Strittige Szenen am 36. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Braunschweig (3), Zwickau, Meppen und Köln, das 1:1 von Zwickau, das 2:0 von Würzburg, das 2:0 von Halle, Foulspiele von Lindenhahn, Beister und Carls und die gelbe Karte gegen Hosiner. Am 36. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 14 Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Im Strafraum wird Marvin Pourie (Braunschweig) erst von Gerrit Wegkamp und wenig später von Maurice Hehne zu Fall gebracht. In beiden Szenen gibt Schiedsrichter Christof Günsch keinen Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 0:20 & 0:25]

Babak Rafati: Bei der ersten Szene fädelt Pourie ein und kommt selbstverschuldet zu Fall. Wegkamp begeht überhaupt kein Foulspiel. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen. Bei der zweiten Aktion springt Hehne ein paar Meter vor dem eigenen Tor vor dem einschussbereiten Pourie in den Zweikampf. Dabei trifft er nicht den Ball, denn dieser springt auf den Oberschenkel von Pourie, sondern den Oberschenkel von Pourie. Dadurch kommt er zu Fall. Das ist ein klares Foulspiel und hätte Strafstoß für Braunschweig und die gelbe Karte gegen Hehne geben müssen. Nicht Rot, da die Aktion im Kampf um den Ball ist und Hehne nicht die Absicht verfolgt, nur den Gegner zu attackieren. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 2: Morris Schröter (Zwickau) geht gegen Niko Kijewski (Braunschweig) im Strafraum zu Fall. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell im Strafraum von Braunschweig trifft Kijewski seinem Gegenspieler Schröter am Fuß und bringt ihn dadurch deutlich aus dem Gleichgewicht. Hier hätte es aufgrund dieses Foulspiels einen Strafstoß für Zwickau geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung, in dieser Szene weiterspielen zu lassen.

Szene 3: Elias Huth trifft zum 1:1 für Zwickau, Braunschweig moniert Stürmerfoul von Ronny König an Stephan Fürstner. Der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 2:20]

Babak Rafati: Sicherlich ist diese Aktion im Strafraum von Braunschweig zwischen König und Fürstner grenzwertig, jedoch springen beide ins Leere und erst danach kommt es in der Bewegung zu diesem Zweikampf, den man aber besser laufen lässt. Das sind fußballtypische Szenen. Somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen. 

Szene 4: Nach einer Ecke geht Steffen Nkansah (Braunschweig) im Duell mit Mike Könnecke (Zwickau) zu Boden. Erneut gibt es keinen Elfmeter für Braunschweig. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:35]

Babak Rafati: Nkansah will sich im gegnerischen Strafraum den Ball zurecht legen und auf das Tor schießen, wird in dieser Szene im Zweikampf aber von Könnecke unglücklich und sicherlich unbeabsichtigt in die Beine getroffen und zu Fall gebracht. Das ist trotzdem ein Foulspiel und somit hätte es einen Strafstoß für Braunschweig sowie eine gelbe Karte gegen Könnecke geben müssen. Eine Fehlentscheidung.

 

Szene 5: Luca Pfeifer erhöht nach einer Sontheimer-Vorlage auf 2:0. Hansa reklamiert Abseits, Schiedsrichter Tobias Schultes gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Beim Zuspiel auf Pfeifer sieht man von der Hintertorkamera sehr gut, dass ein Verteidiger das Abseits aufhebt, weil er etwas weiter entfernt von der Strafraumlinie steht als der Torschütze. Eine richtige Entscheidung, diesen Treffer anzuerkennen.

 

Szene 6: Moritz Stoppelkamp (Duisburg) ist im Ballbesitz, verliert das Spielgerät an Anthony Syhre (Halle) aber und moniert Foulspiel. Das Spiel läuft weiter, aus der anschließenden Ecke fällt das 2:0 für Halle. Schiedsrichter Benedikt Kempkes gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 47:40]

Babak Rafati: Auch wenn Stoppelkamp diesen Freistoß gerne bekommen hätte, ist der Zweikampf vom Gegenspieler Syhre im grünen Bereich, sodass kein Foulspiel vorliegt und der Schiedsrichter richtigerweise weiterspielen lässt.

Szene 7: Der bereits gelb verwarnte Toni Lindenhahn (Halle) hält Tim Albutat bei einem Konter am Trikot fest und kommt mit einer Ermahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:04:05]

Babak Rafati: Lindenhahn greift nur nach dem Trikot von Albutat und stoppt ihn mit einem taktischen Foulspiel. Hier ist eine gelbe Karte zwingend vorgeschrieben, sodass es eine gelb-rote Karte hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, es nur bei einer Ermahnung zu belassen, zumal gerade in der Nachspielzeit bei einer eigenen Führung noch mehr Argumente für einen Spieler sprechen, den Gegner stoppen zu wollen.

 

Szene 8: Maximilian Beister (Ingolstadt) und Matthis Harsman (Meppen) laufen zum Ball. Dabei nimmt Beister das Bein nach oben und trifft Harsman mit gestrecktem Bein an der Schulter. Gelb für Beister, entscheidet Schiedsrichter Justus Zorn. [TV-Bilder – ab Minute 1:24:00]

Babak Rafati: Bei dieser Aktion vor dem Strafraum von Meppen läuft Keeper Harsman aus seinem Tor heraus und klärt den Ball mit dem Kopf. Dabei kommt Beister angelaufen und springt mit gestrecktem Bein und offener Sohle hoch und will vielleicht auch den Ball spielen, jedoch trifft er den Keeper mit den Stollen an der Schulter. In dieser Szene sind theoretisch alle Kriterien für eine rote Karte gegeben. Brutale Spielweise, Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers und volle Intensität. Da aber der Treffer von Beister nicht so intensiv ist, wie er im ersten Moment aussieht, kann man in dieser Szene auch unter Berücksichtigung des Spielerverhaltens die gelbe Karte geben. Sie ist angemessener, als die rote Karte. Vorbildlich aber auch das Verhalten vom Keeper Harsman, der aus dieser Szene nicht mehr macht als sonst üblich. Respekt an diesen Sportsmann! 

Szene 9: Marius Kleinsorge (Meppen) kommt im Strafraum gegen Filip Bilbija (Ingolstadt) zu Fall. Kein Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 1:56:20]

Babak Rafati: Nach einem langen Ball in den Strafraum von Ingolstadt ist Bilbaja natürlich mit dem Arm am Gegenspieler Kleinsorge, aber das reicht bei Weitem nicht für einen Strafstoß aus. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Nach einem Zweikampf mit Christian Dorda (Uerdingen) sieht Philipp Hosiner (Chemnitz) von Schiedsrichter Mitja Stegemann seine zehnte gelbe Karte in dieser Saison. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf gibt es einen kleinen Mini-Rempler von Hosiner an Dorda. Das kann man gerade noch so mit viel Wohlwollen als Foulspiel durchwinken. Die Devise von Schiedsrichtern ist immer: "Weg vom Tor, weg aus der Gefahrenzone." Die anschließende gelbe Karte hierfür ist vollkommen überzogen und somit eine Fehlentscheidung. Das wirklich minimale Foulspiel kann nicht der Grund dafür sein. Wenn die gelbe Karte für die anschließende Reaktion Hosiners über den Pfiff gezeigt wird, kann man auch diese nicht nachvollziehen. Die Reaktion vom Spieler ist menschlich nachvollziehbar und zum anderen überhaupt nicht abwertend oder ähnliches gegenüber dem Schiedsrichter, sodass keine Unsportlichkeit vorliegt.

 

Szene 11: Jonas Carls (Köln) geht rüde in Christian Kühlwetter (Kaiserslautern) hinein. Schiedsrichter Florian Exner zeigt ihm Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 54:15]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf trifft Carls seinen Gegenspieler Kühlwetter mit dem Nachziehbein von hinten und bringt ihn dadurch zu Fall. Der Schiedsrichter gibt zunächst Vorteil und zeigt anschließend Carls die gelbe Karte. Das ist ausreichend und berechtigt, denn er trifft Kühlwetter nicht mit dem gestreckten Bein, sondern mit dem Nachziehbein, was sicherlich schmerzlich ist, aber nicht die Kriterien für eine rote Karte erfüllt.

Szene 12: Nach einer Flanke in den Strafraum berührt Kevin Kraus den Ball bei einem Luftzweikampf mit der Hand. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:52:40]

Babak Rafati: Nach einem langen Ball in den Strafraum von Kaiserslautern springt Kraus im Zweikampf hoch zum Kopfball und verschätzt sich dabei, sodass er nicht mehr mit dem Kopf an den Ball kommt. Er nimmt deshalb den Arm über der Schulter hoch und bekommt den Ball auf den Arm. Das ist strafbar und somit ein absichtliches Handspiel, daher hätte es einen Strafstoß für Köln sowie die gelbe Karte gegen Kraus geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen nicht zu geben.

 

Szene 13: Für ein vermeintliches Foul an Fabian Greilinger (1860) sieht Alexander Winkler (Unterhaching) von Schiedsrichter Florian Badstübner Gelb-Rot, nachdem er bereits aufgrund eines Remplers an Sascha Mölders (1860) mit Gelb verwarnt war. [TV-Bilder – ab Minute 1:40]

Babak Rafati: Die erste gelbe Karte ist schon vollkommen überzogen, um nicht zu sagen eine Fehlentscheidung, denn das ist ein ganz normaler Zweikampf. Die zweite gelbe Karte ist umso unverständlicher. Das Spiel soll mit einem Einwurf fortgesetzt werden. Winkler rempelt ein wenig und spitzelt leicht den Ball weg. Das sind die üblichen Spielchen auf beiden Seiten und so etwas ist nie und nimmer gelbwürdig, insbesondere wenn ein Spieler bereits verwarnt ist. Das Argument, dass ein Spieler, der bereits die gelbe Karte gesehen hat, so etwas wissen muss, kann man natürlich auch gelten lassen. Alles in Allem trotzdem eine Fehlentscheidung, in dieser Szene die Ampelkarte zu zeigen. Das kann man mit Kommunikation besser lösen.

Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde

   
  • Pater Alf

    Die Einschätzung von Szene 8 kann ich nicht nachvollziehen Rafati spricht selber von brutaler Spielweise, Gefährdung der Gesundheit und voller Intensität. Und nur weil Beister ihn zufälligerweise nicht voll trifft und ins Krankenhaus schickt, ist das dann kein Rot? Zumal Beister ja auch bewusst war, dass Meppen den Torwart schon wechseln musste (ebenfalls nach einem harten Einsteigen eines Ingolstädters) und bei einer weiteren Verletzung ein Feldspieler ins Tor gemusst hätte.

  • Phillip

    Selbst ich als Zwickauer halte die Gelbe für Hosiner für einen Witz, jedoch ist es am Ende nur gerecht hinsichtlich der Situation aus dem Hinspiel, als er Huth absichtlich provoziert und dieser daraufhin mit Gelb-Rot vom Platz musste (und er so tat als hätte er es nicht gewusst…). im Grunde also eine ausgleichende Ungerechtigkeit ;-)

  • Mike

    Lieber DM:
    Hier kannst Du nochmal nachlesen,dass die Gelbe an Hosiner eine Fehlentscheidung war.
    Die Gelbe bekam er auch nicht für seine verständliche Reaktion darauf,und selbst auf dieses Entsetzen hin,dürfte er kein Gelb bekommen!
    Hosiner hat vor dem Spiel extra dem Schiri gebeten,da er vor seiner 10.Gelben stand,fair ihm gegenüber zu sein.
    Der Schiri tat aber leider das Gegenteil!Schade!

  • ulrich lüdtke

    Szene 10: Nach einem Zweikampf mit Christian Dorda (Uerdingen)
    sieht Philipp Hosiner (Chemnitz) von Schiedsrichter Mitja Stegemann
    seine zehnte gelbe Karte in dieser Saison. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]
    Die Einschätzung von Rafati ist richtig, ich hätte auch kein Gelb gegeben.
    Was ich jedoch nicht verstehe, ist Hosiner selbst, er sieht das er den Ball nicht bekommen kann,
    warum verpasst er seinem Gegenspieler noch diesen Rempler?
    Wenn nicht, dann hätte man kein Gelb und keiner müsste diskutieren.

    • Jörg Z

      plötzlich ist das kein taktisches Foul, was ja anscheinend siehe Mbnom jedes Foul ist

      Rafgierati lass es sein, mach endlich Schluiss

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