den Luftkampf und prallen unglücklich zusammen. Hierbei liegt ein fußballtypischer Einsatz vor, bei dem alles sauber und regelkonform ist. Eine richtige Entscheidung, bei diesem Zweikampf weiterspielen zu lassen.

 

Szene 7: Terrence Boyd (Hallescher FC) fasst Patrick Sussek (FC Ingolstadt) ins Gesicht, Schiedsrichter Florian Lechner belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 0:40]

Babak Rafati: Boyd fasst seinem Gegenspieler Sussek nach einem Gerangel ins Gesicht und drückt dessen Kopf etwas heftiger nach hinten. Die Hand hat im Gesicht des Gegenspielers nichts zu suchen. Zudem liegt nicht nur ein Anfassen, vielmehr eine grobe Unsportlichkeit durch den Bewegungsablauf der Hand vor, sodass die rote Karte die einzig richtige Entscheidung gewesen wäre. Eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, der den Vorgang genau gesehen hat, nur die gelbe Karte zu zeigen.

 

Szene 8: Nach einem Pass von Gerrit Wegkamp (FSV Zwickau) ist Ronny König frei durch, wird aber von Schiedsrichter Christian Dingert aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:20]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Zuspiels von Wegkamp auf König steht dieser knapp in Abseitsposition. Der Assistent wartet relativ lange, bis er schließlich auf Abseits entscheidet. Zwischenzeitlich hat König den Ball im Netz versenkt. Die Assistenten haben die Anweisung, verzögert zu winken – jedoch bei Aktionen, bei denen sich mehrere Optionen anbieten, zum Beispiel bei mehreren Spielern, ob der Ball auch dorthin gelangt. Hier war es aber nicht erforderlich zu warten, sodass zwar eine richtige Entscheidung vorliegt, diese aber durch taktisch unkluge Anwendung nicht anstandslos akzeptiert wird.

 

Szene 9: Panagiotis Vlachodimos (Sonnenhof Großaspach) wird von Lars-Lukas Mai (Bayern München) im Strafraum zu Fall gebracht. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Marcel Gasteier nicht. [TV-Bilder – ab Minute 0:25]

Babak Rafati: Bei einem Zweikampf im Münchner Strafraum trifft Mai seinen Gegenspieler Vlachodimos klar und bringt ihn dadurch zu Fall. Das ist ein Foulspiel und hätte mit einen Strafstoß für Großaspach geahndet werden müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

[box type="info"]Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde[/box]

 

   
  • Halle

    Könnt ihr nochmal das Foul mit Verletzungsfolge von Otto gegen Pepic checken lassen (BTSV:FCH)? Ab 1:32:10 bei magentasport. Otto tritt mit offener Sohle von hinten in den Knöchel. Meiner Meinung nach ist die Abwägung ob gelb oder rot und nicht ob er überhaupt eine Karte bekommt.

    • liga3-online.de

      Reichen wir gerne nach.

      • User0815

        Danke für die Mühe, denn das würde mich auch brennend interessieren.

      • funny_piet

        ich sehe es unkritisch, der Kampf gilt dem Ball, es ist nicht überhart, es hat zurecht gelb gegeben (zumindest lt . Anzeigentafel im Stadion). Von der art gibt es genug Fouls im Ganzen Spiel, dass eine (schwere) Verletzung dabei rauskommt hat mit der persönlichen Strafe wenig zu tun.

      • User

        Ich habe das Spiel nur im Internet verfolgen können, sehe ich es aber ähnlich wie der User "Halle". Otto geht von schräg hinten mit offener Sohle in seinen Gegenspieler hinein und trifft ihn am Knöchel. Das ist zwingend eine gelbe Karte, die es im Übrigen nicht gab. Daher ist es legitim diese Szene nochmal zu beleuchten.

      • liga3-online.de

        Wir haben die Szene nun ergänzt.

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