Strittige Szenen am 5. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebene Elfmeter für Aalen, Karlsruhe, Osnabrück (je 1), Paderborn (2) und Erfurt (3), das 1:0 für Paderborn, das nicht anerkannte 2:0 für Paderborn und der nicht gegebene Treffer für Halle. Am 5. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf strittige Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: 25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Seit Februar 2015 hat er eine neue Aufgabe: Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab. [/box]

Szene 1: Massih Wassey (SC Paderborn) bringt einen Freistoß in den Strafraum, Samir Benamar (Rot-Weiß Erfurt) will klären, bekommt den Ball dabei aber an die Hand. Schiedsrichter Markus Wollenweber lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 36:55]

Babak Rafati: Benamar schießt sich beim Klärungsversuch im eigenen Strafraum selbst den Ball an die Hand. In dieser kurzen Zeit und aus dieser kurzen Distanz kann ein Spieler nicht mehr reagieren, sodass keine Absicht vorliegen kann. Weiterspielen ist die einzig richtige Entscheidung.

Szene 2: Über links setzt sich Dennis Srbeny (SC Paderborn) durch und bringt den Ball ins Zentrum, wo Sven Michel zum 1:0 trifft. Erfurt reklamiert, dass der Ball vor dem Zuspiel bereits im Aus gewesen war. Wollenweber gibt den Treffer dennoch. [TV-Bilder – ab Minute 49:15]

Babak Rafati: Dadurch, dass der Assistent dem Spiel nicht schnell genug folgt, kann er aus seiner Position nicht genau erkennen, ob der Ball im Aus ist oder nicht. Er ist etwa drei Meter von der Torlinie entfernt. Hätte er sich zum Zeitpunkt der entscheidenden Szene auf der Torlinie befunden, hätte er erkennen können, dass der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hat und somit bereits außerhalb des Spielfeldes war. Das Tor für Paderborn hätte nicht zählen dürfen, somit liegt eine Fehlentscheidung des Schiedsrichter-Gespanns vor.

Szene 3: Nach einem Pass von Dennis Srbeny trifft Ben Zolinski zum 2:0 für Paderborn, der Schiedsrichter gibt den Treffer aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:26:00]

Babak Rafati: Auch in dieser Szene hat der Assistent eine unglückliche Position und kann daher nicht zweifelsfrei entscheiden. Er läuft dem Geschehen circa zwei bis drei Meter hinterher und müsste sich eigentlich weiter vorne – in diesem Fall auf Ballhöhe – positionieren. Beim Zuspiel von Srbeny auf Zolinski steht dieser hinter dem Ball und daher liegt keine Abseitsposition vor. Somit hätte der Treffer für Paderborn zählen müssen. Eine Fehlentscheidung also.

Szene 4: Ahmed Wasem Razeek (Rot-Weiß Erfurt) dringt in den Strafraum ein und geht nach einem Kontakt von Sebastian Schonlau (SC Paderborn) zu Boden. Kein Elfmeter, sagt der Schiedsrichter. [TV-Bilder – ab Minute 1:30:45]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht gut und kann den Vorgang gut bewerten. Aus dieser Kameraposition ist kein Foulspiel zu sehen. Auch wenn womöglich ein Kontakt im Hüftbereich oder Kniebereich vorliegen könnte, was eher vom Erfurter Angreifer Razeek verursacht wird, ist der Bewegungsablauf vom Paderborner Verteidiger absolut regelkonform, sodass ein korrekter Zweikampf vorliegt. Er zieht eher zurück, als dass er aktiv den Kontakt sucht. Hier weiterspielen zu lassen, ist eine richtige Entscheidung.

Szene 5: Thomas Bertels (SC Paderborn) kommt nach einem Kontakt von Christoph Menz (Rot-Weiß Erfurt) zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:41:15]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht optimal und hat freie Sicht zum Zweikampf. Bertels läuft eher selbst in den Gegenspieler und kommt dabei zu Fall. Menz verhält sich absolut korrekt und macht keine Anstalten seinen Gegner zu foulen. Eine richtige Entscheidung, weiterlaufen zu lassen.

Szene 6: Nach einem Kopfball von Carsten Kammlott (Rot-Weiß Erfurt) bekommt Sebastian Schonlau (SC Paderborn) den Ball im Strafraum an die Hand. Einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:48:50]

Babak Rafati: Für den Schiedsrichter ist es schwierig, diese undurchsichtige Szene zu bewerten, da die Sicht bei Eckbällen oftmals von einigen Spielern verdeckt wird. Das erfordert einen schnellen Positionswechsel, um sich eine optimale Perspektive zu verschaffen.

Nach dem Kopfball von Kammlott im Paderborner Strafraum nimmt Schonlau aktiv seine Hand zur Hilfe, um den Ball zu blocken. Der Arm wird zur Vergrößerung der Körperfläche eingesetzt. Das ist ein absichtliches Handspiel und muss mit einem Strafstoß für Erfurt sowie einer gelben Karte wegen Unsportlichkeit geahndet werden. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 7: Ahmed Wasem Razeek (Erfurt) ist frei durch, legt sich den Ball zwar zu weit vor, wird aber von Boeder (Paderborn) abgeräumt. Erneut bleibt die Pfeife des Schiedsrichters stumm, stattdessen sieht Möckel nach einen leichten Kontakt mit dem Unparteiischen Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:01:50]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht eigentlich in optimaler Position. Razeek legt sich den Ball im Strafraum an Boeder vorbei und will an ihm vorbeilaufen. Der Paderborner Verteidiger stellt sich zunächst seinem Gegenspieler in den Weg und räumt ihn anschließend auch noch ab. Dadurch kommt der Angreifer zu Fall und wird an einer guten Torchance gehindert, wobei keine Torverhinderung vorliegt, denn ein weiterer Verteidiger wäre zur Stelle gewesen und hätte eingreifen können. Eine Fehlentscheidung, nicht auf Strafstoß zu entscheiden.

Den anschließenden leichten Rempler von Jens Möckel gegen den Schiedsrichter mit Rot zu bestrafen, ist vorgeschrieben und unumgänglich und somit eine richtige Entscheidung.

 

Szene 8: Nach einer Flanke von Marc Heider (VfL Osnabrück) bekommt Tom Scheffel (Chemnitzer FC) das Leder an die Hand, Schiedsrichter Patrick Ittrich lässt die Partie weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 3:55]

Babak Rafati: In dieser Szene ist gut zu sehen, dass sich Scheffel im Bewegungsablauf natürlich verhält und sein Arm nicht zum Ball geht, vielmehr der Ball dort hingeschossen wird. Scheffel vergrößert auch seine Körperfläche nicht mit dem Arm, sodass kein absichtliches Handspiel vorliegt. Eine richtige Entscheidung des Schiedsrichters, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 9: Im Strafraum wird Andreas Hofmann (Karlsruher SC) von Dominik Ernst und Bernard Kyere (Köln) in die Zange genommen. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Asmir Osmanagic. [TV-Bilder – ab Minute 56:30]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht in Spielnähe und hat eine gute Position. Die beiden Verteidiger von Köln, Ernst und Kyere, attackieren den Karlsruher Angreifer im eigenen Strafraum fußballtypisch und körperbetont, jedoch nicht regelwidrig. Beide wollen zum Ball und es kommt auch zum Körperkontakt. Solche Zweikämpfe gehören im Fußballsport einfach dazu. Dass ein Angreifer gerne in so einer Situation zu Fall kommt, ist auch branchenüblich. Der Schiedsrichter entscheidet hierbei aber richtig, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Mathias Fetsch legt auf Hilal El-Helwe ab, dieser trifft für Halle. Schiedsrichter Marcel Schütz will jedoch eine Abseitsposition gesehen haben und gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:50]

Babak Rafati: Aus den vorliegenden Fernsehbildern kann nicht endgültig aufgelöst werden, ob eine Abseitsposition von Fetsch vorliegt. Es kann sein, dass der Angreifer mit der Fußspitze oder einem anderen Körperteil einige Zentimeter im Abseits steht, was für uns TV-Zuschauer aus dieser Perspektive aber nicht auszumachen ist.

 

Szene 11: Nach einem Schuss von Marcel Bär (VfR Aalen) klärt Özgür Özdemir (SG Sonnenhof Großaspach) den Ball auf der Linie und berührt ihn dabei mit der Hand. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:15]

Babak Rafati: Bei diesem Abwehrversuch von Özdemir auf der eigenen Torlinie geht die Hand aktiv zum Ball, dadurch wird ein Tor verhindert. Es wäre genug Zeit gewesen, den Arm aus dieser Gefahrenzone wegzuziehen, was er jedoch nicht tut. Das ist ein absichtliches Handspiel. Hier hätte es Strafstoß für Aalen und die rote Karte gegen Özdemir geben müssen. Eine Fehlentscheidung der Schiedsrichterin, weiterspielen zu lassen.

 

 
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