Strittige Szenen am 5. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für 1860, Ingolstadt, Uerdingen, Duisburg, Chemnitz und Köln, die verwehrten Treffer von 1860, das 1:0 für Zwickau, der Strafstoß für Braunschweig, das 2:1 für Mannheim und das Foulspiel von Boyd an Welzmüller. Am 5. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 14 Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).[/box]

Szene 1: Benjamin Kindsvater (1860 München) geht im Laufduell mit René Guder (SV Meppen) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Benedikt Kempkes lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 28:00]

Babak Rafati: Beim Laufduell im Strafraum von Meppen stellt Guder nur den Körper zwischen Ball und Gegner und verteidigt somit regelgerecht gegen Kindsvater – auch, wenn dieser anschließend zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, bei diesem Zweikampf weiterspielen zu lassen.

Szene 2: Im Strafraum wird Benjamin Kindsvater (1860 München) von Marcus Piossek (SV Meppen) zu Fall gebracht. Kein Elfmeter, sagt Kempkes. [TV-Bilder – ab Minute 48:30]

Babak Rafati: Beim Duell im Strafraum kommt es vielleicht ein bisschen zum Kontakt zwischen Piossek und Kindsvater, aber das reicht für einen Strafstoß nicht aus. Kindsvater nimmt den leichten Kontakt sehr dankend an und geht theatralisch zu Boden. Eine richtige Entscheidung vom Schiedsrichter, auch diesen Zweikampf laufen zu lassen und keinen Strafstoß für 1860 zu verhängen.

Szene 3: Nach einem Freistoß trifft Timo Gebhart zum 1:0 für 1860 München, Kempkes gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 54:55]

Babak Rafati: Ein Foulspiel von Mölders gegen den Torwart liegt zunächst mal nicht vor, vielmehr gibt der Schiedsrichter den Treffer wegen einer vermeintlichen Abseitsposition von Gebhart nicht. Das kann man deutlich an der erhobenen Fahne des Assistenten sowie dem erhobenem Arm des Schiedsrichters erkennen, was unverkennbar eine Abseitsposition signalisiert. Gebhart steht jedoch bei der Freistoßausführung nicht im Abseits. Auch nach der Freistoßausführung berührt Mölders den Ball nicht mehr, sodass nur das (erste) Abspiel beim Freistoß maßgeblich ist. Selbst wenn Mölders den Ball berührt hätte, wäre Gebhart nicht in Abseitsposition gewesen. Somit eine Fehlentscheidung, diesen Treffer für 1860 nicht anzuerkennen.

Szene 4: Aaron Berzel (1860 München) bringt den Ball nach einem Freistoß im Tor unter, soll dabei jedoch im Abseits gestanden haben, sodass der Treffer erneut nicht zählt. [TV-Bilder – ab Minute 1:30]

Babak Rafati: Ob Berzel tatsächlich im Abseits gestanden hat, ist mit der vorliegenden Kameraperspektive nicht aufzulösen. Daher kann die Szene nicht bewertet werden.

 

Szene 5: Nach einer Ecke des FC Ingolstadt will Manuel Konrad (KFC Uerdingen) den Ball klären und steigt zum Kopfball hoch. Dabei trifft er Jonathan Kotzke (FC Ingolstadt) mit dem Ellenbogen im Gesicht. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Sören Storks nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:21:40]

Babak Rafati: Ein Modefoul, wie man es leider immer häufiger – insbesondere in den Strafräumen – beobachtet. Bei einem Luftkampf im eigenen Strafraum hat der Arm/Ellenbogen von Konrad im Gesicht von Kotzke absolut nichts zu suchen. Der Arm wird nur derartig eingesetzt, um den Gegner vom Ball fernzuhalten. Das ist ein Foulspiel und hätte mit einem Strafstoß für Ingolstadt sowie mit einer gelben Karte gegen Konrad geahndet werden müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 6: Adriano Grimaldi (KFC Uerdingen) geht im Duell mit Björn Paulsen (FC Ingolstadt) zu Fall und fordert Elfmeter. Der Pfiff bleibt allerdings aus. [TV-Bilder – ab Minute 1:54:35]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell zwischen Paulsen und Grimaldi geht alles mit rechten Dingen zu, denn ein bisschen Armeinsatz vom Verteidiger ist im Rahmen des Erlaubten und absolut fußballtypisch, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 7: Beim Duell mit Davy Frick (FSV Zwickau) geht Moritz Stoppelkamp (MSV Duisburg) im Strafraum zu Boden. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Patrick Hanslbauer. [TV-Bilder – ab Minute 2:50]

Babak Rafati: Frick nimmt zwar, nachdem Stoppelkamp den Ball im Strafraum an ihm vorbeilegt, den Arm heraus und berührt diesen auch, jedoch ist dieser Vorgang nicht die Ursache für das zu Fall kommen. Frick versucht vielleicht Stoppelkamp zu hindern, aber er hindert ihn nicht tatsächlich, vielmehr nimmt der Angreifer diesen Versuch zum Anlass, sich fallen zu lassen. Die Hintertorkamera macht deutlich, dass kein Foulspiel vorliegt. Das Stören in dieser Form ist branchenüblich und somit liegt eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen.

Szene 8: Fabio Viteritti (FSV Zwickau) bringt einen langen Ball in den Strafraum, Duisburg reklamiert Abseits. Das Spiel läuft weiter und Gerrit Wegkamp erzielt das 1:0 für Zwickau. Das Tor zählt. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]

Babakt Rafati: Zum Zeitpunkt der langen Flanke von Viteritti in den Strafraum von Duisburg steht Wegkamp hinter dem Verteidiger im Abseits. Auch wenn er den Ball nicht berührt haben sollte, greift er doch entscheidend ein, in dem er zum Ball geht und den Verteidiger irritiert. Somit hätte der Treffer für Zwickau nicht zählen dürfen. Eine Fehlentscheidung.

 

Szene 9: Davud Tuma (Chemnitzer FC) dringt in den Strafraum ein und wird von Sören Bertram (1. FC Magdeburg) geblockt. Schiedsrichter Martin Petersen pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:30]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf geht Bertram absolut sauber in den Zweikampf und blockt nur mit angelegtem Arm seinen Gegenspieler Tuma – auch, wenn dieser anschließend zu Fall kommt. Das ist Fußball. Wer in dieser Szene auf Strafstoß entscheidet, hat zuvor noch niemals Fußball gespielt. Eine absolut richtige Entscheidung, bei diesem Zweikampf weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Einen Schuss von Alfons Amade (Eintracht Braunschweig) bekommt José Matuwila (1. FC Kaiserslautern) an die Schulter, Schiedsrichter Tobias Welz gibt Elfmeter für Braunschweig. [TV-Bilder – ab Minute 1:50:15]

Babak Rafati: Auch wenn die Szene aus dem Spiel heraus nicht deutlich ist und zudem niemand reklamiert, geht Matuwila nach dem Schuss von Amade mit dem Oberarm zum Ball und wehrt diesen im eigenen Strafraum nach vorne ab. Er deutet es anschließend selbst bei der Diskussion mit dem Schiedsrichter an, mit welchem Körperteil er den Ball abgewehrt hat. Der Arm geht jedoch nach der Regel bis zum Schulteransatz. Wäre der Ball an die Schulter gegangen, was nicht strafbar ist, wäre der Ball nach oben – und nicht wie in diesem Fall –  nach vorne abgewehrt worden. Eine richtige Entscheidung, auf Strafstoß für Braunschweig zu entscheiden.

 

Szene 11: Eine Flanke von Kevin Conrad verlängert Gianluca Korte auf Valmir Sulejmani, der einen Posten-Abpraller zum 2:1 für Mannheim nutzt. Jena reklamiert bei Schiedsrichter Eric Müller Abseits, der Treffer zählt dennoch. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati: Sulejmani steht beim Kopfball vom Mitspieler Korte im gegnerischen Strafraum eigentlich unverkennbar in Abseitsposition, was man sehr gut an den Rasenmarkierungen erkennen kann, sodass der anschließende Treffer für Mannheim nicht hätte zählen dürfen. Eine Fehlentscheidung, diesen Treffer für Mannheim anzuerkennen.

 

Szene 12: Nach einem langen Ball in den Strafraum spielt Christoph Greger (SpVgg Unterhaching) das Spielgerät mit der Hand. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Max Burda. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Nach einem Freistoß in den Strafraum von Unterhaching ist der Ball lange unterwegs. Greger verschätzt sich hierbei, weil er nicht damit rechnet, dass die Spieler vor ihm den Ball verpassen und dieser dann zu ihm gelangt. Dabei dreht er sich mit dem Körper sichtlich überrascht vom Ball weg und spielt den Ball deutlich mit dem Arm. Das ist ein absichtliches Handspiel und hätte einen Strafstoß für Köln geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen nicht zu pfeifen.

Szene 13: Marcel Gottschling (Viktoria Köln) wird von Moritz Heinrich (SpVgg Unterhaching) im Strafraum zu Fall gebracht. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 2:00:10]

Babak Rafati: Heinrich geht im eigenen Strafraum per Grätsche mit dem rechten Fuß in den Zweikampf und spielt nicht den Ball, sondern trifft – wenn auch unglücklich – nur seinen Gegenspieler und bringt ihn damit zu Fall. In dieser Szene hätte es erneut Strafstoß für Köln geben müssen, somit wieder eine Fehlentscheidung, den fälligen Strafstoß nicht zu pfeifen.

 

Szene 14: Der bereits verwarnte Terrence Boyd (Hallescher FC) foult Maximilian Welzmüller (Bayern München II), kommt bei Schiedsrichter Patrick Schwengers aber mit einer Ermahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 44:40]

Babak Rafati: Boyd verspringt der Ball, anschließend kommt er etwas zu spät und trifft seinen Gegenspieler Welzmüller unglücklich am rechten Fuß. Die Attacke von Boyd ist nur gegen den Ball gerichtet und nicht gegen den Gegenspieler. Bei solchen Aktionen, die in der gegnerischen Abwehrreihe passieren und zudem Ballorientiert sind, zeigt man keine Karte, sodass die Ermahnung eine vollkommen richtige Entscheidung vom Schiedsrichter ist.

 

[box type="info"]Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde[/box]

   
  • DM von 1907

    Szene 9 (CFC-FCM):
    Bertram "blockt" Tuma keineswegs "nur" (was für eine seltsame Verniedlichung), sondern checkt ihn so brutal, dass er aus dem Spielfeld hinausfliegt. Wer in dieser Szene nicht auf Strafstoß entscheidet, sollte besser die Pfeife abgeben!

    Szene 11 (Jena-Mannheim):
    Sulejmani steht "eigentlich unverkennbar in Abseitsposition" – aber eben nur "eigentlich", denn die Rückgabe des Verteidigers, die dann an den Pfosten prallte, war ein aktiver Klärungsversuch, so dass mit dem anschließenden Schuss von Sulejmani eine neue Spielsituation beginnt. In dieser stand er nicht im Abseits, so dass das Tor regulär war.

    • Phillip

      Wo bitte ist das eine neue Spielsituation? Grösch versucht den Ball zu klären, der eindeutig für Sulejmani gespielt war, welcher sich aktiv zum Ball bewegt. Dieser steht im Abseits, also klares Abseits. Unterschiede in der Art des Klärungsversuch gibt es nicht! Jeder der versucht einen Ball zu klären, macht dieses logischerweise "aktiv". Hat mit dieser expliziten Szene aber auch gar nichts zu tun.
      Das Tor hätte dann gezählt, wenn ein zweiter Mannheimer Spieler dort im passiven Abseits gestanden und den Klärungsversuch anschließend ins Tor geschossen hätte, wenn Sulejmani nicht aktiv hingegangen wäre. Ist aber irrelevant, weil Sulejmani nun mal vorher klar im aktiven Abseits stand. In der Bundesliga hätte dieser Treffer nach Videobeweis niemals gezählt.
      Zur Elferszene beim CFC braucht man glaube ich nichts weiter sagen, außer das es einer war.

  • Jörg Radefahrt

    Herr Rafati, mit Verlaub: ist ihre Einschätzung der Situation CFC-FCM Ihr Ernst?

    Bertram kommt schlicht zu spät, der Ball ist gespielt, der Angriff hat überhaupt nicht den Ball, sondern ausschließlich den Gegenspieler als Ziel und ein derartiger Bodycheck mag zwar im American Football oder Eishockey die Regel sein, aber nicht im Fußball!

    Nochmals die Frage: ist das Ihr Ernst?

  • Pingback: Schiedsrichter im Mittelpunkt: Auswertung strittiger Szenen – IG Schiedsrichter()

  • finn

    Rafati, Rafati…
    Armeinsatz ist nie erlaubt, nur Körpereinsatz mit angelegten Armen.
    Gut, dass der Typ nicht mehr pfeift

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